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Kunsthaus-AusstellungSo haben Sie die Schweiz noch nie gesehen

Ein Rundgang durch die aktuelle Romantik-Schau im Zürcher Kunsthaus, die uns eine Schweizer Alpenwelt zeigt, wie sie dramatischer nicht sein könnte.

Josef Anton Koch: «Das Wetterhorn mit dem Reichenbachtal», 1824.
Josef Anton Koch: «Das Wetterhorn mit dem Reichenbachtal», 1824.
Foto: Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart

Wegen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Reisebeschränkungen machten mehr Schweizer Ferien in den Alpen als in anderen Jahren und haben dabei Berggipfel und Täler, Wasserfälle und Gletscher, Wälder und Wolken wiederentdeckt, die schon vor 200 Jahren das Herz der Romantiker in den Schweizer Bergen bewegten. Damals sprach man von einer erhabenen Natur und meinte «die wilde Pracht, welche in diesen erstaunlichen Wercken der Natur hervorleuchtet». Die Maler aus dem frühen 19. Jahrhundert suchten nicht mehr das topografisch exakte, ja beinahe schon fotorealistische Abbild der Berge, wie das zum Beispiel der aus dem aargauischen Muri stammende Caspar Wolf im 18. Jahrhundert tat, sondern versuchten die Natur so wiederzugeben, wie sie sie empfanden. Es ging ihnen um die Darstellung der subjektiven, individuellen Haltung gegenüber der Natur.

Ein schönes Beispiel dafür ist das Gemälde «Das Wetterhorn mit dem Reichenbachtal» von Joseph Anton Koch, der aus dem Südtirol stammte. Koch ging in Stuttgart bei einem Vedutenmaler in die Lehre, der ihm die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Landschaft beibrachte. Als Anhänger der Französischen Revolution floh er in die Schweiz, um dann weiter nach Rom zu reisen. Das Wetterhorn malte er nicht im Berner Oberland, sondern in seinem Römer Atelier. Ihn interessierte nicht das präzise Abbild, sondern das Ideale, das Heroische und Grandiose, das er in der Schweizer Bergwelt verkörpert sah. Als Vorlage benutzte er, wie das der Berner Kunsthistoriker Tobias Pfeifer-Helke in seinem Beitrag zum Katalog der Zürcher Ausstellung «Im Herzen wild, die Romantik in der Schweiz» ausführt, ein Aquarell des befreundeten Berner Vedutenmalers Mathias Gabriel Lory.

François Diday: «Die Aare bei der Handeck», 1854.
François Diday: «Die Aare bei der Handeck», 1854.
Foto: Kunsthaus Zürich

Nicht weniger atemberaubend ist François Didays Gemälde «Die Aare bei der Handeck». Der 1802 in Genf geborene Maler besuchte die Kunstschule seiner Vaterstadt und war nach einer Studienreise durch die Schweiz im Atelier von Antoine Jean Gros in Paris tätig, um sich dann wieder in Genf niederzulassen. Er spezialisierte sich auf die Schweizer Alpenlandschaft und war der Lehrer der für die romantische Malerei zentralen Genfer Schule. Das vorliegende Bild beschreibt, wie ein Sturm an der Handeck auf dem Grimselpass heraufzieht.

Einer der Schüler Didays war Alexandre Calame, der es mit seiner Malerei zu internationaler Berühmtheit und einigem Reichtum brachte. Bekannt wurde der Genfer mit seinem Gemälde «Der Sturm an der Handeck», das nicht nur ein gefährliches Wolkengebräu inszeniert, sondern mit gestürzten Tannen auch die zerstörerische Kraft des Sturms festhält. Calames Gemälde wurde 1839 am Pariser Salon ausgestellt.

Alexandre Calame: «Der Sturm an der Handeck», 1839.
Alexandre Calame: «Der Sturm an der Handeck», 1839.
Foto: MAH Musées d’art et d’histoire, Ville de Genève

Ein Zeitgenosse Calames schrieb zu dem Bild: «Es graut einem vor diesem Kampf der Elemente, der schon ausgetobt hat, dessen zerstörende Wut sich aber an den Opfern offenbart.» Immer wieder hielt der Maler auf seinen Bildern die Zerstörungskraft der Natur fest. Ein geradezu schockierendes Bild in der Ausstellung ist «Der Bergsturz», der zwar nicht direkt Bezug nimmt auf den Bergsturz von Goldau im Jahr 1806, dennoch die Kleinheit und Verletzlichkeit des Menschen angesichts der Grösse und Unendlichkeit der alpinen Natur meisterhaft in Szene setzt.

Alexandre Calame: «Der Bergsturz», 1841.
Alexandre Calame: «Der Bergsturz», 1841.
Foto: Kunsthaus Zürich

Eines der berühmtesten Gemälde von Calame ist sein Sonnenaufgang beim Eiger, der ganz ohne Zerstörung auskommt und dabei die Erhabenheit der Gebirgswelt einfängt. Die beiden Rückenfiguren im Vordergrund erinnern an Caspar David Friedrichs ikonische «Kreidefelsen auf Rügen». Dieses Hauptwerk der malerischen Romantik hängt allerdings nicht in Zürich, sondern ist auch während der grossen Romantik-Ausstellung am Kunsthaus weiterhin im Kunstmuseum Winterthur zu sehen. Der Winterthurer Industrielle Oskar Reinhart, dessen Sammlung heute im Kunstmuseum Winterthur zu bewundern ist, kaufte übrigens das Bild 1930 für 50’000 Reichsmark durch Vermittlung von Fritz Nathan vom jüdischen Kunstsammler Julius Freund.

Alexandre  Calame: «Der grosse Eiger bei aufgehender Sonne», 1844.
Alexandre Calame: «Der grosse Eiger bei aufgehender Sonne», 1844.
Foto: Depositum der Schweizer Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Gottfried-Keller-Stiftung

Von Calames Eiger führt ein direkter Weg zu William Turner, der auf seinen Schweiz-Reisen nichts so sehr suchte wie das beeindruckende Naturschauspiel, den wolkenverhangenen Gebirgszug oder die Lichtphänomene, die sich zwischen den Wolken oder auch durch die Wolken hindurch offenbaren. In der Ausstellung finden sich gleich drei Aquarelle des Briten, der auf seinen 18 Reisen durch Europa nicht weniger als sechsmal die Schweizer Alpen besuchte. Sein «Vierwaldstättersee mit Blick auf Flüelen», der von der Londoner Courtauld Gallery an die Zürcher Ausstellung ausgeliehen wurde, besticht durch seine dämmrige Kälte, die so schemenhaft ist, dass man das Bild geradezu als abstrakte Malerei bezeichnen möchte.

William M. W. Turner: «Vierwaldstättersee mit Blick auf Flüelen», 1841.
William M. W. Turner: «Vierwaldstättersee mit Blick auf Flüelen», 1841.
Foto: The Samuel Courtauld Trust, The Courtauld Gallery, London, Scharf Bequest 2007

Eines der zehn Kapitel dieser weit ausgreifenden Ausstellung ist mit «Natur im Fragment» überschrieben. Hier werden Grossaufnahmen versammelt, wie Fotografen wohl sagen würden, Detailstudien aus der Natur, die den Aquarellen von Turner nicht unähnlich sind. Diese fragmentarischen Bilder betrachten die Natur gewissermassen unter der Lupe. Erst in jüngerer Zeit wurde ihnen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuteil. Ob die Genfer Diday oder Calame, ob die Basler Samuel Birmann oder Johann Jakob Frey, die Skizzen in Öl erfreuen sich inzwischen auch bei Kunstsammlern wachsender Beliebtheit und werden in der Ausstellung in mehreren Serien präsentiert. Nochmals sei hier Alexandre Calame erwähnt, dem am 13. Juli 1861 auf dem Pilatus diese Kohlezeichnung gelang:

Foto: PD

Von Johann Jakob Frey, einem in Basel geborenen Landschaftsmaler, der über Paris und München schliesslich nach Rom gelangte, stammt eine phänomenale Wolkenstudie, in der sich die Wolken zu kleinsten Ballungen formieren und in einer geradezu majestätischen Bewegung über den Himmel verteilen. «Solche Gebilde haben sich», wie Markus Bertsch im Katalog schreibt, «vermutlich bereits vom unmittelbaren Naturvorbild gelöst, um im Stilisierend-Artifiziellen aufzugehen.»

Johann Jakob Frey: «Wolkenstudie (bei Rom?)», undatiert.
Johann Jakob Frey: «Wolkenstudie (bei Rom?)», undatiert.
Foto: Privatsammlung

Zu guter Letzt treffen wir in dieser von Jonas Beyer hervorragend kuratierten Ausstellung noch auf den grossen Arnold Böcklin, der zwar nicht zu den Schweizer Alpenmalern gehört, dem aber in jungen Jahren Natur- und Baumstudien gelangen, die romantischer nicht sein könnten. Seine Wettertannen aus dem Jahr 1849 sind vermutlich im Schweizer Jura bei Noirmont oder im Baselbieter Jura entstanden. Der 1827 in Basel geborene Böcklin, der in Düsseldorf die Kunstakademie besuchte, danach Studienreisen nach Belgien und Paris unternahm, weilte 1849/50 in Basel, bevor er für sieben Jahre nach Rom zog. Aus dieser Basler Zeit stammen viele romantische Naturstudien, später kamen ähnliche Bilder aus der Umgebung von Rom dazu. Die eindrücklichsten Exemplare sind so geheimnisvoll und mythisch aufgeladen, dass sie den Symbolismus von Böcklins Spätwerkes vorwegzunehmen scheinen.

Arnold Böcklin: «Wettertannen», 1849.
Arnold Böcklin: «Wettertannen», 1849.
Fot: Kunstmuseum Basel, Vermächtnis Clara Böcklin

Kunsthaus Zürich: Im Herzen wild. Die Romantik in der Schweiz. Die Ausstellung dauert bis zum 14.2.2021

8 Kommentare
    S. Ittensohn

    Danke für diesen ausserordentlich faszinierenden Beitrag - so kann man als Risikopatient von zuhause aus doch etwas Kunst geniessen.