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Multikulti-Team«Sie bilden die Schweiz ab»

U-21-Fussballnationaltrainer Mauro Lustrinelli hat 70 Prozent Doppelbürger in seiner Auswahl. Zusammen starten sie die Mission 21, um endlich wieder mal ihr Land an einer EM zu vertreten.

Das Schweizer U-21-Team: Cedric Zesiger, Jan Bamert, Silvan Sidler, Vasilije Janjicic, Anthony Racioppi und Jeremy Guillemenot (hintere Reihe, v.l.), Kevin Rüegg, Jordan Lotomba, Bastien Toma, Andi Zeqiri und Toni Domgjoni (vordere Reihe, v.l.).
Das Schweizer U-21-Team: Cedric Zesiger, Jan Bamert, Silvan Sidler, Vasilije Janjicic, Anthony Racioppi und Jeremy Guillemenot (hintere Reihe, v.l.), Kevin Rüegg, Jordan Lotomba, Bastien Toma, Andi Zeqiri und Toni Domgjoni (vordere Reihe, v.l.).
KEYSTONE

Mauro Lustrinelli wollte Mathematiklehrer werden. Er wurde es nicht, weil er als Spätzünder im Fussball doch noch seinen Weg ging. Mit dem FC Thun spielte er in der Champions League und mit der Schweiz einen Sommer später an der WM 2006, er war «Lustrigoal», der Torjäger.

Was er nie machte, weil er kein Lehrer geworden ist, macht er inzwischen als Trainer. Er will etwas vermitteln, Wissen, Emotionen. Seit zweieinhalb Jahren tut er das bei der U-21 der Schweiz. Feuereifer begleitet ihn bei seiner Arbeit. «Weisch», sagt er, und das sagt er gerne, weil er schon lange aus dem Tessin weg ist und im Berner Oberland lebt, «weisch, wir haben unsere Mission 21.»

Mauro Lustrinelli wollte Lehrer werden. Nun ist er Trainer und macht fast das Gleiche.
Mauro Lustrinelli wollte Lehrer werden. Nun ist er Trainer und macht fast das Gleiche.
Laurent Gillieron (Keystone)

Diese Woche kann er wieder einmal richtig Trainer sein, weil er erstmals seit dem vergangenen November seine Spieler wieder um sich versammelt hat. Am Freitag folgt in Schaffhausen dann der erste Ernstkampf seit damals, in der Qualifikation zur nächsten Nachwuchs-EM wartet die Slowakei.

Die Schweiz steht nach vier Spielen ausgezeichnet da: vier Siege, 11:2 Tore, drei Punkte Vorsprung auf Favorit Frankreich. «Es sind erst vier Spiele und vier Siege», sagt Lustrinelli, «wir müssen immer unser Ziel vor Augen haben.» Als einer von neun Gruppensiegern oder einer der besten fünf Zweiten kommt die Schweiz an die EM.

Die Erinnerung an Xhaka und Co.

Mission 21 ist sein Schlagwort für diese Kampagne, die eine Lücke bei der U-21 schliessen soll. Über neun Jahre ist es her, dass sie letztmals an einer EM teilnahm. Damals gab es eine aussergewöhnliche Generation: Sommer, Shaqiri, Xhaka und Mehmedi gehörten dazu, auch Gavranovic, Klose, Lustenberger oder (Fabian) Frei. Sie wurden erst im Final von Spanien gestoppt.

Diese U-21 spielte sich 2011 bis in den EM-Final: Jonathan Rossini, Granit Xhaka, Fabian Frei, Timm Klose, Yann Sommer (obere Reihe v.l.), Philippe Koch, Gaetano Berardi, Fabian Lustenberger, Innocent Emeghara, Xherdan Shaqiri, Admir Mehmedi (untere Reihe v.l.).
Diese U-21 spielte sich 2011 bis in den EM-Final: Jonathan Rossini, Granit Xhaka, Fabian Frei, Timm Klose, Yann Sommer (obere Reihe v.l.), Philippe Koch, Gaetano Berardi, Fabian Lustenberger, Innocent Emeghara, Xherdan Shaqiri, Admir Mehmedi (untere Reihe v.l.).
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Im Februar 2018 begann Lustrinelli seine Arbeit. Mit Adrian Knup, dem Delegierten der U-21, machte er sich an die Analyse, weshalb der Nachwuchs Turnier um Turnier verpasst hatte. Und kam zum Schluss: «Wir müssen unbedingt im mentalen Bereich arbeiten.» Schnell schwor er die Spieler auf den künftigen Weg ein. Der Weg heisst: Teamgeist, Integration, Schweizer Weg. «70 Prozent in unserer Mannschaft sind Doppelbürger», sagt Lustrinelli, «ich habe darum klar gemacht: Egal, wer woher kommt, wir haben unsere Mission 21.»

Die Spieler, die sich jetzt in Schaffhausen vorbereiten, haben Wurzeln in Angola, Kamerun, Nigeria, Senegal, Portugal, Holland, Deutschland, Griechenland und nicht zuletzt auf dem Balkan. «Sie bilden die Schweiz ab», sagt Lustrinelli, er spüre bei ihnen, dass Jahr für Jahr die Identifikation mit der Schweiz stärker werde, dass sie begreifen würden, was es heisse , für dieses Land zu spielen. Eines realisiert er auch: «Die Erfolge der Nationalmannschaft helfen.»

Lustrinelli fühlt sich privilegiert in seiner Rolle, das Nationalteam der Zukunft trainieren zu können. Daran ändert das Handicap nichts, dass Nationalcoach Vladimir Petkovic immer die Spieler aufbieten kann, die er gerade will. Darum machten allein in der letzten Qualifikation Ajeti, Elvedi, Edimilson Fernandes, Zakaria, Embolo oder Sow früh den nächsten Schritt nach oben, zum Schaden der Nachwuchsauswahl. Die liess in ihrer Sechsergruppe gerade noch Liechtenstein hinter sich.

Das Ziel von Lustrinelli ist es, eine verschworene Gruppe zu formen. Ihm fehlen die Ausnahmetalente, wie sie Frankreich mit Kylian Mbappé hat, der als Weltmeister noch immer für die U-21 spielen könnte. Bei seiner Arbeit ist es ihm wichtig, einen engen Kontakt zu seinen Spielern zu halten. Er will alles unternehmen, um eine gute Stimmung zu schaffen. Es geht ihm dabei nicht darum, dass sich die Spieler einfach ein wenig vergnügen können, wenn sie zusammen sind, nein, sagt er, «eine gute Stimmung ist die Basis zum Erfolg».

«Ans Limit gehen»

Vor einem Jahr startete seine Mannschaft mit einem 5:0 in Liechtenstein in die Qualifikation, gewann gegen Georgien und in Aserbeidschan, bevor sie im November ihren Coup landete und Frankreich 3:1 besiegte. Frankreich gehört auch in dieser Altersklasse zur absoluten Spitze, wie Deutschland, England oder Spanien. Es verfügt über ein solches Angebot an Spielern, dass es gleich zwei starke Mannschaften stellen könnte.

Schweizer Jubel: Jeremy Guillemenot und das Team bejubeln das 3:1 gegen Frankreich.
Schweizer Jubel: Jeremy Guillemenot und das Team bejubeln das 3:1 gegen Frankreich.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Aber die Schweiz hatte an dem einen Tag den grösseren Willen, gewinnen zu wollen. Da fiel nicht einmal ins Gewicht, dass Cömert, Vargas und Okafor fehlten. «Wir müssen ans Limit gehen», sagt Lustrinelli, «wir müssen immer die Bereitschaft haben, an die Organisation zu denken und als Team auf den Platz zu gehen.»

Viele Spieler gehörten zuletzt in der Super League zum Stamm ihrer Teams, Stergiou, Muheim, Rüegg, Van der Werff, Toma, Lotomba, Domgjoni oder Guillemenot. Zudem schafften Lotomba und Ndoye den Sprung zu Nizza in die Ligue 1, Zeqiri erzielte in der Challenge League Tor um Tor. Für Lustrinelli sind das alles auch wichtige Bausteine. Aber vor allem sagt er: «Es geht um die Haltung, um das Feuer und den Hunger.»

2 Kommentare
    christof jaussi

    Die Schweiz war schon immer multikulti, ist dies zum Glück immer noch (nur wird dies heute leider oft kritisiert) und wird es hoffentlich auch bleiben. Schön zu lesen, läuft es den Jungs so gut! Sicher auch dank Lustrinelli, Knupp und dem ganzen Staff. Diese Generation macht Hoffnung!