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100. Geburtstag des «Kickers»Selbst das Goldsteak war ihnen wurst

Unbestechlich, scheinbar allwissend und natürlich knallhart: Das deutsche Sportmagazin «Kicker» feiert heute seinen runden Geburtstag.

Zu Spitzenzeiten wurde der Kicker 300’000-mal pro Ausgabe gedruckt, heute beträgt die Auflage noch rund 100’000 Stück.
Zu Spitzenzeiten wurde der Kicker 300’000-mal pro Ausgabe gedruckt, heute beträgt die Auflage noch rund 100’000 Stück.
Screenshot BR-Franken

Die Gratulation kam von ganz oben aus dem Fussballolymp. Jürgen Klopp, englischer Meister und Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool, adelte das deutsche Sportblatt mit den ehrlichen Worten: «Früher habe ich den ‹Kicker ja gesammelt, in meinem alten Kinderzimmer könnten unten im Bettkasten immer noch Ausgaben liegen. Es kann aber auch sein, dass mein Vater die später alle weggeworfen hat, als ich in der 8. Klasse sitzen geblieben war, weil ich zu viel im ‹Kicker gelesen habe und zu wenig in anderen Sachen.»

Heute vor 100 Jahren erschien die erste druckreife Ausgabe des «Kickers», 20 Seiten stark und mit dem Titelthema «Aus Karlsruhe’s Glanzzeit». Seither ist viel geschehen, der Fussball hat sich verändert und der Journalismus sowieso. Doch der «Kicker» ist irgendwie immer gleich geblieben. Unbestechlich, scheinbar allwissend und natürlich: knallhart.

«Dolli basta»

Der «Kicker» war nie Klatschzeitung oder Lifestyle-Magazin, sondern immer Sportberichterstattung durch und durch, garniert mit gut recherchierten Statistiken und treffsicheren Spielerbenotungen. Die Stabilität der Viererkette oder die Bewertung der Eckballtaktik einer Mannschaft ist im «Kicker» auch noch heute entscheidender als das Nachtleben der Fussballprofis und Social-Media-Beiträge. «Denen ist es ziemlich wurscht, ob ein Spieler ein goldenes Kalbssteak gegessen hat oder nicht», sagt der ehemalige Bayern-Präsident Uli Hoeness.

In der deutschen Medienlandschaft wird der 100. Geburtstag des Fussballmagazins (das sich aber auch mit anderen Sportarten befasst, wenn auch nur am Rande) reichlich gewürdigt. Die sonst eher kritische «Frankfurter Allgemeine» schreibt zwar von einer «etwas schrulligen Fachlichkeit und bierernsten Eigensinnigkeit» der «Kicker»-Redaktion, doch dass genau dies auch «der grosse Trumpf» des Blattes sei. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt: «Dass der ‹Kicker› sich selbst und vor allem den Fussball überaus ernst nimmt und man ihm gelegentlich wünscht, er möge öfter mal ein Lächeln aufsetzen, das gehört zu seiner überlieferten Kultur.» Trotzdem könne das Magazin mit Humor und «präzisen Informationen» überzeugen.

Die Erstausgabe des «Kickers» aus dem Jahr 1920.
Die Erstausgabe des «Kickers» aus dem Jahr 1920.
Kicker

Ähnlich klingt es auch von den Grössen im deutschen Fussball. Reiner Calmund, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Bayer Leverkusen, sagt: «Nirgendwo ist mein Berufsleben so lückenlos dokumentiert wie im ‹Kicker›. Nirgendwo wurde ich so kritisch gesehen, doch die Kritik war immer fair.» Lothar Matthäus, deutscher Rekord-Nationalspieler und heute Experte bei Sky, sagt: «Der ‹Kicker› war nicht beeinflussbar. Andere Zeitungen hatten ihre Journalisten, mit denen die Spieler gut klargekommen sind, da hat man vielleicht mal eine Note besser bekommen oder ist von der Kritik verschont geblieben. Der ‹Kicker› war für mich immer eine Lektüre, in der ich eine objektive Einschätzung des Spiels und meiner Leistung bekommen habe.»

Gerade auch darum sind die Inhalte des «Kickers» in der deutschsprachigen Fussballszene kaum mehr wegzudenken: Die Berichterstattungen von Live-Spielen, die neusten Transfernews, und vor allem eben die Bewertungen von Spieler, Trainer und Schiedsrichter. Noch heute wird in der Bundesliga der Fussballer des Jahres geehrt und die Torjägerkanone für den besten Angreifer vergeben – beides Erfindungen des Fachblattes vor vielen Jahrzehnten. Und in Sachen Humor und Wortspiele gelingt dem neutralen und sonst eher trockenen «Kicker» zwar nicht oft, aber ab und zu doch ein Volltreffer. Vom simplen «Drei Böller für Völler» zur beeindruckenden Wortkreation im Jahr 2008, als HSV-Thomas-Doll (Spitzname Dolli) gehen musste: «Dolli basta».

Zwei Milliarden Klicks

Zweimal in der Woche erscheint der «Kicker» in der Print-Fassung, montags und donnerstags. Die goldenen Zeiten, als 300’000 Exemplare pro Ausgabe gedruckt wurden, sind längst vorbei. Heute beträgt die Auflage des Magazins noch knapp über 100’000. Trotz allem ist der Inhalt für Fussballverrückte immer noch Pflichtlektüre, wenn auch vermehrt online. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, dass das Onlineportal des «Kickers» der Konkurrenz enteilt sei. Zehn Millionen regelmässige Nutzer weist die Seite auf, zwei Milliarden Klicks gabs bisher.

Das sind, trotz unvorhersehbaren Entwicklungen im Fussballgeschäft und schwierigen Zeiten aufgrund der Corona-Krise, schöne Zahlen zum runden Geburtstag.