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Betreuerin in OberriedenSie ist da, wenn Wut und Trauer überhandnehmen

Melanie Mühlethaler arbeitet im Wohnhaus Bärenmoos. Sie hat die kantonale Berufsmeisterschaft gewonnen und will beruflich noch weiterkommen.

Melanie Mühlethaler hilft Beatrice Renggli, auf dem sogenannten Motomed zu trainieren.
Foto: Michael Trost
Melanie Mühlethaler hilft Beatrice Renggli, auf dem sogenannten Motomed zu trainieren.
Foto: Michael Trost

Melanie Mühlethaler schafft Platz im Aufenthaltsraum des Wohnhauses Bärenmoos. Sie schiebt einen Tisch beiseite und schliesst ein Gerät an den Strom an, das aussieht wie ein Spinning-Bike. Beatrice Renggli wird gleich eine halbe bis dreiviertel Stunden auf dem sogenannten Motomed trainieren. Die 59-Jährige hat multiple Sklerose und sitzt im Rollstuhl, die Beine kann sie nicht mehr bewegen, die Hände nur noch wenig. Melanie Mühlethaler schiebt Beatrice Renggli vor das Motomed, platziert ihre Füsse auf die Pedalen und gurtet Füsse und Waden mit zwei Riemen sorgfältig an.

«Jetzt darfst du mir sagen, wie ich den Rollstuhl kippen soll», sagt Melanie Mühlethaler freundlich und legt ihre Hand auf den Joystick am Rollstuhl. Beatrice Renggli gibt Anweisungen, bis alles zu ihrer Zufriedenheit eingestellt ist. Dann fangen die Fuss- und Handpedalen an sich zu drehen, und Beatrice Renggli ist glücklich, denn sie trainiert gern.

Die Offenheit gefiel ihr

Im Oberriedner Wohnhaus Bärenmoos wohnen zurzeit 28 Menschen, die körperlich beeinträchtigt sind oder eine Hirnverletzung erlitten haben. Die 50 Mitarbeitenden im Bärenmoos ermöglichen eine Betreuung rund um die Uhr. Melanie Mühlethaler ist eine von ihnen: 20 Jahre alt, schlank, mit braunem, zu einem Pferdeschwanz gebundenem Haar und etlichen Piercings.

«Mein Götti ist Paraplegiker, und die Frau eines engen Kollegen hatte eine Hirnblutung – ich hatte also schon als kleines Mädchen Kontakt mit Beeinträchtigten», sagt die junge Frau. Ein Inserat des Bärenmooses inspirierte sie zu einem Praktikum, und drei Monate später zügelte sie von Küssnacht am Rigi nach Thalwil, um ihre Lehre als Fachperson Betreuung zu beginnen. «Mir hat gefallen, dass alle hier so offen waren und ich sein konnte, wie ich bin», erinnert sie sich. Sie habe jederzeit Fragen stellen können, und sowohl die Zusammenarbeit mit den anderen Betreuenden wie auch mit den Betreuten selbst sei sehr gut.

«Ich weiss das Leben jetzt viel mehr zu schätzen.»

Melanie Mühlethaler

Von den Schicksalsschlägen zu hören, die Menschen aus ihrem Leben rissen, sei anfänglich «sehr schwierig» gewesen, sagt Melanie Mühlethaler. Die Gespräche mit wütenden oder traurigen Betreuten hätten sie jedoch gelehrt, dass es auch nach einem schweren Schicksalsschlag weitergehen könne. «Ich denke, ich weiss das Leben jetzt viel mehr zu schätzen.»

Eine besondere Vorliebe für eine bestimmte Tätigkeit in ihrem Tagesablauf hat Mühlethaler nicht. Was sie aber nicht mag, ist Stress. «Wenn zu viele Termine aufeinanderprallen und es nicht so schnell vorwärtsgeht, wie man will, dann finde ich das nicht lustig.»

Isolation war schwierig

Den Lockdown empfanden sowohl die Betreuenden als auch die Betreuten als «extrem schwierig», sagt Hausleiter Tomislav Simic, denn das Bärenmoos war von einem auf den anderen Tag abgeriegelt. «Die Angehörigen von März bis Ende Mai nicht sehen zu können und keine Therapien, keine sozialen Kontakte zu haben, war für viele schwer zu verkraften», sagt Simic. Gespräche seien in dieser Zeit äusserst wichtig gewesen: «Melanie hat in dieser Hinsicht Hervorragendes geleistet.»

Melanie Mühlethaler weiss: «Einen Menschen mit Beeinträchtigung anzusprechen, ist besser, als ihn anzustarren.»
Melanie Mühlethaler weiss: «Einen Menschen mit Beeinträchtigung anzusprechen, ist besser, als ihn anzustarren.»
Foto: Michael Trost

Melanie Mühlethaler erinnert sich vor allem daran, wie schwierig es war zu erklären, weshalb die Betreuten nicht mehr einkaufen oder sich draussen bewegen durften: «Sie wussten nicht, dass überall Warnplakate standen, dass kaum mehr Leute unterwegs waren, und wenn, dann mit Maske. Sie nahmen nur wahr, dass wir Betreuer nach wie vor kommen und gehen durften.» Sie selbst vermisst es in dieser Zeit vor allem, ihre Freunde nicht mehr so oft treffen zu können. Zu ihrem Glück wird ihr Hobby – kochen und backen – von der Pandemie kaum beeinflusst.

Berührungsängste abbauen

Im Juli 2019 schloss Melanie Mühlethaler ihre Lehre als Fachangestellte Betreuung ab und blieb gleich, wo sie war: im Wohnhaus Bärenmoos. Vier Monate später erreichte sie den ersten Rang bei den kantonalen Berufsmeisterschaften der Betreuungsprofis. «Wir mussten mit Kindern oder beeinträchtigten Menschen Gespräche führen, jemandem aus dem Betrieb Auskunft erteilen und einen Ausflug planen», erzählt sie. Kürzlich hätte das Finale der Berufsmeisterschaft auf nationaler Ebene stattfinden sollen, doch wegen Corona wurde es abgesagt.

«Einerseits bin ich enttäuscht, andererseits bin ich froh, mich in dieser Zeit nicht so vielen Leuten aussetzen zu müssen», sagt Melanie Mühlethaler und hofft, dass der Anlass 2021 doch noch stattfinden kann. Im Sommer 2021 wird sie im Bärenmoos eine zweijährige Ausbildung zur Sozialpädagogin beginnen.

In einem Kinder- oder Jugendheim zu arbeiten, dafür sei sie noch zu jung, sagt sie selbstkritisch. Aber einmal in einer Beratungsstelle tätig zu sein, könnte ihr gefallen. «Ich will dazu beitragen, dass die Leute ihre Berührungsängste abbauen», sagt sie, «einen Menschen mit Beeinträchtigung anzusprechen, ist besser, als ihn anzustarren.»