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Zeitreise in die 90erSo klingt Musik für den Lockdown

Kruder & Dorfmeister, die laxen Mixer aus Wien, geben ihr Debütalbum heraus – mit 25 Jahren Verspätung. Die Stücke von damals passen genau in die verlangsamte Zeit von heute.

«Wir suchen die Tiefe, nicht die Oberfläche», sagen Kruder & Dorfmeister.
«Wir suchen die Tiefe, nicht die Oberfläche», sagen Kruder & Dorfmeister.
Foto: Andreas H. Bitesnich

Ihre Musik von morgen klingt wie von gestern. Das hat mit der Entstehungsgeschichte von «1995» zu tun, dem neuen alten Album von Kruder & Dorfmeister, den Wiener DJs. Sie hätten die Arbeit an ihrem ersten Album damals aufgegeben, sagen sie, per Video aus Wien (Kruder) und Zürich (Dorfmeister) zugeschaltet. Aber die beiden sind ihre Arbeit schon immer gelassener angegangen als andere in dieser hysterischen Branche. 25 Jahre später hätten sie sich die alten Bänder nochmals angehört und gefunden: Diese Musik passe heute wieder.

Musik aus dem Schlafzimmer

Sie haben recht. Die Stücke von damals vertonen das Leben von heute - ein Leben im Lockdown des Rückzugs, der Schutzbedürftigkeit und der Verlangsamung. Die Stücke auf «1995» pulsieren im Ruhepuls des Alleinseins, sie klingen wie unter einer Decke. Wie treffend, dass sie ihren Aufnahmeort «Bedroom Studio» nannte, Schlafzimmerstudio. «Wir nahmen die Musik damals zu Hause auf», erinnert sich Peter Kruder, «und sie gibt die damalige Zeit gut wieder.» In diesen frühen Stücken klingt Verletzlichkeit an, eine fast naive Friedlichkeit, wonach alles trotzdem gut herauskommt. Davon kann heute keine Rede sein.

Zwar fand 1995 das Massaker von Srebenica statt; Timothy McVeigh und seine Komplizen töteten in Oklahoma mit einer Lastwagenbombe 168 Menschen: der tamilische Bürgerkrieg tobte weiter; die englische Behring-Bank machte wegen eines Traders Bankrott. Und die EU definierte den Schengenraum. Aber das Jahr signalisierte auch das Ende des Bosnienkriegs; serbische Militärkader wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Verglichen mit heute ein relativ friedliches Jahr.

Der Aufbruch der Neunziger

In den Neunzigerjahren passierte auch musikalisch eine Menge: Der Techno begann sich im langsamen, sinnlichen Trip-Hop aufzulösen, mit dem Tod von Kurt Cobain starb der Grunge. Die neue Musik klang muskulöser und organischer. Gruppen wie Nine Inch Nails, Massive Attack und Portishead, Blur, Radiohead oder Björk gaben Platten heraus, die grossen Einfluss auf die elektronische Musik nehmen würden.

Frage an die beiden DJs zu ihrer Zeitreise in die eigene Vergangenheit: Wie haben sie diese Jahre als Musiker erlebt? Kruder: «Es war musikalisch gesehen ein ungeheuer interessantes Jahrzehnt. Mit unserem Sound wollten wir eine Gegenbewegung zur Härte des Techno entwickeln. Und inspirierten uns am Pool der Vergangenheit.»

Wie weit diese Vergangenheit zurückreicht, hört man schon der ersten Single des Albums an. Diese weist nicht 25, sondern über 80 Jahre zurück. Der Song heisst «Johnson» und kommt mit einer einzigen Fragezeile aus «Baby, don’t you want to go?», vorgetragen mit einer papieren dünnen Stimme. Die Zeile verweist auf «Sweet Home Chicago», einen Blues-Standard, den sogar Barack Obama im Weissen Haus gesungen hat.

Das Original aber, auf das die Wiener rekurrieren, stammt aus den Dreissigerjahren und von Robert Johnson, dem mythischen Bluesmann, der mit 27 starb, vermutlich vergiftet durch einen Nebenbuhler.

In einem anderen Stück, «High Noon» aus der EP «G-Stoned», lassen die beiden Elvis’ «Blue Moon» aufschimmern, auch hier mit einer einzigen, mit verlorener Stimme vorgetragenen Zeile. Die Zitate klingen so, als würden die Toten aus grosser Entfernung zu uns sprechen. Dorfmeister möchte die Inspiration nicht analysieren; er spricht von einem intuitiven Prozess, bei dem sie die gesampelten Quellen mit Echo, Wiederholungen, Verzögerungen und anderen Effekt behandelten.

Kraftwerk, die deutschen Pioniere der elektronischen Musik, hatten sich immer dagegen verwahrt, dass ihre Stücke dazu verwendet würde, Kunden zu somnambulen Konsumenten herunterzudimmen: Musik als aurale Dekoration. K&D finden zwar, es sei immer schöner, gehört zu werden als nicht gehört. Aber nicht um den Preis der Verseichtung. Von Muzak, auch bekannt als Liftmusik, grenzen sie sich deutlich ab: «Das hat mit unserem Sound nichts zu tun», sagt Richard Dorfmeister, «denn wir suchen mit unseren Breaks die Tiefe, nicht die Oberfläche.»

Das Wiener Schwergefühl

Was ist das Wienerische an ihrer Musik? Das Morbide, das Fatalistische? Die Schwermut des Balkans? Oder liegt es nur am Marihuana, dass sie damals in hohen Dosen konsumierten? Dorfmeister spricht von einem Schwergefühl, das er mit seiner Heimatstadt assoziiert. In den Achtzigern und frühen Neunzigern sei ihnen Wien gräulich vorgekommen, total verschlafen. «Das hat sich auf unseren Sound ausgewirkt.»

Dieser folge einer eigenen Zeitrechnung, sagt er noch. «Unsere Zeit vergeht langsamer und dafür intensiver.» Ihre Musik von gestern klingt wie eine Anleitung für unser Heute.

Kruder & Dorfmeister: «1995» (G-Stoned/Phat Penguin).

3 Kommentare
    jmb

    At Adi Züblin: Sie haben völlig recht, ich entschuldige mich für diesen peinlichen Fehler; wir haben ihn korrigiert. Vielen Dank für Ihre Korrektur. Beste Grüsse, JMB