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US-Komiker - Das Comeback nach «Me Too»«Selbst Obama kennt jetzt mein Ding»

Im Herbst 2017 war bekannt geworden, dass Louis C.K. sich mehrmals vor Kolleginnen und Mitarbeiterinnen entblösst und befriedigt hatte. Nach zwei Jahren unfreiwilliger Pause startet der Komiker mit einem neuen Stand-up-Programm.

Louis C.K. verdrängte seine Übergriffe. Dann zeigte er Reue. Kollegen forderten, man solle ihn doch weiter als Komiker arbeiten lassen.
Louis C.K. verdrängte seine Übergriffe. Dann zeigte er Reue. Kollegen forderten, man solle ihn doch weiter als Komiker arbeiten lassen.
Foto: louisck.com

Zu früh? Der Komiker Louis C.K. hat vor einigen Tagen auf seiner Webseite eine neue Stand-up-Comedy-Show veröffentlicht. Damit ist er der erste Missetäter aus den Enthüllungen der «Me Too»-Bewegung, der sein Comeback ganz offensiv angeht. «Schön, euch zu sehen», sagt er lapidar zu Beginn der einstündigen Show, die er vor einem hörbar begeisterten Publikum im Warner Theatre in Washington D. C. aufgezeichnet hat. «Wie ist es euch denn so ergangen? Die letzten zwei Jahre? Wie waren denn 2018 und 2019 für euch so?»

Zur Erinnerung: Im Herbst 2017 häuften sich die Geschichten, dass sich Louis C. K. immer mal wieder vor Kolleginnen und Mitarbeiterinnen entblösst und befriedigt hatte. Das war der Herbst, in dem die Anschuldigungen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein, die Geschichten von Übergriffen, Machtmissbrauch und Vergewaltigungen, im Film- und Fernsehgeschäft eine ganze Welle der Enthüllungen über sexuellen Missbrauch auslösten.

«Ein Perverser, kein Vergewaltiger»

Im November selbigen Jahres wurde der Start von Louis C. K.'s erstem Kinofilm «I Love You, Daddy» storniert. Fernsehsender kündigten Verträge mit ihm, nahmen Wiederholungen seiner Serien wie «Louie» aus dem Programm, Festivals sagten seine Auftritte ab.

Ein paar Kolleginnen und Kollegen machten sich noch für ihn stark. Die Komikerin Sarah Silverman etwa, Jerry Seinfeld, Janeane Garofalo, Dave Chappelle, Chris Rock. In den Medien wagte einzig die linksliberale Boulevardzeitung New York Daily News, seine Vergehen in Relation zu setzen: «Louis C. K. ist ein Perverser, kein Vergewaltiger, und der Unterschied ist durchaus von Bedeutung», hiess es dort.

Stand-up Comedians als moralische Instanzen

Die Geschichte bleibt während der gesamten «Sincerely Louis C. K.»-Show der sprichwörtliche Elefant im Raum. Was er zu Beginn noch in Andeutungen wegwitzelt, wird zum roten Faden. Und man muss sagen, dass diese Show wie immer gut geschrieben ist, die Dramaturgie der Beiläufigkeit so raffiniert gestaffelt, dass er es trotz seines Kriechgangs als reuiger Sünder, trotz seiner offensichtlichen Erschöpfung streckenweise schafft, seine ursprüngliche Rolle neu zu erobern.

In den Nullerjahren wurden Stand-up Comedians und die Fernsehkomiker der Late Shows in der zunehmend gespaltenen Gesellschaft der USA zu moralischen Instanzen. Jon Stewart vor allem war mit seiner «Daily Show» für die jüngere Generation das gute politische Gewissen. Louis C. K. wiederum wurde für die informierten Stände so etwas wie der Moralphilosoph für das Bildungsbürgertum. Mit seinem untrüglichen Gespür, wo die Grenzen des Vertretbaren liegen, überschritt er sie mit Exkursen über Antisemitismus, Pädophilie, Rassismus oder Behinderte, um sein Publikum dann mit den Folgepointen der Schockeffekte immer wieder auf einen hochmoralischen Boden zurückzuholen. Das kann man schwer paraphrasieren, das funktioniert nur im Kontext seines Vortrags voll gezielter Beiläufigkeit und höchst selbstbewusster Selbstironie.

Als reuiger Sünder hat er es damit nun schwer. Aber genau da ist sein Geschick des moralischen Balanceaktes so brillant. Sein Problem war zu Beginn des Skandals durchaus, dass er versuchte, die ganze Sache zu verdrängen. Das klappte nur in Europa, wo man seine Vergehen nicht ganz so ernst nahm. Er trat in Italien, Polen, Frankreich auf. Doch im protestantischen Amerika kann nur Busse zur Erlösung führen.

Es hilft, dass Harvey Weinstein inzwischen im Gefängnis sitzt

Louis C. K. lässt auch in seiner neuen Show kaum ein Tabu aus. Pädophilie, Auschwitz, Rassismus, Inzest, der Tod der eigenen Mutter, Nekrophilie, nichts bleibt verschont. Er redet aber auch dem eigenen, eher liberalen Publikum nicht nach dem Mund. Da macht er sich über Religion lustig, dieses «gestrige Ding», um dann lange darüber zu reden, wie fatal es für ihn als Atheisten doch wäre, wenn er sich bei der Frage nach Gott geirrt hätte. «Oh, Mann, und dann wäre ich tot, und da sässe er. Mit seinem Bart und allem Drum und Dran.»

Das funktioniert, weil er das eigentliche Thema ja schon angerissen hat. Und so deutelt Louis C. K. die ganze Stunde drum herum, bis er schliesslich kurz vor Schluss fragt, ob er jetzt eben doch darüber reden sollte. Und dann zieht er es auch durch. Wenn auch mit gehörigem Selbstmitleid. Zwei Dinge hätten ihn dazu gebracht, er onaniere gerne und sei nicht gerne alleine. Er habe da einen Tipp: «Wenn Sie sich auch mal vor jemandem einen runterholen wollen, fragen Sie. Dann fragen Sie noch mal nach. Und dann - tun Sie's einfach nicht.» Denn, so sagt er, jeder habe zwar so «sein Ding», auf das er abfahre. Aber er könne nur davor warnen. «Jeder kennt jetzt mein Ding», sagt er. «Obama kennt mein Ding!»

Zu früh? Er wolle den Menschen in Zeiten, in denen es nichts zu lachen gibt, was zu lachen geben, vermeldete Louis C. K. zur Veröffentlichung. Ja, es hilft, dass das Monster Harvey Weinstein inzwischen im Gefängnis sitzt. Ob Show und Busse für ein echtes Comeback reichen, wird sich sehr bald zeigen.