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So stark wird das Schweizer ÖV-Angebot eingeschränkt

Eine solche Fahrplanreduktion gab es noch nie: Ab Donnerstag gibt es weniger Verbindungen und zahlreiche Ausfälle – das sorgt schon jetzt für Kritik.

Es sind immer weniger Menschen mit dem ÖV unterwegs: Blick in die leere Bahnhofshalle am HB Zürich. Foto: Dominique Meienberg
Es sind immer weniger Menschen mit dem ÖV unterwegs: Blick in die leere Bahnhofshalle am HB Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer verzichten auf das Pendeln und Reisen mit Zug, Bus und Tram. Die Nachfrage im öffentlichen Verkehr ist in den vergangenen zwei Wochen schon um bis zu 50 Prozent gesunken. Nach den jüngsten Massnahmen des Bundesrats gegen das neue Coronavirus dürfte dieser Rückgang noch zunehmen. Ausserdem drohen Engpässe, wenn Mitarbeitende von Transportunternehmen wegen Krankheit oder Kinderbetreuung ausfallen.

Die SBB, Postauto und das Bundesamt für Verkehr haben deshalb beschlossen, den ÖV ab kommendem Donnerstag schrittweise zu reduzieren. «Eine so tiefgreifende Fahrplananpassung innert weniger Tage hat es noch nie gegeben», schreiben sie in einer gemeinsamen Mitteilung. Die Grundversorgung sei gewährleistet, es werde jedoch zu Ausfällen, Verspätungen und Anschlussbrüchen kommen.

Diese Verbindungen werden gestrichen:

  • Zusätzliche S-Bahnen in den Hauptverkehrszeiten
  • Spätabendliche Verbindungen und das Nachtangebot an Wochenenden
  • Verbindung Zürich-München
  • Grenzüberschreitender Busverkehr (Fernbusse)
  • Railjet-Verkehr nach Österreich
  • Nightjet-Nachtverkehr
  • Rein touristische Linien ohne Erschliessungsfunktion, Extrafahrten und historische Fahrten

Verschiedene Angebote werden ersatzlos eingestellt. So streichen die Transportunternehmen zusätzliche S-Bahnen zu den Stosszeiten (6–9 sowie 16–19 Uhr). Weil rund um die Schweiz die Nachbarländer den Grenzverkehr einschränken, fallen die Züge nach München und Österreich aus sowie das gesamte Nightjet-Angebot, mit dem man über Nacht in 11 europäische Städte reisen konnte. Auch im Regional- und Fernverkehr gibt es an Wochenenden kein Nachtangebot mehr. Zudem werden spätabendliche Verbindungen unter der Woche gestrichen – mit Ausnahme der ersten und letzten Verbindungen des Tages, um Früh- und Spätdienste beispielsweise im Gesundheitswesen zu ermöglichen.

Neben diesen Ausfällen kommt es ab Donnerstag zu zahlreichen Einschränkungen. Die Züge und Busse des Regionalverkehrs, die heute im Viertelstundentakt verkehren, fahren neu im Halbstundentakt; diejenigen, die heute im Halbstundentakt verkehren, im Stundentakt. Dasselbe gilt für den Fernverkehr. Züge des internationalen Fernverkehrs fahren nur noch bis an die Grenze.

Diese Verbindungen werden eingeschränkt:

  • EC-Züge Richtung Italien enden in Chiasso und Brig
  • ICE-Züge Richtung Deutschland enden in Basel
  • Der EC Zürich–Stuttgart endet in Schaffhausen
  • TGV-Lyria-Züge enden in Basel und Genf

Grenzüberschreitende Regionalzüge wie etwa der Léman Express im Raum Genf werden im Halbstundentakt weiter verkehren, da sie eine wichtige Erschliessungsfunktion für grenznahe Ballungsräume haben. Bei allen anderen Verbindungen müssen die Reisenden für die Weiterfahrt ins Ausland an den Grenzbahnhöfen umsteigen. «Dabei können leider nicht alle Anschlüsse gewährleistet werden», schreiben die Schweizer ÖV-Betriebe. Billette von Reisenden, die ihren Anschluss verpassen, blieben aber uneingeschränkt gültig.

Als Massnahme zum Schutz ihres Personals verzichten die SBB ab sofort vollständig auf Catering in den Zügen. Der Speisewagen ist also geschlossen und es gibt keinen Service mehr am Platz. Auch Billettkontrollen werden stark reduziert. Zudem werden Reisende gebeten, vor jeder Fahrt den Online-Fahrplan zu konsultieren und ihre Tickets online zu kaufen. Reisezentren und Verkaufsstellen können bei tiefem Kundenaufkommen geschlossen werden.

Die Kritik liess auf Social Media nicht lange auf sich warten. Viele Personen monieren, dass ausgerechnet in Zeiten von Coronavirus, wo Social Distancing das oberste Gebot sei, der Fahrplan ausgedünnt werde. Für die Menschen, die weiterhin im Zug oder Bus unterwegs sind, wird es dadurch natürlich enger. Dazu sagen die SBB: «Weil bereits viel weniger Menschen den ÖV nutzen, sollte der reduzierte Takt genügend Sitzplätze für alle Reisenden bieten, damit auch die Empfehlungen des Bundes punkto Distanzhalten eingehalten werden können.»

Nicht nur die Kunden, sondern auch die Mitarbeitenden der Transportunternehmen sind direkt betroffen, weil bald weniger Personal gebraucht wird. Trotzdem ist Kurzarbeit bei den SBB zurzeit kein Thema. Auch weil man davon ausgeht, dass ein öffentlich-rechtliches Unternehmen kein Anrecht darauf hat, wie ein Sprecher sagt. Momentan plane die SBB, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenn immer möglich in anderen Bereichen einzusetzen, um Engpässe in der Personaldecke zu verhindern.

Ob das auf Dauer funktionieren wird, muss sich zeigen. Es kann auch sein, dass der ÖV bald noch stärker eingeschränkt werden muss. Stand jetzt wird zuerst der nationale und internationale Fernverkehr, dann der Regionalverkehr auf der Schiene und am Schluss der Regionalverkehr auf der Strasse sowie der Ortsverkehr angepasst. «Wir sind uns der grossen Auswirkungen dieser Angebotsreduktion bewusst und bedauern die Umstände», schreiben die Transportunternehmen.

Wer bereits eine Reise gebucht hat, die nun ausfällt, kann die Kosten zurückfordern. Dafür gibt es eine extra Website. In der Schweiz gekaufte Billette erstatten die SBB unabhängig vom gekauften Tarif vollumfänglich und gebührenfrei zurück. Dies gelte vorderhand für Reisen mit Abfahrt bis einschliesslich 30. April 2020, wie ein SBB-Sprecher sagt. Zu bereits gebuchten Reisen mit Abfahrt ab dem 1. Mai 2020 informiere man zu einem späteren Zeitpunkt. Für die Hinterlegung des GA würden die normalen Bestimmungen gelten. Das heisst, dass das GA 30 Tage ohne Gebühr hinterlegt werden kann. Bei Abonnements gelten bis auf Weiteres die normalen Erstattungsbestimmungen. Über allfällige Änderungen dieser Bestimmungen würde rechtzeitig informiert, so der Sprecher.

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