So könnte die Zukunft des Tourismus aussehen

Der Massentourismus erfordert neue Lösungen. Bisher verpönte All-inclusive-Ferien bergen plötzlich Potenzial für nachhaltiges Reisen.

Es muss nicht unbedingt Ipanema sein, aber All-Inclusive-Tourismus im Strandhotel könnte sich zu einer nachhaltigen Reiseart entwickeln. Bild: Keystone

Es muss nicht unbedingt Ipanema sein, aber All-Inclusive-Tourismus im Strandhotel könnte sich zu einer nachhaltigen Reiseart entwickeln. Bild: Keystone

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Halb Europa ächzt bereits unter dem Ansturm der Touristen, die Massen nehmen jährlich zu und fluten auch die Schweiz. Gleichzeitig wird der Ruf nach mehr Umweltschutz lauter, die Klimajugend protestiert, die Grünen waren im Oktober die Wahlsieger.

Stoppen lassen sich die Touristen kaum. Wie bringt man also beide Interessen unter einen Hut, den Wunsch nach der Ferienreise auf der einen und Nachhaltigkeit auf der anderen Seite? Bei Schweizer Reisebüros steigt gemäss Travel Inside die Nachfrage nach ökologischen Angeboten. Eigentlich eine gute Sache. Für den Einzelnen. Doch wie nachhaltig wäre es, wenn der ganze Touristenstrom über umweltfreundliche Baumhaushotels in Südostasien oder rustikale Chalets im Bündnerland herfallen würde?

Ein Geschmack von Übertourismus in der Schweiz: Rund 4000 Mitglieder einer chinesischen Reisegruppe trafen sich im Mai 2019 in Luzern. Bild: Keystone

Gar nicht, sagt Jeremy Sampson, CEO von Travel Foundation. Für ihn gibt es keine Realität, in der alle in Öko-Lodges absteigen, das sei schlicht nicht machbar und würde diesen Orten auch nichts bringen. Diese Unterkünfte seien nicht für einen Touristenansturm ausgelegt.

Für Sampson gibt es aber durchaus einen nachhaltigeren Massentourismus und zwar in All-inclusive-Anlagen. Die lange verpönte Pauschalreise müsse nur etwas verbessert werden und könnte dann seinen Beitrag leisten, erklärt er CNN.

Weniger CO2-Ausstoss pro Passagier

Der Weg in den All-inclusive-Bunker startet normalerweise mit einem Flug. Die Reise muss für den Massentouristen möglichst günstig sein, also kommt eine Billigairline in Frage. Der Vorteil von diesen: Sie haben meist eine jüngere Flotte, die weniger Kerosin verbraucht und weniger CO2 ausstösst.

Die letzte Erhebung des Spezialisten CH-Aviation zeigt, dass Norwegian die jüngste Flotte in Europa hat, mit einem durchschnittlichen Flugzeugalter von 4,32 Jahren. Auch der ungarische Low-Cost-Carrier Wizz Air hat mit einem Durchschnitt von 5,43 Jahren eine junge Flotte. Grössere Airlines wie Delta oder British Airways liegen bei rund 15 Jahren, teilweise sind sogar noch über 20-jährige Jumbos im Einsatz.

Eine Boeing 737 der Norwegian in Kirkenes. Mit einem Dienstalter von 5 Jahren bereits ein älteres Modell bei der Billigairline. Foto: Reuters

Billigairlines stopfen ausserdem so viele Passagiere wie möglich in ihre Flieger, ausgiebige Beinfreiheit, Businessclass und sonstigen Schnickschnack gibt es nicht. Somit sinkt auch der CO2-Ausstoss pro Passagier.

Einheimische entlasten

Optimal und klimafreundlicher wäre statt des Flugs eine Anfahrt per Zug. Für viele Destinationen ist diese Reiseart aber noch zu umständlich, wenn mehrere Zugwechsel notwendig ist, die Fahrt dauert dann insgesamt zu lange, und im Vergleich zum Flug ist die Reise auch meist zu teuer. An allem lässt sich arbeiten, der Trend geht bereits hin zu mehr Nachtzügen. Bis der Pauschaltourist aber per Zug statt Flugzeug nach Südspanien reist, wird es noch ein paar Jahre gehen.

Es bleibt also vorerst beim Flug mit der Billigairline, danach gehen die künftigen Massenferien im Bus weiter, nach dem Zug die ökologischste Fortbewegungsart für grosse Gruppen. Es ist besser, wenn 200 Passagiere in 5 Bussen weiterreisen, als in 50 Autos.

Rund 100 zusätzliche Cars brachte die chinesische Riesengruppe im Mai nach Luzern. Bild: Keystone

Das Ziel der Reise: Der All-inclusive-Bunker, das abgeschottete Badeparadies für den Erholungssuchenden. Was wie der Albtraum des modernen Abenteuerreisenden tönt, ist für Sampson die Rettung für die Tourismuswelt. Die Städte klagen über zu viele Touristen, zu viele Airbnbs, zu wenig Platz für die Einheimischen und den Verlust der Lebensqualität. Bleiben die Feriengäste brav in der Hotelanlage, gibt es für die Einheimischen plötzlich wieder ihren Raum, und aus Airbnbs werden wieder Wohnungen.

All-inclusive – im lokalen Restaurant

Als Verlierer stehen dann aber lokale Geschäfte und Restaurants da, die sich auf das Füttern der Massen eingerichtet haben. Die Verpflegung ist tatsächlich aber auch im All-inclusive-Hotel ein Problem. Meist gibt es Essen vom Buffet, meist aus allen Regionen der Welt herangekarrt, meist schöpfen die Hungrigen mehr, als sie essen, und es gibt es Food-Waste.

Für Sampson ist deshalb klar: das Essen in solchen Resorts müsste lokaler produziert werden, mit Produkten von Bauern aus der Region. Oder, die Hotels arbeiten mit den Restaurants in der Umgebung zusammen und lassen ihre Gäste beispielsweise mit Gutscheinen an kontingentierten Tischen dort essen. Beide Ansätze unterstützen lokale Betriebe und die Einheimischen, deren Restaurants ausgelastet bleiben, aber nicht überfüllt werden.

Chinesen belagern Bucherer in Luzern, für einzelne Geschäfte ein gutes Geschäft, andere gehen leer aus. Bild: Keystone

Grösser gedacht können Landwirtschaftsbetriebe zusammen die Versorgung von Hotels in der Nähe sicherstellen. Für die Vermarktung der Anlagen wäre dieser Lokalkolorit zumindest bei Schweizer Gästen wohl ein Plus. Travel Foundation arbeitet genau an solchen Projekten, auch im Kleinen. In Griechenland versorgen lokale Hersteller Hotels mit biologischem Olivenöl, Wein und Honig, in Mexiko gibt es Konfitüre aus der Region, auch im Hotelshop und in der Türkei beliefern 40 Bauern zusammen mehrere Resorts. Die Projekte laufen auch weiter, wenn Travel Foundation sich zurückzieht, berichtet Mediensprecher Ben Lynam.

Besuchermassen einschränken

Restaurant hin oder her, der Massentourist im All-inclusive-Bunker erlebt das Land ja gar nicht, das er besucht, dürften Individualreisende nun monieren. Einerseits gibt es einen Prozentsatz an Menschen, die gar nicht mehr wollen, als vom Hotelzimmer an den Strand oder Pool und zurück in die Anlage zu trotten. Die anderen könnten mit Tagesausflügen geordneter zu Sehenswürdigkeiten gekarrt werden. Gruppen seien besser zu planen und zeitlich einzuteilen, als Individualreisende, die plötzlich auftauchen, sagt Lynam.

Ein Teil der chinesischen Reisegruppe in der Aareschlucht. Sie kamen vor der Hauptsaison, die Betreiber freuten sich daher über das Zusatzgeschäft, und es wurden kaum andere Touristen betroffen. Bild: Hans Peter Roth

Wo jetzt Übertourismus herrscht und die Leute Schlange stehen, muss man auch bei Sehenswürdigkeiten umdenken. So wie im Anne-Frank-Haus in Amsterdam, wo man sich im Voraus ein Ticket für eine bestimmte Zeit kaufen muss. Danach fällt das Anstehen an der Kasse weg, und bei der Besichtigung hat man mehr Platz. Die Betreiber müssen nur darauf achten, nicht zu viele Besucher pro Zeitraum zuzulassen. Ein bekanntes Prinzip.

Farbige Bettwäsche

Hotelresorts haben noch viele weitere Möglichkeiten, um nachhaltiger zu werden: Recycling in der Anlage, Einsatz für Tierschutz, effektivere Klärsysteme oder farbige Bettwäsche. Weisse Duschtücher oder weisses Bettzeug muss regelmässig gebleicht werden, etwa um Sonnencremeflecken wegzubringen. Farbige Sachen haben daher einen positiven Effekt auf die Umwelt.

Individualreisen können nachhaltig sein, sie können aber genauso gut klimaschädigender sein als Pauschalferien am Strand, sagt Lynam. Den Massentourismus gebe es ohnehin, den Umgang damit könne man aber noch ändern. Und obwohl der Wandel wohl im Kleinen beginnen mag, wer wirklich etwas ändern wolle, müsse alle Formen des Problems anschauen, also auch den Massentourismus.

(anf)

Erstellt: 19.11.2019, 20:41 Uhr

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