Städteverband plant Kraftakt für unbeachtete Agglomerationen

Vor allem vom Bund wird ein grösseres Engagement als bisher verlangt.

Vernachlässigte Regionen um die Städte: Abendverkehr zwischen Crissier und Bussigny VD bei Lausanne. (Keystone/Jean-Christophe Bott/Archiv)

Vernachlässigte Regionen um die Städte: Abendverkehr zwischen Crissier und Bussigny VD bei Lausanne. (Keystone/Jean-Christophe Bott/Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schweizerische Städteverband (SSV) kritisiert die Wahrnehmung der Agglomerationen als «Anhängsel der Kernstädte» und stellt das Potenzial dieser «Chancenräume» ins Zentrum eines Forderungskatalogs. Insbesondere vom Bund erwartet der SSV ein grösseres Engagement als bisher.

In den letzten 35 Jahren habe das Bevölkerungswachstum insbesondere in den Agglomerationen und agglomerationsnahen Gebieten stattgefunden, erklärte SSV-Präsident Kurt Fluri gemäss Redetext am Donnerstag an der Jahres-Medienkonferenz in Bern. Wäre beispielsweise die Lausanner Agglomerationsgemeinde Bussigny VD die Schweiz, so hätte letztere heute 10,6 Millionen Einwohner, illustrierte SSV-Direktorin Renate Amstutz die rasante Entwicklung.

Die Agglomerationen seien die Städte der Zukunft, die noch lange nicht fertig gebaut sind. Laut Fluri ist zu erwarten, dass sowohl Kernstädte wie Agglomerationen ein weiteres Bevölkerungswachstum absorbieren und die damit verbundenen Aufgaben stemmen müssen. Es gelte daher, diese Räume gemeinsam zu betrachten und dabei ihre Unterschiede zu respektieren.

Dabei sind die Agglomerationen laut Fluri mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert wie die Kernstädte: mit überlasteten Verkehrssystemen, sozialen Lasten, fehlenden Betreuungsangeboten, der Wachstumsskepsis der Bevölkerung oder der Gefahr von Verdrängung und Gentrifizierung.

Stiefmütterliche Behandlung durch Bund

Trotzdem würden die Agglomerationsgemeinden von der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen und ihre Bedeutung massiv unterschätzt. Namentlich die Behandlung durch den Bund sei – trotz positiven Ansätzen – «stiefmütterlich», so Amstutz. Die Agglomerationspolitik muss laut SSV in der nationalen Politik einen höheren Stellenwert erhalten. Die nächste Legislatur solle deshalb zur «Legislatur der Städte und Agglomerationen» werden. Der Bund müsse die Rahmenbedingungen für die Agglomerationen verbessern.

So müssten etwa die gut etablierten Agglomerationsprogramme mit regionalen Trägerschaften im Bereich Verkehr auch auf andere Bereiche mit grossen Verflechtungen ausgeweitet werden, namentlich in der Sozialpolitik, der Integration, der Wirtschafts- und Finanzpolitik oder der Quartier- und Stadtentwicklung.

«Schlicht ausgeschlossen»

Entwicklungsmassnahmen in den Grossagglomerationen müssen laut SSV den Projekten im Perimeter der Neuen Regionalpolitik des Bundes (NRP) finanziell gleich gestellt sein. Wie Fluri bemerkte, sind heute noch eine ganze Reihe von Kantonen sowie die Metropolitanregionen von der NRP «schlicht ausgeschlossen».

Die im Frühling lancierten Agglomerations-Dialoge hätten gezeigt, dass die «Vorstädte» in erster Linie mehr Gehör für ihre zahlreichen Herausforderungen und Bedürfnisse suchten. Der SSV will deshalb mit verschiedenen Massnahmen die Bedeutung und Leistungen der Agglomerationen für die Schweiz öffentlich bekannter machen. Im Herbst wird der SSV eine grossangelegte Umfrage zur Agglomerationsthematik durchführen. Die Ergebnisse sollen in die Agenda zur neuen Legislatur einfliessen und nach den Wahlen im Herbst vorgestellt werden.

49 Agglos mit 3,8 Millionen Menschen

Die Schweiz zählt laut Definition des Bundesamtes für Statistik (BFS) 49 Agglomerationen, in denen – ohne Kernstädte – rund 3,8 Millionen Menschen leben. Die grösste ist die Agglomeration Zürich mit über 1,3 Millionen Einwohnern, die kleinste Martigny mit 21'000 Personen.

Die wachsende Bedeutung der Agglomerationen spiegelt sich auch in der Entwicklung der Pendlerströme: pendelten 1990 in der Schweiz weniger als drei Millionen Menschen zur Arbeit, waren es 2017 laut BFS bereits vier Millionen. Dabei haben sich die Bewegungen von den Kernstädten auf die Agglomeration ausgedehnt. (red/sda)

Erstellt: 22.08.2019, 19:05 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Blog

Kommentare