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Corona-Beauftragte im Weissen HausSie ist Trumps neue Zielscheibe

Der jetzige Ausbruch von Covid-19 in den USA ist schlimmer als der erste im Frühjahr, warnt Deborah Birx. Und muss lernen: Donald Trump dienen und zugleich die Wahrheit sagen – das geht nicht.

Glaubt man Donald Trump, was man in den meisten Fällen lieber nicht tun sollte, dann läuft alles prima. Die vielen Toten, ja, die seien bedauerlich, aber «es ist, wie es ist», sagte der amerikanische Präsident vorige Woche in einem Interview, als er nach dem Coronavirus gefragt wurde, das in seinem Land so furchtbar wütet wie in kaum einem anderen. «Aber das heisst nicht, dass wir nicht alles tun, was wir können. Das Virus ist unter Kontrolle, so weit es eben kontrolliert werden kann.»

Glaubt man dagegen Dr. Deborah Birx, was bei medizinischen Fragen generell eine gute Idee ist, dann ist die Lage verheerend. Das Virus breite sich weitgehend unkontrolliert in den USA aus, es sei überall, in den Städten und auf dem Land, warnte die Corona-Beauftragte des Weissen Hause am Wochenende. Der jetzige zweite Ausbruch sei schlimmer als der erste im Frühjahr. Dass Trump, der mit Expertise so wenig anfangen kann wie mit der Wahrheit, Birx daraufhin massregeln würde, war absehbar. Ihr Verhalten sei «lächerlich», motzte er bei Twitter.

Sie kam lange gut aus mit Trump

Birx ist schon die zweite Medizinerin in Trumps Beraterkreis, die der Zorn des Präsidenten trifft. Vor ihr fiel bereits ihr Kollege Anthony Fauci bei Trump in Ungnade, wie Birx ein respektierter Immunologe, der jahrelang in verschiedenen Gesundheitsbehörden der US-Regierung gearbeitet hat. Auch Fauci hatte irgendwann angefangen, dem salbadernden Präsidenten zu widersprechen, der die dramatischen Infektionszahlen kleinredete und angebliche Wunderheilmittel anpries. Dass Fauci zudem bessere Umfragewerte als Trump bekam und den ersten Pitch zur Eröffnung der Baseball-Saison werfen durfte, besiegelte sein Schicksal.

Nun wird also Birx zur Zielscheibe für Trump. Das ist überraschend, denn die 64 Jahre alte Ärztin, die einen Grossteil ihrer Karriere dem Kampf gegen Aids gewidmet hat, kam lange Zeit gut mit dem erratischen Präsidenten aus. Vielleicht etwas zu gut. Jedenfalls mochten viele Trump-Gegner den aufmüpfigen Dr. Fauci lieber als die ruhige Dr. Birx, die – stets mit einem eleganten Schal um den Hals – neben Trump im Presseraum des Weissen Hauses stand und sich hütete, dem Präsidenten zu widersprechen. Stattdessen lobte sie in Interviews Trumps angeblich herausragende analytische Fähigkeiten. Das führte dazu, dass die Demokratenführerin Nancy Pelosi kürzlich wissen liess, sie habe kein Vertrauen mehr in Birx.

 Ihr Verhalten sei «lächerlich», schrieb Donald Trump auf Twitter: Deborah Birx und der Präsident.
Ihr Verhalten sei «lächerlich», schrieb Donald Trump auf Twitter: Deborah Birx und der Präsident.

Und daran zeigt sich sehr gut das Dilemma, in dem Staatsdiener in Washington stecken. Fachwissen, Erfahrung, Kompetenz, eine makellose Medizinerkarriere, lange Dienstjahre bei renommierten Einrichtungen wie den National Institutes of Health und den Centers for Disease Control und obendrauf noch ein Rang als Oberst des Heeres, wie Deborah Birx sie vorzuweisen hat – all das zählt nichts in Trumps nepotistischem Universum. Wer gehört werden will, muss dem Präsidenten schmeicheln, zum Beispiel mit Lobhudelei in Interviews.

Es mag sein, dass Birx in ihrem neuen Amt, das ihr regelmässigen Zugang zum Oval Office gibt, ein wenig von ihrem persönlichen Ehrgeiz davongetragen wurde, wie ihre Kritiker sagen. Immerhin wurde zeitweise über ihre Beförderung zur Gesundheitsministerin spekuliert. Vielleicht aber hat Birx, die schon als Kind in einem Schuppen hinter ihrem Elternhaus in Pennsylvania Chemieexperimente gemacht hat, auch einfach die politischen Spielchen im Weissen Haus besser durchschaut als Fauci, mit dem Trump längst nicht mehr redet.

Doch wer dem Präsidenten schmeichelt, der macht sich eben auch bei dessen Gegnern verdächtig. Neutralen Boden gibt es in Washington nicht mehr, nicht einmal für eine Ärztin, die gegen eine mörderische Pandemie kämpft. Und vor allem gibt es keine Garantie, dass Trump die Schmeichelei mit Loyalität beantwortet oder gar die Realität anerkennt. Donald Trump dienen und zugleich die Wahrheit sagen – das geht nicht. Diese Lektion lernt Dr. Birx gerade.

24 Kommentare
    L. Maximilian

    Die hämische Tonlage ist einer serösen Zeitung unwürdig, und fast wortwörtlich von CNN übernommen. Übrigens: Gestern hat Herr Fauci vor dem US Kongress gerade die Medien aufgefordert die Trumphetze einzustellen, er würde ehr gut mit ihm zusammenarbeiten und ein grosser Teil der angeblichen Meiungsverschiedenheiten mediale Konstruktionen seien die nur politischen Zwecken dienen. Ebenso wird es sich mit Birx verhalten.