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In 25 Jahren keine einzige Einbürgerung

Neue Zahlen zeigen, wo am meisten rote Pässe vergeben werden – und welche Gemeinden seit Jahrzehnten keine neuen Schweizer mehr gemacht haben.

Abstimmung in Fideris: In der bündnerischen Gemeinde wohnen inzwischen zwei frischgebackene Schweizer. Archivbild: Keystone
Abstimmung in Fideris: In der bündnerischen Gemeinde wohnen inzwischen zwei frischgebackene Schweizer. Archivbild: Keystone

Was haben Fideris (GR), Kandergrund (BE) und Wintersingen (BL) gemeinsam? Sie alle haben in 25 Jahren keinen einzigen Ausländer eingebürgert. Das geht aus Daten der Eidgenössischen Migrationskommission und der Universität Genf hervor, die erstmals detailliert Auskunft zur lokalen Einbürgerungspraxis in der Schweiz geben.

Die drei Ortschaften sind nicht die einzigen mit dieser Bilanz: 125 Gemeinden haben seit 1992 nicht einen roten Pass verliehen. Betrachtet man nur die jüngere Vergangenheit, konkret die Zeitspanne von 2011 bis 2017, so sind es 261 Gemeinden.

Städte bürgern häufiger ein

Am anderen Ende der Skala finden sich die grossen Städte. Sie sind, in absoluten Zahlen, die fleissigsten Schweizermacher. Spitzenreiterin Zürich bürgerte zwischen 2011 und 2017 knapp 17’000 Personen ein, dahinter folgen Genf (9760 Einbürgerungen), Lausanne (6019), Basel (4975) und Winterthur (3368).

Auch wenn man die Einbürgerungsquote betrachtet, also die Zahl der Einbürgerungen pro 100 Ausländerinnen und Ausländer, sind die Städte weit vorne mit dabei. Statistisch zeige sich, dass mit zunehmender Grösse der Gemeinde auch der Anteil eingebürgerter Personen steige, sagt Philippe Wanner, Professor am Institut für Demografie und Sozioökonomie an der Universität Genf.

Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass Menschen in kleinen Gemeinden häufiger vor einer Einbürgerung zurückschreckten, «weil sie Angst davor haben, zu scheitern und deshalb stigmatisiert zu werden». In grösseren Gemeinden sei diese Furcht angesichts der Anonymität weniger schwerwiegend.

Was Luzern von Bern unterscheidet

Von den zehn grössten Städten hat Luzern im Zeitraum von 2011 bis 2017 – in Relation zur ausländischen Bevölkerung – am meisten Staatsbürgerschaften vergeben. Auf hundert Ausländerinnen und Ausländer wurden dort pro Jahr im Schnitt 2,3 Personen eingebürgert. In Zürich und Winterthur beträgt die Quote rund zwei Prozent. Wesentlich tiefer ist der Anteil in Bern und Biel mit etwa einem Prozent.

In Luzern erklärt man sich die vergleichsweise hohe Rate unter anderem damit, dass man in den vergangenen Jahren die personellen Ressourcen ausgebaut habe, um eingehende Gesuche schneller bearbeiten zu können. Möglicherweise sei die Anzahl pendenter Gesuche in anderen Städten höher, vermutet Katrin Aeberhard, Abteilungsleiterin der Bevölkerungsdienste der Stadt Luzern.

Aber auch politische Gründe spielten eine Rolle. «Das Thema Einbürgerungen steht bei den Parteien in Luzern auf der Agenda», so Aeberhard. Politische Vorstösse bewirkten etwa, dass die Stadt diejenigen Personen, welche die Kriterien für eine Einbürgerung erfüllen, regelmässig aktiv benachrichtigen muss.

Vor Jahresfrist hat das Stadtparlament zudem eine Motion von SP, Grünen und GLP überwiesen, wonach die Einbürgerung für unter 25-Jährige künftig gratis sein soll – die neue Regelung tritt voraussichtlich 2021 in Kraft. «Gut möglich, dass dies zusätzliche Neueingänge generieren wird», sagt Aeberhard.

Eine JSVP-Initiative und ihre Folgen

Beim Schlusslicht Bern verweist man auf die Einbürgerungsbestimmungen des Kantons, die in den letzten zehn Jahren «kontinuierlich präzisiert» worden seien. So nahm das Stimmvolk bereits 2013 eine Einbürgerungsinitiative der Jungen SVP an, welche eine Einbürgerung von Sozialhilfebezügern oder Menschen ohne C-Ausweis verunmöglichte. Ähnliche Regeln traten fünf Jahre später landesweit in Kraft (siehe Box).

Neben der unterschiedlich hohen Hürden in den Städten und Kantonen wirkt sich laut Experte Wanner auch die Grösse und Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung auf die Einbürgerungsquoten aus. «Es spielt eine Rolle, aus welchen Ländern die Personen kommen, welchen sozioökonomischen Schichten sie angehören und ob sie allein oder mit ihren Familien leben.»

So zeigt sich, dass schweizweit in absoluten Zahlen zwar am meisten Italiener, Deutsche und Portugiesen eingebürgert werden. Gemessen an der Grösse der Community weisen aber die irakische, srilankische und kongolesische den höchsten Anteil an eingebürgerten Personen auf.

Waadt ist Spitzenreiterin

Die allerhöchsten Einbürgerungsquoten im ganzen Land hat Villars-le-Comte in der Waadt. Es hat zwischen 2011 und 2017 mehr als zehn Prozent seiner Ausländer eingebürgert. Insgesamt sind sieben Waadtländer Gemeinden in den Top Ten vertreten.

Laut Philipp Wanner dürfte die liberale Einbürgerungspraxis für Jugendliche der zweiten Generation in der Romandie zu diesem Ergebnis beitragen. Dazu kommt, dass es sich oft um kleine Gemeinden mit einem tiefen Ausländeranteil handelt, bei denen schon wenige Einbürgerungen die Quote in die Höhen katapultieren. In der Deutschschweiz fallen Walterswil (BE), Biezwil (SO) und Dorf (ZH) in diese Kategorie.

Wie viele Gesuche in den Gemeinden jeweils eingereicht worden sind und wie viele abgelehnt wurden, geht aus den Daten nicht hervor. Diese Information werde in der Schweiz leider nicht systematisch erfasst, bedauert Philippe Wanner. Die Ablehnungsquote könnte unter anderem Auskunft darüber geben, ob bestimmte Staatsbürger systematisch diskriminiert werden.

Wende in Fideris

Im einbürgerungsfreien Kandergrund ging in der zehnjährigen Amtszeit von Gemeindepräsident Roman Lanz nie ein Gesuch ein, wie dieser auf Anfrage erklärt. Zwar hätten wegen der Neat-Baustelle zeitweise rund 400 Ausländer in Kandergrund gewohnt, auch im Tourismus seien einige ausländische Arbeitskräfte beschäftigt. «Diese Menschen wollen aber nicht hier bleiben – sie ziehen meist nach einer oder mehreren Saisons weiter.»

Im bündnerischen Fideris hingegen, wo Ausländer sogar das Stimmrecht haben, wohnen inzwischen zwei frischgebackene Schweizer. Nach 2017 sei ein Ehepaar eingebürgert worden, sagt Gemeindepräsidentin Marianne Flury. Und betont: «Einstimmig!»

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