Wie lange bleibt das nukleare Restrisiko noch bestehen?

Im Januar 2020 beginnt der Rückbau des AKW Mühleberg. Doch wie zerlegt man den 200'000-Tonnen-Bau? Die wichtigsten Antworten.

Nicht mehr lange und beim AKW Mühleberg heisst es Lichterlöschen.

Nicht mehr lange und beim AKW Mühleberg heisst es Lichterlöschen. Bild: Beat Mathys (Archiv)

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Am 20. Dezember um 12.30 Uhr wird das AKW Mühleberg definitiv abgeschaltet. Wer darf den Knopf drücken?
Genau genommen sind es zwei Knöpfe. Drücken werden sie die zwei Mitarbeitenden im Kontrollraum, die für diese Aufgabe im Schichtplan eingeteilt sind – Fachleute also. Denn ein Atomkraftwerk eignet sich nicht gut für Symbolhandlungen von Würdenträgern.

Ist es schwierig, ein AKW abzuschalten?
Ein AKW muss jederzeit abgeschaltet werden können, sonst ist es nicht mehr kontrollierbar. Das Abschalten ist ein Routinevorgang.

Wann beginnt der Rückbau?
Am 6. Januar nach den Weihnachtsferien. «Es war immer ein grosses Anliegen, dass wir nach dem Abstellen nahtlos weitermachen können», sagte BKW-Chefin Suzanne Thoma gestern vor den Medien. Dies, weil ein zügiges Vorgehen die Kosten des Rückbaus senkt.

Ist es riskant, so rasch mit dem Rückbau zu beginnen?
Natürlich folgt dann nicht die eigentliche Demontage, sondern es laufen Vorbereitungsarbeiten dafür ausserhalb des Reaktors an. Der Reaktor verbleibt noch drei Monate unangetastet im abgeschalteten Zustand.

Ist nach dem Abschalten kein AKW-Unfall mehr möglich?
Doch. Die Brennstäbe bleiben noch bis 2024 im Werk. Deshalb ist eine Kernschmelze möglich, falls die Kühlung versagen sollte. Im ersten Jahr werden deshalb alle bisherigen Kühlsysteme des Atomkraftwerks auf das Lagerbecken für die Brennstäbe umgepolt. Das Becken verfügt dann über eine vom übrigen Reaktor unabhängige Kühlung, die erstmals auch erdbebenfest ist.

Heisst dies, dass das nukleare Restrisiko noch lange besteht?
Ja, bis 2024. Aber: Das Gefahrenpotenzial vermindert sich laufend, anfangs sogar sehr rasch. In den ersten drei Monaten sinkt die Radioaktivität um das Tausendfache. Auch die Wärmeleistung wird massiv reduziert. Dazu kommt: Die erste Herausforderung bei einem Unfall in einem laufenden AKW ist es, das Werk abzuschalten und die sehr hohe Betriebstemperatur wegzukühlen. Dies ist mit der Abschaltung schon passiert. Das Unfallrisiko ist in den letzten drei Betriebsmonaten also grösser als danach.

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Gibt es nach der Abschaltung noch genug Strom?
Die BKW wird ein deutlich kleinerer Player auf dem Schweizer Strommarkt und auch im Stromhandel, sie wird laut eigenen Angaben aber keine Probleme haben, ihre Kundschaft zu versorgen. Das AKW Mühleberg deckt 5 Prozent des schweizerischen Strombedarfs. Nach seinem Wegfall wird die Schweiz netto aber wohl nur wenig oder gar keinen zusätzlichen Strom importieren müssen. Denn der Stromverbrauch sinkt leicht und die erneuerbaren Energien legen langsam, aber stetig zu.

Das AKW wurde in 5 Jahren gebaut, warum dauert der Rückbau 15 Jahre?
Weil die Anlage nach 47 Betriebsjahren voller Material ist, das in unterschiedlichem Ausmass selber radioaktiv oder verstrahlt ist. Man kann den AKW-Rückbau mit dem Abriss eines Gebäudes vergleichen, das stark kontaminiert ist, zum Beispiel mit Asbest – nur in einem sehr viel grösseren Massstab.

Welche Etappen stehen an?
Die ersten Arbeiten beginnen im Maschinenhaus, weil man nach der Abschaltung den Stromgenerator nicht mehr braucht. Hier entsteht ein Zentrum zur Reinigung und Sortierung von Material, das verstrahlt ist. Nach drei Monaten werden die Brennstäbe aus dem Reaktor in das Lagerbecken umplatziert – und dieses mit einem autarken Sicherheitssystem ausgestattet. Das Brennstab-Becken ist dann vom übrigen Reaktor abgekoppelt, sodass dort demontiert werden kann. Das Gros der Zerlegungsarbeiten beginnt aber erst, wenn die Brennstäbe 2024 aus dem AKW entfernt sind. Bis 2031 wird das restliche radioaktive Material entfernt. Die von der Radioaktivität befreiten Gebäudehüllen werden dann bis 2034 konventionell abgerissen.

Wie zerlegt man ein AKW?
Von innen nach aussen und in der ersten Etappe um die Brennstäbe im Lagerbecken herum. In viel Kleinarbeit müssen unzählige Anlagenteile zerlegt, wenn möglich von der Strahlung gesäubert und sortiert werden. Dabei kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz. Die hoch radioaktiven Reaktoreinbauten etwa werden von ferngesteuerten Maschinen unter Wasser zerlegt. Leicht verstrahlte Materialien können mit Sandstrahlern oder Hochdruckreinigern dekontaminiert werden, teils reicht bereits Waschen oder Wischen.

Wie geht die BKW vor?
Bei einem solchen Grossprojekt ist die richtige Abfolge der Arbeiten und ihre minutiöse Planung entscheidend. Stefan Klute, der Gesamtprojektleiter für die Stilllegung, spricht von einem «Puzzle», das man richtig zusammensetzen müsse. Details, die banal scheinen mögen, können zentral sein. Etwa, dass man klar kennzeichnet, welche Systeme schon ausser Betrieb sind. «Dies ist eine Lektion, die wir auch aus den Erfahrungen mit Stilllegungen in Deutschland gelernt haben», sagte Klute gestern. Eine grosse Herausforderung ist, dass sich die Anlage mit dem Rückbau dauernd verändert.

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Wie aufwendig ist der Rückbau?
Es ist laut BKW-Chefin Suzanne Thoma das «grösste Projekt der BKW seit dem Bau des Kernkraftwerks vor einem halben Jahrhundert» und zudem «derzeit eines der grössten privat finanzierten Projekte der Schweiz».

Was kostet das alles?
927 Millionen Franken kostet laut Angaben der BKW der Rückbau insgesamt. Dazu kommen 1,427 Milliarden Franken für die Lagerung des Atommülls, zuerst im Zwischenlager in Würenlingen AG, danach für die Endlagerung.

Hat die BKW die Kosten im Griff?
Die BKW betont, die Stilllegungs- und Entsorgungskosten seien «sichergestellt». Sie hat dafür Geld in Fonds einbezahlt und Rückstellungen gemacht. Allerdings bestehen grosse Unterschiede zwischen den zwei Kostenblöcken. Den Rückbau hat die BKW inzwischen sehr detailliert geplant, und die Umsetzung ist in ihrer Hand. Die Kosten für die Endlagerung des Atommülls hingegen werden grösstenteils erst ab den 2040er-Jahren anfallen. Es gibt bisher nur drei mögliche Standorte, aber kein Projekt – es ist also sehr viel schwieriger, die Kosten für die Endlagerung abzuschätzen.

Warum streiten BKW und Bund über die Kosten der Endlager?
Der Fonds für die Endlager der hoch, mittel und schwach radioaktiven Abfälle ist erst teilweise geäufnet. Wie viel Geld dereinst vorhanden sein wird, hängt also von den Beiträgen und der angenommenen Rendite des Fonds ab. Der Bund rechne zu vorsichtig, monierte Thoma. Damit entziehe er den Stromkonzernen Geld, das sie für Investitionen benötigen würden. Der Bund will vermeiden, dass letztlich die Steuerzahler für ungedeckte Kosten der Atommüll-Lagerung aufkommen müssen.

Wie viel Atomabfall entsteht?
Das AKW Mühleberg weist eine Gesamtmasse von 200'000 Tonnen auf. Nach der Reinigung eines Teils des radioaktiv verunreinigten Materials verbleiben rund 5000 Tonnen oder knapp 3 Prozent Atommüll. 100 Tonnen sind hoch radioaktiv und damit am schwierigsten zu lagern. Nur vorübergehend Atommüll sind sehr schwach strahlende Materialien. Sie kommen für 30 Jahre in ein Abklinglager, danach sind sie so weit abgeklungen, dass sie ins Recycling oder auf normale Deponien gegeben werden können.

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Wo sind die Atommülllager?
Der Standort für das Abklinglager – wohl eine simple Industriehalle – ist offen. Für die geologischen Tiefenlager sind drei Standorte Jura Ost (AG), Nördlich Lägern (AG und ZH) und Zürich Nordost (TG und ZH) in Abklärung. Vorerst kommt der Atommüll für einige Jahrzehnte ins Zwischenlager Würenlingen (AG).

Was geschieht mit dem Personal?
Für die BKW ist es zentral, das AKW mit der Betriebsmannschaft zurückzubauen – um davon zu profitieren, dass das Personal die Anlage gut kennt. Von den rund 350 AKW-Angestellten werden im Durchschnitt 200 für die Stilllegung gebraucht, rund 100 werden im Lauf des Prozesses pensioniert, weitere wechseln zu anderen BKW-Gesellschaften.

Baut das Personal seinen eigenen Arbeitsplatz ab?
Das ist so. Allerdings bleiben die Arbeitsplätze noch sehr lange erhalten. Die BKW hat für jeden einzelnen AKW-Angestellten ein Profil für die künftige Aufgabe entworfen – und laut BKW stiegen fast alle darauf ein. Momentan sucht die BKW noch 30 bis 40 weitere Fachleute, vor allem für den Strahlenschutz.

Braucht es auch Fremdpersonal?
Ja, durchschnittlich 80 Personen während der Stilllegung. Die kompliziertesten Aufgaben werden zudem von hoch spezialisierten Fremdfirmen erledigt.

Zum Schluss: Ist das Gelände 2034, nach dem AKW-Abriss, eine grüne Wiese?
Da legt sich die BKW bisher nicht fest. Möglich sei auch eine industrielle Nutzung, heisst es. Falls dereinst Erdgaskraftwerke, die momentan nicht wirtschaftlich sind, zur Debatte stehen, wäre Mühleberg ein zumindest denkbarer Standort. Die BKW wird sich festlegen müssen, wenn sie 2027 ein Gesuch für die letzte Phase, den Abriss der AKW-Gebäude, stellt.

Erstellt: 20.09.2019, 21:36 Uhr

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