Geopolitik in den Schweizer Bergen: Kommts in Davos zum Krisengipfel?

Der Iran und die USA senden namhafte Vertreter ans WEF. Das Treffen hat in seiner Geschichte schon grosse Momente der Diplomatie hervorgebracht.

Der iranische Aussenminister Mohammed Jawad Sarif am WEF in Davos 2016. Foto: Keystone

Der iranische Aussenminister Mohammed Jawad Sarif am WEF in Davos 2016. Foto: Keystone

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Er soll schon wiederholt wahre Wunder gewirkt haben, der Geist von Davos. Nun könnte die oft beschworene Atmosphäre des winterlichen Treffens des World Economic Forum (WEF) helfen, akute Spannungen abzubauen: Sowohl die USA als auch der Iran werden ab dem 21. Januar mit namhaften Delegationen vertreten sein.

Zu den Teilnehmern gehört etwa der iranische Aussenminister Mohammed Jawad Sarif, wie die Organisatoren den Zeitungen von CH Media bestätigten. Demnach bekräftigte Sarif seine Teilnahme explizit noch einmal, nachdem die USA am 3. Januar den iranischen General Qassim Soleimani im Irak mithilfe einer Drohne getötet hatten. Der Angriff auf den 62-jährigen Kommandanten der Al-Quds-Brigaden hat im Nahen Osten breite Proteste ausgelöst, das iranische Regime drohte mit Vergeltungsschlägen.

Kommt Trump nach Davos?

Sarif persönlich schwor der amerikanischen Regierung Rache. Nun wird er bereits in zwei Wochen einer Reihe ihrer Minister gegenüberstehen. Die USA werden gemäss Angaben des Weissen Hauses durch die Präsidentenberater Jared Kushner und Ivanka Trump vertreten sein, ferner durch Finanzminister Steven Mnuchin.

Ob auch US-Präsident Trump nach Davos reisen wird, ist offen. Seine Teilnahme ist laut US-Medienberichten geplant. Allerdings könnten ihn innenpolitische Verpflichtungen davon abhalten, etwa das Impeachment-Verfahren oder ein Streit über das Bundesbudget, wie er Trump vor einem Jahr zur Absage zwang.

US-Medien vermeldeten schon, dass Trump nach Davos reist: Der US-Präsident bei seiner letzten WEF-Teilnahme im Januar 2018 zusammen mit WEF-Gründer Klaus Schwab. Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

Damit nicht genug: Auch der irakische Staatspräsident Barham Salih wird nach Davos fahren, wie das WEF den Zeitungen von CH Media bestätigte. Auf irakischem Territorium führten die Amerikaner den Angriff auf Soleimani aus. Salih hat das Vorgehen der USA verurteilt, das irakische Parlament forderte die US-Truppen zum vollständigen Abzug aus dem Land auf.

Potenzial für einen Krisengipfel

Somit werden in Davos sämtliche relevanten Akteure der aktuellen Krise vertreten sein. Zudem findet das Treffen in jenem Land statt, das zwischen den USA und dem Iran als Briefträger fungiert, seit die beiden Staaten 1978 ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen haben. Wird das WEF damit zum Krisengipfel?

Solche Erwartungen dürften überzogen sein. Schon im September versuchte Frankreich mit allen Mitteln, den iranischen Präsidenten Hassan Rohani und einen US-Vertreter am Rande der UNO-Vollversammlung zusammenzubringen. Die Iraner verlangten aber eine Geste der USA, damit sie ohne Gesichtsverlust in der Heimat in ein Treffen einwilligen könnten. Dazu waren die Amerikaner nicht bereit, die Vorbereitungen platzten.

Umso schwieriger dürfte es jetzt sein, die Erzfeinde zu einem öffentlichen Rencontre zu bewegen. Das iranische Regime hat seine Rhetorik verschärft, zudem finden im Iran derzeit Massenproteste gegen die USA statt. Das hebt die Hürde für Annäherungen markant an. Um die Iraner an den Verhandlungstisch zu bringen, müsste Washington zum Beispiel die Wirtschaftssanktionen lockern – ein wenig wahrscheinliches Szenario angesichts der Drohung von US-Präsident Trump, im Fall von Angriffen aus dem Iran seinerseits umgehend 52 wichtige iranische Stätten zerstören zu lassen.

Schon einmal Krieg verhindert

Zudem ist die Liste der WEF-Teilnehmer noch nicht definitiv. Sie wird in der kommenden Woche veröffentlicht. Doch sind selbst kurzfristige Absagen keine Seltenheit. Sollte es schliesslich wider Erwarten doch zu einem Stelldichein zwischen den Erzfeinden kommen, könnte Davos seiner Geschichte der Krisendiplomatie ein weiteres Kapitel hinzufügen.

  • 1988 verhinderten die Türkei und Griechenland am WEF einen kurz vor dem Ausbruch stehenden Krieg wegen Zypern.
  • Ein Jahr später fand das erste Ministertreffen zwischen Nord- und Südkorea statt.
  • 1989 unterhielten sich der westdeutsche Kanzler Helmut Kohl und DDR-Präsident Hans Modrow.
  • Die südafrikanischen Politiker Frederik Willem de Klerk, Nelson Mandela und Mangosuthu Buthelezi traten in Davos erstmals gemeinsam im Ausland auf.

Auch mit dem Scheitern hat das WEF bittere Erfahrungen gemacht. 2001 sollten der israelische Premierminister Shimon Peres und Palästinenserführer Yassir Arafat in Davos ein Friedensabkommen verkünden. «Alles war minutiös geplant», sagte WEF-Gründer Klaus Schwab vor einer Woche dem «SonntagsBlick». Da habe sich Arafat im letzten Moment geweigert, als Erster zu sprechen, weil er angeblich seine Rede im Hotel vergessen hatte. «Also begann Peres und verkündete, dass nun endlich Friede sei», erzählte Schwab. «Darauf hielt Arafat eine Hassrede und provozierte einen Eklat.»

Erstellt: 06.01.2020, 16:54 Uhr

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