Diese Armee hat keinen Sinn

Weil immer weniger Junge ins Militär wollen, wird der Zugang zum Zivildienst erschwert. Absurd.

«Die Armee hat bei der jungen Generation, auf die sie so angewiesen ist, einen katastrophalen Ruf», schreibt Autor Jean-Martin Büttner. Foto: Keystone

«Die Armee hat bei der jungen Generation, auf die sie so angewiesen ist, einen katastrophalen Ruf», schreibt Autor Jean-Martin Büttner. Foto: Keystone

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Berichten wir von drei Ereignissen der letzten paar Monate. Sie ereigneten sich an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Akteuren, aber sie passen zusammen. Am Mittwoch in Bern hat der Nationalrat im Einklang mit dem Ständerat beschlossen, den Zugang zum Zivildienst massiv zu verschärfen, unter anderem mit noch längeren Einsätzen. Die bürgerliche Ratsmehrheit will eingrenzen, was sie «Abschleicher» nennt – also junge Männer, die den Zivildienst dem Militärdienst vorziehen. Oder im Laufe der Rekrutenschule oder in den Wiederholungskursen merken, dass sie im Militärdienst keinen Sinn erkennen und lieber etwas Sinnvolles für die Öffentlichkeit anstellen.

Vor etwas über einer Woche bestand das Ereignis darin, dass es nicht stattfand. Ein Bataillonskommandant wollte in Hombrechtikon eine Primarschulklasse besuchen, in der sich auch ein Sohn von ihm befindet. Bei seinem Besuch hätte er vier Schützenpanzer mitgebracht, um den Schülern etwas vom Militär zu erzählen und sie nachher auf eine Panzerfahrt mitzunehmen. Der Anlass wurde abgesagt, angeblich aus finanziellen Gründen und weil man den Lärm befürchtete. Kritiker sprachen von einer Militarisierung der Kinder. Die Panzeroffensive war eine schlechte Idee gewesen von Anfang an.

Im August schliesslich fand das Ereignis zwar statt, aber fast ohne Beteiligung. Ein junger Offizier hatte sich aufgemacht, in Schaffhausen, seiner Heimatstadt, in einer Kantonsschule über das Militär zu erzählen. Er war einer der wenigen Armeeangehörigen, die überhaupt an eine Schule eingeladen worden waren. Der junge Offizier hatte auf 100 Schüler gehofft; es kamen 6.

«Es droht, in einem wirtschaftlich so dicht vernetzten Europa, kein Angriff der russischen Armee auf die Schweiz.»

Die Beispiele zeigen: Die Armee hat bei der jungen Generation, auf die sie so angewiesen ist, einen katastrophalen Ruf. Offensichtlich sehen immer weniger Jugendliche ein, wofür sie ein Jahr ihres Lebens hergeben müssen. Offensichtlich können sie mit den Bedrohungsszenarien der Schweizer Armee nichts anfangen. Offensichtlich glauben sie nicht, dass Panzersperren, Abwehrraketen und Infanterieverbände irgendetwas mit den Bedrohungen zu tun haben, mit denen die Schweiz und Europa und immer mehr die Welt konfrontiert werden.

Denn es droht, in einem wirtschaftlich so dicht vernetzten Europa, kein Angriff der russischen Armee auf die Schweiz. Viel gefährlicher ist der Cyberkrieg, vor allem die Manipulation der Meinungen, die zur Destabilisierung der Gesellschaft führen. Und ebenso gefährlich sind die Folgen des Klimawandels, die sich in den nächsten Jahren verschärfen werden, auch in der Schweiz.

Engagierte Leute als «Abschleicher» denunzieren

Statt junge Männer dafür zu bestrafen, dass sie sich im Zivildienst für die Gesellschaft engagieren, in Schulen, Spitälern, in Altersheimen, auf dem Land und wo sie sonstwo gebraucht werden, sollten sich die Freunde und Anführer der Schweizer Armee etwas anderes überlegen: dem Schweizer Militärdienst das zu vermitteln, was ihm am meisten fehlt: Sinn.

Wenn bürgerliche Politiker Leute, die sich engagieren wollen, als «Abschleicher» denunzieren, zeigt ihre Redewendung vor allem eines: Dass sie nichts begriffen haben. Stattdessen beschloss das Parlament diese Woche noch, für 6 Milliarden Franken Kampfjets zu kaufen, 30 an der Zahl, 200 Millionen Franken das Stück. Wir können es kaum erwarten, sie über den Schweizer Himmel schleichen zu hören.

Erstellt: 20.12.2019, 23:43 Uhr

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