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Musikalische Lesung in WädenswilSie hält die Erinnerung an einen ermordeten Theologen wach

Die Theaterschaffende Vera Bauer aus Oberrieden erinnert an den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der Widerstand gegen das Nazi-Regime leistete und deshalb ermordet wurde. Ihr Programm zeigt sie nun in Wädenswil.

Vera Bauer wühlt das Schicksal des ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer noch immer auf.
Vera Bauer wühlt das Schicksal des ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer noch immer auf.
Archivfoto: Bernhard Fuchs

75 Jahre sind vergangen, seit Dietrich Bonhoeffer seinen Widerstand gegen das Nazi-Regime und Diktator Adolf Hitler mit dem Leben bezahlte. Wieso erinnern Sie in Ihrem Stück «Jener volle Klang der Welt» nochmals an dieses Geschehen?

Vera Bauer: Sich erinnern finde ich unglaublich wichtig. Vor allem, wenn dabei wichtige persönliche Lebenserfahrungen geteilt werden. Menschen wie Bonhoeffer, die mit innerer Stärke, dabei sensibel und selbstkritisch persönliche Gefährdung auf sich nehmen, um einer Politik des Unrechts zu trotzen – solche Menschen haben wirklich etwas zu sagen. Ihre Zeugnisse, denke ich, veralten nie.

Das Schicksal von Bonhoeffer scheint Sie immer noch aufzuwühlen. Wie hat der Theologe Sie inspiriert?

Es beeindruckt mich, wie aufrichtig Bonhoeffer sich seinen Ängsten, auch seiner Verzweiflung gestellt hat und dadurch schliesslich an Mut und innerer Sicherheit noch gewonnen hat. Und wie tief entschlossen er war, seinen christlichen Werten und aufgeklärten Überzeugungen treu zu bleiben: Was Recht und was Unrecht ist und was Mitmenschlichkeit bedeutet. Das Risiko, dabei selbst zum Verfolgten zu werden, ist er bewusst eingegangen.

Sie können also seine Hoffnungen, seine Ängste und sein Engagement nachvollziehen?

Ja – alles, was er in seinen Briefen zum Ausdruck bringt, empfinde ich als authentisch und sehr bewegend. Durch die Haft wurde ihm der bisherige Radius seines Handelns brutal entrissen. Doch auch hier, an diesem Ort der Gefangenschaft, brachte er sich mit seiner ganzen Persönlichkeit ein und tat viel für seine Mithäftlinge. Und er hat sich sehr dem Schreiben gewidmet. Gerade durch die Extremsituation haben sich seine Gedanken geklärt und seine Erkenntnisse intensiviert.

Hat Bonhoeffer Sie auch irritiert? Immerhin arbeitete der Theologe auf eine gewaltsame Beseitigung von Hitler hin.

Als Mitwisser des Attentats vom 20. Juli 1944 hat er Ja gesagt zum – dann gescheiterten – «Tyrannenmord». Angesichts von Millionen unschuldiger Opfer der Nazi-Diktatur hat Dietrich Bonhoeffer sich bewusst dazu entschieden, seine persönliche Schuldlosigkeit hintanzustellen. Das nötigt mir grossen Respekt ab.

Was ist gemeint mit dem Titel Ihrer jetzigen Produktion: «Jener volle Klang der Welt»?

Zweierlei: Bonhoeffers Verbundenheit mit dem realen, reichen Leben klingt darin an, zugleich sein Hinhorchen auf eine transzendente Welt, von der es in einem seiner Gedichte poetisch heisst, sie sei «voller Klang».

Bonhoeffer war Mitglied der Bekennenden Kirche: Ihre musikalische Lesung wird, nach Auftritten an verschiedenen Orten der Schweiz, im Kirchgemeindehaus in Wädenswil aufgeführt: Hat die Kirche einen Auftrag, an den widerständigen Kirchenmann zu erinnern?

Ich meine: Ja. Aber nicht nur die Kirche. Mit seinen Erfahrungen, seinem weiten Denken spricht Bonhoeffer Menschen unabhängig von religiösen Bekenntnissen an. Aber dennoch, natürlich: Er war ein Mann der Kirche – und übrigens ein enger Freund des Schweizer Theologen Karl Barth. Zweimal hat Bonhoeffer ihn im Jahr 1942 im Bergli, Karl Barths Sommerdomizil in Oberrieden, besucht.

Das wohl bekannteste und bis heute oft rezitierte Gedicht von Bonhoeffer ist: «Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag ...». Ist dieses Wort nicht etwas naiv? Könnte «getrost warten» nicht allenfalls auch zum Verhängnis werden?

Man muss wissen: Dieses Gedicht schrieb Dietrich Bonhoeffer am Ende seiner Gefängniszeit, als schon jederzeit mit seiner Ermordung zu rechnen war. Nicht einmal die kleinste Handlungsoption stand ihm noch offen. Er hat es also zugleich als Trostgedicht für seine Familie verfasst. Ich empfinde Bonhoeffers Fähigkeit, an einem solchen Punkt schliesslich bewusst und mit Vertrauen Ja zu sagen zu allem, «was kommen mag», als eine enorme Stärke.

Ihre Lesung wird umrahmt von Musik für Violine. Wie kann Musik Ihr Wort-Porträt unterstützen?

Die Violine «antwortet» sozusagen auf Bonhoeffers Stimme. Denn Bonhoeffer liebte Musik sehr, insbesondere Barockmusik. In unserem Programm lässt die Violine Bonhoeffers Worte nachschwingen und verleiht ihnen musikalisch Flügel.

Zum 75. Todesjahr: Dietrich Bonhoeffer «Jener volle Klang der Welt» – Briefe und Gedichte aus dem Gefängnis. Vera Bauer, Sprecherin, David Goldzycher, Violine. Sonntag, 25. Oktober, 17 Uhr, reformierte Kirche Wädenswil. Eintritt frei, Kollekte.