Tamilischer Pastor soll Mädchen missbraucht haben

Der angeschuldigte Pastor einer Freikirche in Bern verlangt von den Mitgliedern zehn Prozent des Lohns – und lebt selber von der Sozialhilfe.

Der Eingang zur tamilischen Freikirche Getsamene Glory Missionary Church auf einem Industrieareal in Bethlehem. Der Pastor, der hier predigt, soll übergriffig geworden sein.

Der Eingang zur tamilischen Freikirche Getsamene Glory Missionary Church auf einem Industrieareal in Bethlehem. Der Pastor, der hier predigt, soll übergriffig geworden sein. Bild: Christian Pfander

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Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die ehemalige Mitglieder der tamilischen Freikirche Getsamene Glory Missionary Church (GGMC) gegenüber dem Schweizer Fernsehen äussern: In der «Rundschau» berichten mehrere junge Frauen, sie seien Opfer von sexuellen Übergriffen geworden, verübt vom Pastor ihrer Glaubensgemeinschaft. Dies unter dem Vorwand, ihnen Dämonen austreiben zu wollen.

«Er hat eines von uns Mädchen gebeten, ein anderes Mädchen im Intimbereich anzufassen, weil da anscheinend der Geist sitzt. Er hat dann seine Hand auf meine Hand gelegt und weitergebetet», erzählt ein Mädchen im Beitrag – alles anonym aus «Angst vor den Kräften des Pastors».

13-jähriges Opfer

«Es ging so weit, dass wir auch Geschlechtsverkehr hatten.»Mutmassliches Opfer

Die Handlungen von Pastor Kumar Williams, der seine Predigen im Untergeschoss einer Liegenschaft in Bern-Bethlehem hält, sollen aber noch viel weiter gegangen sein. «Es ging letztlich so weit, dass wir auch Geschlechtsverkehr hatten», berichtet eine junge Frau, die nach eigenen Angaben in den Pastor verliebt war. Die Tatsache, dass sie zu jenem Zeitpunkt noch nicht 18 Jahre alt war, hat den Geistlichen offenbar nicht von seinen Taten abgehalten. «Er hat mir immer eingeredet, dass das die höchste Form der Liebe und deswegen nicht falsch sei», so die junge Frau.

«Tamilen-Prediger im Zwielicht: Missbrauch von Gläubigen»: Der Rundschau-Beitrag, der am Mittwochabend ausgestrahlt wurde. Quelle: SRF

Besonders verstörend sind die Schilderungen einer damals 13-Jährigen. «Aus familiären Gründen» habe sie einmal beim Pastor übernachtet. Weil sie schlecht träumte, holte der Mann sie in sein Bett. Er habe ihr ins Ohr geflüstert, er bringe sie jetzt auf andere Gedanken. «Dann hat er mich angefasst, an meinen Brüsten, im Intimbereich, an den Schamlippen.» Als das Mädchen sich später von der Kirche distanzierte, habe der Pastor ihr damit gedroht, dass einem Familienmitglied möglicherweise etwas zustosse.

Mitglieder zahlen Zehnten

«Bringen Sie mir die Menschen, die so etwas sagen, dann kann ich für sie beten und es ihnen austreiben.»Kumar Williams, beschuldigter Pastor

Gegenüber der «Rundschau» streitet der beschuldigte Pastor sämtliche Vorwürfe ab. «Bringen Sie mir die Menschen, die so etwas sagen, dann kann ich für sie beten und es ihnen austreiben», sagt der Mann, als ihn das Fernsehteam nach mehreren erfolglosen Versuchen endlich zur Rede stellen kann. Ehemalige Mitglieder hätten sich gegen ihn verschworen, so seine Erklärung. Die Frauen seien von Dämonen besessen.

Unter Verdacht: Pastor Kumar Williams aus Köniz. Bild: Screenshot SRF

Die Anschuldigungen der Aussteigerinnen sind jedoch schwer – und sie gehen über den sexuellen Missbrauch hinaus. Denn auch finanziell soll Williams die Mitglieder der evangelischen Glaubensgemeinschaft, die mittlerweile in fünf europäischen Ländern total 25 Unterkirchen unterhält, ausgebeutet haben. Betroffene berichten, dass sie den Zehnten zahlen mussten. Das heisst: Jedes GGMC-Mitglied hat zehn Prozent seines Lohnes an die Kirche abzutreten. Dazu kommen Kollekten.

Im TV-Bericht wird auf kircheninterne Dokumente aus deutschen Städten verwiesen, die zeigen: Über 70'000 Euro kamen in einem Jahr zusammen. Davon würden Mieten und Spesen bezahlt. Der Rest aber treibe der Pastor selbst und in bar ein. Dafür reist er offenbar höchstpersönlich von Kirche zu Kirche im In- und Ausland. Quittungen von betroffenen Mitgliedern sollen dies bestätigen.

Auch diese Vorwürfe weist der Pastor zurück. «Ich nehme keinen Rappen.» Die von ihm selbst gegründete Kirche, die wie die meisten religiösen Gemeinschaften in der Schweiz als Verein organisiert ist, sei im Minus, habe kein Geld. Allerdings verweist die «Rundschau» auf zwei aktuelle Konti. Auf dem einen liegen offenbar 12'000 Franken, auf dem anderen 44'000 Franken.

Mann bezieht Sozialhilfe

Besonders brisant: Der 62-jährige Mann, der in Köniz lebt, bezieht selber Sozialhilfe. Der zuständige Könizer Gemeinderat Hans-Peter Kohler (FDP) will sich weder im SRF-Beitrag noch auf Nachfrage dieser Zeitung zum Fall äussern.

«Ich darf von Gesetzes wegen keine Auskunft darüber geben, ob jemand Sozialhilfe bezieht oder nicht», so Kohler. Er könne den mutmasslich vorliegenden Sozialhilfemissbrauch deshalb weder bestätigen noch dementieren. Fakt sei: In der Gemeinde Köniz habe man ungefähr 1200 Dossiers von Sozialhilfeempfängern. «Wegen Missbräuchen machen wir pro Jahr etwa 30 Strafanzeigen.»

Strafanzeige eingereicht

Genau diese Massnahme sollen die Könizer Behörden inzwischen auch gegen Pastor Kumar Williams ergriffen haben. Gemäss Recherchen der «Rundschau» hat das Sozialamt Verfehlungen festgestellt und unlängst Strafanzeige wegen Urkundenfälschung und Sozialhilfemissbrauch eingereicht.

Es dürften nicht die einzigen Ermittlungen gegen das geistliche Oberhaupt bleiben. Das 13-jährige Opfer von Williams will rechtlich gegen ihren Peiniger vorgehen. Ohnehin handelt es sich bei der im Raum stehenden Straftat – sexuelle Handlungen mit einem Kind – um ein Offizialdelikt. Das heisst: Die Strafverfolgungsbehörden müssen von Amtes wegen aktiv werden.

Pastor Kumar Williams versucht derweil offenbar, seine Glaubensgemeinschaft zu besänftigen – und scheint es dabei mit der Wahrheit einmal mehr nicht so genau zu nehmen. Nach dem plötzlichen Rummel soll sich das Freikirchen-Oberhaupt in einer Predigt an seine Mitglieder gewandt und von den Anschuldigungen gegen ihn erzählt haben: Man werfe ihm vor, dass er mit Jugendlichen trinke und in die Disco gehe.

Erstellt: 12.09.2019, 07:10 Uhr

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