Zum Hauptinhalt springen

Porträt der Autorin Meral KureyshiSie zettelt den Aufstand an

Die Schweizerin hat mit ihrem ersten Buch Leserinnen berührt, musste aber auch erklären, weshalb sie so gut Deutsch kann. Als ihr zweiter Roman angekündigt wurde, geschah lange nichts. Jetzt ist «Fünf Jahreszeiten» erschienen.

Meral Kureyshi mag es, wenn sie den Erwartungen zuwiderläuft. Sie sagt: «Die Erwartungen von aussen interessieren mich nicht.»
Meral Kureyshi mag es, wenn sie den Erwartungen zuwiderläuft. Sie sagt: «Die Erwartungen von aussen interessieren mich nicht.»
Foto: Matthias Günter

Meral Kureyshi steht mitten in der grossen Halle des Bahnhofs Zürich, ihre Schutzmaske und der Lärm im Hintergrund verschlucken die Begrüssungsworte, die sie wohl spricht. Kureyshi wartet, und obwohl es ein sonniger Herbstnachmittag ist, gelangt das Licht nur als Dämmerung herein. Kureyshi, Autorin aus Bern, 37 Jahre alt, erinnert in diesem Moment der Reglosigkeit an die Protagonistin ihres zweiten Buchs «Fünf Jahreszeiten», das jüngst erschienen ist: Eine junge Frau mit dem Anfangsbuchstaben M arbeitet in einem Kunstmuseum als Aufseherin. Sie beobachtet ihren eigenen Stillstand.

Von der Ankündigung des Romans bis zur Publikation dauerte es lange. Das Erscheinungsdatum wurde von Kureyshi und ihrem Verlag immer wieder verschoben. Auf Sommer 2019, auf Herbst 2019, auf Frühling 2020, auf Sommer 2020, auf Herbst 2020 – das Warten der Leserinnen und Leser dauerte fünf Jahreszeiten und länger.

Kureyshis Debütroman «Elefanten im Garten» hatte 2015 viel Lob und Bewunderung von Publikum und Literaturkritik erfahren, wurde mehrfach ausgezeichnet und für den Schweizer Buchpreis nominiert. Nun fragen sich viele: Wird das zweite Buch an den Erfolg anschliessen? Und wird Meral Kureyshi trotz Erwartungsdruck, jenem beengenden Gefühl des Beobachtetseins, in ihrer poetischen, zarten, tastenden Sprache weitererzählen?

Kureyshi sagte 2018 im «Migros-Magazin»: Ihr zweites Buch werde wahrscheinlich manche enttäuschen. Es werde laut sein. Kureyshi mag es, wenn sie den Erwartungen zuwiderläuft, zuwiderdenkt, zuwiderschreibt. Sie sagt: «Die Erwartungen von aussen interessieren mich nicht.» Ihr genügten ihre eigenen.

«Warum ist das zweite Buch das schwierigste?»

Kureyshi spaziert jetzt durch das Zürcher Niederdorf zum Kulturzentrum Karl der Grosse, wo sie an diesem Oktoberabend zum ersten Mal aus ihrem neuen Roman liest. Die Veranstaltung wird vom Literaturfestival «Zürich liest» organisiert. Kureyshi setzt sich auf der Bühne neben den Zürcher Autor Frédéric Zwicker. Auch er hat kürzlich sein zweites Buch veröffentlicht. Und die Moderatorin fragt: «Warum ist das zweite Buch das schwierigste?»

In diesen ersten Minuten der Veranstaltung zeigt sich in Ansätzen, was später deutlich werden wird: Dass man sich Kureyshis Zugewandtheit verdienen muss, wenn man sich mehr wünscht als eine anfängliche Höflichkeit.

Kureyshis neuer Roman «Fünf Jahreszeiten» ist wehmütig, leise im Ton. Für Kureyshi ist er laut wie ein Schrei.
Kureyshis neuer Roman «Fünf Jahreszeiten» ist wehmütig, leise im Ton. Für Kureyshi ist er laut wie ein Schrei.
Foto: Fabian Hugo (13 Photo)

«Für mich war das zweite Buch nicht schwieriger als das erste», sagt Kureyshi. Wie beim ersten Buch habe sie mit dem Stoff gekämpft, ihn von 900 Seiten auf 200 gekürzt. «An meinem ersten Buch habe ich zehn Jahre geschrieben. Für mein zweites Buch versuchte ich, mir die Zeit zu nehmen, die ich brauchte.» Und ob vielleicht jemand das Fenster schliessen könne? Es sei etwas kalt.

Meral Kureyshi spricht klar, bestimmt. Und sie schreibt nachdenklich, demütig. In diesem Widerspruch liegt eine Erwartung an Kureyshi, die sie gern enttäuscht: Da ist der Trugschluss, dass sie sich so zurückhaltend verhält, wie sie schreibt. Oder dass sie ähnlich zerbrechlich ist wie die Figuren in ihren Texten.

Im Spätsommer 2019 war Kureyshi für eine Lesung nach Thun eingeladen. Die Lesung fand in einem gediegenen Saal in einem Schloss am Thunersee statt. Kureyshi las aus «Elefanten im Garten», ihrem berührenden Roman über eine Familie, die Migration, Entfremdung und Verlust erfährt. Im Publikum sassen fast nur elegant gekleidete Männer und Frauen, alle älter, sie schienen eine Einheit zu sein in Herkunft und Schicht. Vorne sass Meral Kureyshi, eine junge Frau, die in Prizren, Kosovo, geboren wurde und mit neun Jahren nach Bern kam.

Nachdem Kureyshi vorgelesen, Anekdoten erzählt, Witze gerissen hatte und auch die anschliessende Fragerunde selber moderieren musste, blieb es still. Dann meldeten sich zwei, drei Zuhörer. Sie äusserten ihr Erstaunen darüber, dass jemand wie Meral Kureyshi, also jemand aus dem Balkan, die deutsche Sprache so gut beherrsche. Wie sie dies geschafft habe?

Zum Verlust des Vaters, der im Roman derart eindringlich beschrieben ist, dass man beim Lesen einen eigenen Verlust spüren muss – keine Frage dazu, kein Wort.

Kureyshi war irritiert, und nach der Lesung war sie genervt. Immer wieder hat sie erlebt, dass Leute bei der besonderen Migrationsgeschichte stehen bleiben und die eigentliche, allgemeingültige Geschichte von Tod und Trauer überlesen. Viele Leute wollen bei Meral Kureyshi das Andere sehen, statt das Eigene erkennen. Kureyshi sagt, sie habe sich oft unverstanden gefühlt.

Laut wie ein Schrei

Was Kureyshi jetzt über ihr neues Buch sagt, gilt auch für ihr erstes: «Wer es lesen und verstehen will, muss sich darauf einlassen können.» Auf etwas, in dem niemand gern sei, wo es langsam vorwärtsgehe.

Am Anfang eines Buches steht bei Kureyshi immer eine bestimmte Empfindung. Etwas, das sie bedrängt. Bei «Fünf Jahreszeiten», dem zweiten Buch, sei es ein Stechen im Bauch gewesen. Das Gefühl, dass Dinge und Situationen vergehen, und die damit verbundene Frage, was all dies zu bedeuten habe. Kureyshi wollte den Zustand des Verharrens, der Unbeweglichkeit erfassen. Jenen Punkt, an dem man stehenbleibt, während alles andere sich ablöst und entfernt. Der passende Ort dafür: ein Kunstmuseum, in dem die Protagonistin als Aufseherin nichts tun darf, ausser stumm beobachten, was um sie herum geschieht. Und in ihr drin.

Die junge Frau, für Kureyshi klar dieselbe Person wie im ersten Buch, bloss älter, begegnet fünf verschiedenen Männern. Sie kreist um ihren Freund, kreist um ihren Geliebten, aber eigentlich kreist sie um sich selber. Sie durchwandert die Stadt. Sie ruft «leise durch die Laube, meine Stimme erklingt wie von weit her, sie zittert durch die Gassen. Es antwortet niemand.» Der Roman wirkt wehmütig, leise im Ton. Doch für Kureyshi ist er laut wie ein Schrei.

Im Karl der Grosse richtet sich die Moderatorin an Frédéric Zwicker und Kureyshi: «Ich habe den Eindruck, dass eure Figuren etwas suchen.» Kureyshi antwortet: «Das kann man ja über jede Figur sagen. Klar sucht auch meine Protagonistin etwas, aber ihr Stillstand ist im Vordergrund.» Die Moderatorin, hilflos, versucht es nochmals: «Aber wonach sucht sie denn?»

Kureyshi sagt: «Nein, das sage ich jetzt nicht. Das kann man doch selber herausfinden. Ich weiss, wonach sie sucht, aber sie nicht.» Kurz ist es still. Im Publikum sitzen die Leute weit auseinander und reglos, die Masken verheimlichen, was sie denken. Zwicker übernimmt.

Kureyshis ist Gast an diesem Abend, aber auch als Gast will sie nicht höflich ertragen müssen, was sie für falsch hält. Kureyshi ist oft eine Spielverderberin. Überall, wo sie in ihrem Leben gearbeitet hat, während der Uni im Kino oder im Kleidergeschäft, zuletzt im Museum für die Buchrecherche, hat sie mehr Lohn für die Angestellten gefordert, hat aufbegehrt, wenn sie Unrecht und Demütigung beobachtete. «Ich habe immer einen Aufstand angezettelt», sagt Kureyshi. Sie wurde an allen Orten entlassen.

Und dann kommt die Angst

Die vergangenen fünf Jahre, in denen Kureyshi als Autorin auftrat und Begegnungen wie jene in Thun hatte, haben ihr wohl bewusst gemacht: Als Gast, in dessen ursprünglicher Bedeutung der Fremde, der Ausländer enthalten ist, darf sie sich das Eigene bewahren. Und Kureyshi tut es umso lustvoller, je grösser der Gegensatz zwischen ihr und dem Publikum scheint. Dazu gehört für Kureyshi, Antworten zu verweigern, wenn sie glaubt, die anderen können sie selber finden.

Kureyshi liest die ersten Seiten aus «Die fünf Jahreszeiten» zum ersten Mal vor Publikum. «Die Unsicherheit ist jetzt beim Vorlesen da», sagt Kureyshi. «Ich würde gerade wieder so viel wegstreichen wollen.» Während der Arbeit habe sie in ihrem Kopf nur Platz für den eigenen Stress, sei sie ununterbrochen beschäftigt. Da könne kein Gedanke von aussen eindringen. Druck und Unsicherheit kämen erst, wenn ihre Arbeit des Schreibens, Kürzens, Verdichtens getan sei. Wenn das Buch publiziert ist, dann erst kommt die Angst. Die Angst, wie das Buch aufgenommen wird.

Jüngst sind die ersten Kritiken zu «Fünf Jahreszeiten» erschienen. Kureyshi hat die Artikel auf Facebook geteilt, sie mit einem roten Herz versehen. Kureyshi sagt: «Jetzt fühle ich mich verstanden.»

Meral Kureyshi: Fünf Jahreszeiten. Limmatverlag, Zürich 2020. 200 S., ca. 28 Fr.

3 Kommentare
    edith schmidt

    ich finde man muss aufmüpfig sein! nachhaken und sein eigenes weltbild vertreten dürfen! auch als frau. bei männern würde man diese art als erfolgreich beschreiben.. diese junge frau hat meine totale wertschätzung. ich mag, wie sie sich mit den worten wälzt und sie dann loslässt, wenn sie die, für sie richtigen gefunden hat. eine kostbare wörter und sätzesammlung.. und sich mit dem tod oder mit dem verlust auseinander setzen täte vermutlich manchen menschen gut. gerade in momentan schwierigen zeiten. das leben wird um so kostbarer und auch sinnvoller! ich bin stolz auf junge starke eigenwillige frauen ( woher sie auch kommen oder gehen) , ich finde das ist zukunft! e schmidt