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Nora JäggiSie ist die stärkste Frau der Schweiz – und Veganerin

Dank Tofu, Seitan und Hülsenfrüchten hat Gewichtheberin Nora Jäggi massiv an Kraft zugelegt. Für ihre Form der Ernährung legt sie sich gar mit Ärzten an.

«Viele Menschen haben bezüglich Ernährung nur wenig Ahnung», sagt Nora Jäggi, die seit zweieinhalb Jahren vegan isst.
«Viele Menschen haben bezüglich Ernährung nur wenig Ahnung», sagt Nora Jäggi, die seit zweieinhalb Jahren vegan isst.
Foto: Christian Flierl (13photo)

Hin und wieder kneifen ihr Leute in die Muskeln, einfach so, obwohl sie es nicht ausstehen kann. Manchmal registriert sie staunende Blicke. Und dann gibt es jene, die sie direkt ansprechen: «Hey, du bist mega muskulös und breit geworden.»

Nora Jäggi sagt, dass sie nicht dem Schönheitsideal entspreche, welches noch immer in den Mädchen- und Frauenmagazinen abgebildet werde. Wie könnte sie auch: Jäggi stemmt seit Jahren Hanteln, und was für welche: 120 Kilo stösst sie, mehr als das anderthalbfache ihres Körpergewichts. Sie ist die erfolgreichste Schweizer Gewichtheberin; im Basler Crossfit-Club, der mit seinen kahlen Betonmauern mitten im Industriequartier an einen amerikanischen Boxkeller erinnert, eifern ihr die Männer nach.

Sie will die Leute inspirieren

Gewichtheber, Bodybuilder, Kraftsportler im Allgemeinen, sie schwören auf Protein-Shakes, auf Öle und Fette. Beim Fleischkonsum sprechen die Muskelprotze nicht in Gramm-, sondern Kilomengen. Und die stärkste Frau des Landes? Isst weder Fleisch noch Fisch. Nimmt keine Eier zu sich. Trinkt nie Milch. Seit zweieinhalb Jahren ernährt sich Jäggi vegan – kompromisslos.

Wobei Jäggi das Gerede über möglichst viele Proteine, über Steaks en masse et cetera ohnehin nicht mehr hören kann. Völlig übertrieben sei das, «viele Menschen haben bezüglich Ernährung nur wenig Ahnung». Proteine seien auch in pflanzlichen Produkten erhalten, in Hülsenfrüchten, Seitan, Tofu, sagt die 25-Jährige. In der Szene dürfte sie dennoch ein Einzelfall sein, ungeachtet dessen ist sie überzeugt, viel gesünder zu leben als die Konkurrenz. Das Blutbild wird regelmässig kontrolliert, Mangelerscheinungen hat sie keine. Einzig Vitamin B12 nimmt sie als Ergänzung über Tröpfchen ein. Um den Kalorienbedarf zu decken, muss sie aber mehr essen als früher.

«Als Kind wird einem gesagt: Iss Fleisch, und du wirst gross und stark. Wir glauben das, ohne es zu hinterfragen.»

Nora Jäggi

Der Veganismus hat den Spitzensport erreicht, Venus Williams und Lewis Hamilton sind bekannte Beispiele. Die Skeptiker jedoch verstummen keineswegs. Niemals würde er einem Athleten zu dieser Form der Ernährung raten, sagte der renommierte Sportarzt Walter O. Frey unlängst in einer Talksendung. Das Risiko, von der Höchstleistung abgehalten zu werden, sei zu gross. Gegen die Mediziner lehnt sich Jäggi immer wieder auf, sie seien voreingenommen, «und viele befassen sich zu wenig mit der Materie».

Wer vegan esse, schone überdies die Umwelt und setze ein Zeichen gegen die unnötige Tötung von Tieren. Jäggi hofft auf ein Umdenken in der Gesellschaft. «Als Kind wird einem gesagt: Iss Fleisch und Käse, dann wirst du gross und stark. Wir glauben das, ohne es zu hinterfragen.» Sie will nicht missionieren, aber inspirieren. «Mir ist es gelungen, mit dieser Lebensweise an Kraft zuzulegen. Also kann sie nicht schlecht sein.»

Sogar Kinder werden gedopt

So kräftig Jäggi auch ist, im internationalen Vergleich bleibt sie chancenlos. An den letzten beiden Weltmeisterschaften klassierte sie sich im hintersten Ranglistendrittel, Platz 6 an der EM 2018 erreichte sie primär deshalb, weil mehrere Nationen wegen diverser Dopingvergehen nicht startberechtigt waren. Der von seltsamen Figuren geführte Weltverband macht nun auf gut Wetter und greift rigoroser durch bei Manipulationen, weil der Sportart nach einer Fülle von Skandalen der Ausschluss aus dem Olympia-Programm droht.

«Viele meiner Gegnerinnen sind gedopt. Da gibt es nicht den geringsten Zweifel.»

Nora Jäggi

Wie schlimm es um die Szene steht, deckte Anfang Jahr die ARD auf: Es geht um Sportbetrug und Korruption, um Vetternwirtschaft und verschwundene Millionen, um verschleierte Dopinggeständnisse, ja sogar ums Dopen von Kindern!

Jäggi sagt: «Viele meiner Gegnerinnen sind gedopt. Da gibt es nicht den geringsten Zweifel.» Sie kann es verdrängen. Denn: «Wer die Situation hinterfragt, macht nicht lange mit.»

120 Kilo stösst Jäggi – mehr als das anderthalbfache ihres Körpergewichts.
120 Kilo stösst Jäggi – mehr als das anderthalbfache ihres Körpergewichts.
Foto: Christian Flierl (13photo)

Ob «geladen» oder sauber, die Besten in ihrer Gewichtsklasse stossen und reissen jeweils rund 30 Kilo mehr als Jäggi. Eine Olympia-Qualifikation sei daher utopisch, die vielen Trainingsjahre Rückstand liessen sich nicht aufholen. Jäggi ist eine Quereinsteigerin, wie es alle Schweizer Gewichtheber sind. Als Schülerin kämpfte sie auf der Judo-Matte; sie war 17, als sie an der Basler Sportnacht einen Crossfit-Probewettkampf absolvierte und diesen gewann. Als Belohnung durfte sie einen Monat lang kostenlos im Club trainieren, mittlerweile ist sie das wohl bekannteste Mitglied.

Den Körper lieben gelernt

Im Gewichtheben finden hierzulande nur eine Handvoll Turniere pro Jahr statt, zu verdienen gibt es nichts. Jäggi schliesst bald ihr Studium ab, ihr Arbeitspensum als Lehrerin hat sie auf 70 Prozent erhöht. Den Kindern im Turnunterricht will sie etwas mitgeben, sie zeigt ihnen Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht. Von den tragikomischen Fail-Filmchen auf Youtube, in denen Gewichtheber unter der schweren Last zusammenbrechen und sich brechen, was es zu brechen gibt, hält die Baslerin wenig. Nichts sei gesünder als Krafttraining, kein Gewichtheber dieser Welt habe Rückenprobleme, weil dieser extrem gestärkt sei.

Sportlich will Jäggi künftig zurückstecken, die grossen Ziele setzt sie sich nicht mehr. Die Hornhaut an den Händen wird zurückgehen, die Muskeln aber dürften bleiben, weil sie mit dem Training nicht aufhören wird. Ihren Körper hat sie lieben gelernt. Jäggi erinnert sich an ein ärmelloses Oberteil, welches sie einst in einer Boutique anprobierte, es wegen ihrer breiten Schultern aber nicht kaufte. Sie dachte, es würde ihr nicht stehen. «Heute würde ich es mit Stolz tragen.»