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«Das Weihnachtsessen ist ein Belohnungsritual»

15’000 Franken für 32 Personen, das war der Armee zu viel. Warum klingelts hier keinem? Gerhard Fatzer weiss, wie Organisationen ticken.

Steht schon fast symbolisch für das, was von der Armee erwartet wird: Ein schlichter Christbaum vor wehrhaften Männern im Bundeshaus.
Steht schon fast symbolisch für das, was von der Armee erwartet wird: Ein schlichter Christbaum vor wehrhaften Männern im Bundeshaus.
Anthony Anex, Keystone

Von «Appenzeller-Alpenbitter-Orgien» spricht Divisionär Andreas Stettbacher in einem Bericht, der geheim bleiben sollte. Und von «limitless Alkohol» an Armeekader-Anlässen, mit «Plättli» und Drinks später in der Bar. Alles auf Staatsrechnung.

Stettbacher war wegen eines zu teuren Weihnachtsessens unter Beschuss geraten, «Vermögens- und Amtsdelikte» wurden ihm vorgeworfen (wir berichteten). 15’000 Franken für 32 Personen kostete der Anlass. Der Oberfeldarzt war im Dezember 2016 freigestellt worden. Darum packte er später aus. Dabei kam auch heraus: Schweizer Generäle liessen ihre Frauen per Heli zum Golfen fliegen.

Ein Sensorium für das «gesunde Mass»

Fragt sich natürlich: Wie kommt es so weit, dass mit Steuergeld derart umgegangen wird? Antwort eins: Es fehlte ein Spesenreglement, das solches Gebaren unterbunden hätte. Dieser Mangel ist inzwischen behoben. Antwort zwei kommt von Gerhard Fatzer, Psychologe und Coach für Organisationskultur: Auch wenn es damals kein Spesenreglement gab, brauche es ein Sensorium für das «gesunde Mass». Wichtig seien hier «Leitbilder» und eine gute Organisationskultur. Er will zwar der Armee nicht unterstellen, dass es dies nicht gebe, aber offenbar sei sie nicht überall vorbildlich vorgelebt worden.

Dass dann eine Untersuchung die Vorfälle klären musste, ist für Fatzer nur bedingt hilfreich. «Oft geht es doch nur darum, dass Sündenböcke gesucht und präsentiert werden.» Und das sei dann für die Behebung des Problems nicht förderlich. Denn: «In der Regel sind ja nicht Einzelpersonen für Missstände verantwortlich, sondern ein System, das dahintersteht.»

Das «Heldenbild der Manager»

Den Firmenpsychologen stört dabei auch die noch immer vorherrschende Chefkultur: Viele Unternehmen und Organisationen würden nach wie vor streng hierarchisch von oben nach unten geführt. Er spricht vom «Heldenbild der Manager». Die könnten keineswegs einen ganzen Betrieb überblicken. «Parmelin weiss doch nicht alles.» Der Chef und die Vorgesetzten müssten sich – bei guter Organisationskultur – auch darauf verlassen, dass Missstände auf allen Mitarbeiterstufen festgestellt und behoben werden können. Dem «Superchef» aber würden die Unterstellten nur das weiterleiten, was «sie wollen und ihrem Joberhalt dienlich ist».

Dass bei fehlenden Spesenregeln zugegriffen wird, das sei «natürlich zu erwarten», sagt Fatzer. Zwar nicht unbedingt bei der Armee, einer Organisation mit einer festen und gewachsenen Struktur und Kultur. Bei Pionierbetrieben wie Start-ups sehe er aber immer wieder solche Entwicklungen. Aber auch wenn dann später Spesenregeln erstellt würden, sei dies noch lange kein Garant für «vernünftiges Verhalten». Auch hier spiele wieder die Betriebskultur eine wichtige Rolle.

Weihnachtsessen als Belohnungsritual

Fragt sich schliesslich noch: Braucht es überhaupt die ganzen sozialen Anlässe – andere sprechen von Teambuilding – wie zum Beispiel Weihnachtsessen? «Ja, unbedingt. Das sind Belohnungs- und Erfolgsrituale», so Fatzer. Und die hätten eine wichtige Funktion innerhalb von Organisationen. Denn: «Chefs müssen aufpassen, dass sie nicht nur über die Sanktion von Fehlern führen. Es ist auch wichtig, Erfolge zu feiern.» Wer hier allerdings überbordet, der schadet der Reputation der Organisation.

Die Armee stellte dies im oben beschriebenen Fall nun als «Unregelmässigkeiten» fest, wie das VBS heute Morgen in einem Tweet verlauten liess.

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