Jede fünfte Schweizer Frau hat sexuelle Gewalt erfahren

Sexuelle Belästigung und Gewalt in der Schweiz sind weit verbreitet. Das hat auch mit dem veralteten Sexualstrafrecht zu tun. Dieses soll nun modernisiert werden.

59 Prozent der Schweizer Frauen über alle Altersgrenzen hinweg haben sexuelle Belästigung erlebt. (Archiv)

59 Prozent der Schweizer Frauen über alle Altersgrenzen hinweg haben sexuelle Belästigung erlebt. (Archiv) Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Wie viele Frauen in der Schweiz haben im Laufe ihres Lebens schon einmal ­sexuelle Belästigung erfahren – wurden im Tram am Po angefasst, im Club an der Brust berührt, auf den sozialen Medien angemacht? Und wie viele Frauen haben schon einmal sexuelle Gewalt erfahren – wurden bedrängt, zu Geschlechtsverkehr gezwungen, haben eingelenkt, weil sie um ihr Leben fürchteten? Will man genaue Angaben dazu erfahren, stösst man immer wieder auf den gleichen Begriff: Dunkelziffer.

Im Jahresbericht der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundes 2017 steht: «Die PKS verzeichnet nur die bekannt gewordene Kriminalität – das sogenannte Hellfeld. Zur Dunkelziffer – die der Polizei nicht bekannte Kriminalität – enthält die PKS keine statistischen Daten.» Gerade bei Vorfällen von sexueller Gewalt vermutet man, im Unterschied etwa zu Diebstählen, eine grosse Dunkelziffer.

Amnesty International Schweiz hat in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut GFS Bern gestern eine Befragung veröffentlicht, die Licht in dieses Dunkelfeld bringen will. Es ist die erste, welche die Erfahrungen von Frauen so detailliert erfragt. Das Ziel sei es, steht im Bericht, «eine genaue Schätzung des Anteils Frauen zu machen, die in der Schweiz sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben». Im Zeitraum vom 28. März bis 15. April dieses Jahres wurden in der gesamten Schweiz 4495 Frauen ab 16 Jahren auf drei Arten zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und sexueller Gewalt befragt: telefonisch, via Onlinepanel von GFS Bern und in einer Onlinebefragung.

Neue Formen der Belästigung

Die repräsentativen Ergebnisse lassen erahnen, wie verbreitet dieses Phänomen in der Schweiz tatsächlich ist. Eine grosse Mehrheit der befragten Frauen hat schon unterschiedlichste Belästigungsformen erlebt: 59 Prozent der Frauen gaben an, unerwünscht berührt, geküsst und umarmt worden zu sein. 56 Prozent sagten, schon sexuell suggestive Kommentare und Witze gehört zu haben. 54 Prozent fühlten sich «unangemessenem Anstarren» ausgesetzt, das sie eingeschüchtert habe.

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Jüngere Frauen erfuhren vor allem auf den sozialen Medien spezifische Formen von Belästigung: 61 Prozent der 16- bis 39-Jährigen gaben an, mit aufdringlichen Kommentaren über ihre körperliche Erscheinung beleidigt worden zu sein. 57 Prozent der bis 29-Jährigen erhielten auf Onlinekanälen sexuell eindeutige Nachrichten.

Auf die Frage, ob sie «ungewollte sexuelle Handlungen erleben» mussten, antworteten 22 Prozent der Frauen mit Ja. Weitere 6 Prozent gaben an, dass dies «schwierig zu beurteilen» sei. Zu den ungewollt sexuellen Handlungen zählen der Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen, der Zwang zu ­ irgendeiner sexuellen Aktivität, Übergriffe durch Unbekannte.

«Unser heutiges Gesetz ist zu täterfreundlich. Und es ist archaisch.»Martino Mona, Strafrechtler

Jede fünfte Frau in der Schweiz ist von sexuellen Gewalttaten betroffen, die strafrechtlich relevant sind. Aber lediglich 10 Prozent der betroffenen Frauen haben den Vorfall laut Amnesty International bei der Polizei gemeldet. Wendet man diese geringe Anzeigequote auf das vergangene Jahr an, in dem gemäss der aktuellsten Kriminalstatistik insgesamt 1291 Straftaten zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung angezeigt wurden, heisst das: Die tatsächliche Anzahl solcher Vorfälle liegt vermutlich bei knapp 13'000. Der Eisberg ist zehnmal so gross wie seine sichtbare Spitze.

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Agota Lavoyer von der Opferberatungsstelle Lantana sieht die Ursache dieser grossen Dunkelziffer darin, dass in der Gesellschaft noch immer «Vergewaltigungsmythen» existieren: falsche Vorstellungen von Tätern, Opfern und auch davon, was sexuelle Gewalt überhaupt sei. Diese Vorstellungen steckten in allen Köpfen. Etwa in jenem des Richters: Lavoyer erzählt von einem Fall, in dem eine vergewaltigte Frau vom Täter 100 Franken forderte. 100 Franken für das Kleid, das sie an jenem Abend trug und seither nicht mehr ansehen könne. Der Richter habe gefragt: «Können Sie das Kleid nicht einfach waschen?» Die falschen Vorstellungen stecken auch in den Köpfen der betroffenen Frauen, sagt Lavoyer. Wenn sie denken, schuld am Übergriff zu sein, oder wenn sie die Tat nicht melden, weil sie davon ausgehen, dass ihnen ohnehin nicht geglaubt wird. Und es sind solche Vorstellungen, welche die Täter in Sicherheit wiegen. Sie werden ja kaum bestraft.

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Strafrechtler Martino Mona von der Universität Bern sagt: «Unser heutiges Gesetz ist zu täterfreundlich.» Es sei archaisch, weil die betroffenen Frauen beweisen müssen, dass sie sich gegen den Übergriff angemessen gewehrt haben. Gemäss geltendem Strafgesetz reicht es nicht aus, wenn eine Frau sagt, sie habe nicht in den Geschlechtsverkehr eingewilligt. Ihr eigener Wille ist für die Argumentation nicht ausschlaggebend. Sie muss zeigen können, dass sie zum Sex gezwungen worden sei – dass sie entweder bedroht oder psychisch unter Druck gesetzt oder zum Widerstand unfähig gemacht wurde. «Ein schlichtes Nein genügt nicht», sagt Strafrechtlerin Nora Scheidegger von der Universität Bern. Obwohl dies in der Istanbuler Konvention vorgeschrieben ist, die seit vergangenem Frühling auch für die Schweiz bindend ist. Dort gilt als sexuelle Gewalt beziehungsweise Vergewaltigung, wenn es sich beim Akt um ein «nicht einverständliches, sexuell bestimmtes vaginales, anales oder orales Eindringen» handelt. Von Zwang steht nichts. Auf dieser Grundlage könnte das Schweizer Sexualstrafrecht einfach angepasst werden, ­sagen Scheidegger und Mona.

Strengeres Sexualstrafrecht

Tatsächlich schlägt der Bundesrat Änderungen im Sexualstrafrecht vor, die derzeit im Parlament beraten werden. Der Tatbestand «Vergewaltigung» soll einerseits geschlechtsneutral gefasst werden, was bedeutet, dass, strafrechtlich gesehen, neuerdings auch Männer Opfer von sexueller Gewalt sein können. Andererseits wird der Tatbestand auf «beischlafsähnliche Handlungen» ausgedehnt. Auf eine Anpassung im Sinne der Istanbuler Konvention aber hat der Bundesrat verzichtet. Jetzt will Amnesty International eine Petition einreichen, in der sie von Bundesrätin Karin Keller-Sutter unter anderem fordert, alle sexuellen Handlungen ohne Einverständnis unter Strafe zu stellen.

Dieser Forderung stimmen 84 Prozent der befragten Frauen zu. Zudem haben 74 Prozent angegeben, dass Gesellschaft und Politik mehr unter­nehmen sollen, um sexuelle Gewalt und Belästigung zu bekämpfen. Agota ­Lavoyer von der Opferberatungsstelle Lantana sagt, dass das Thema sexuelle Gewalt viele Menschen überfordere. Von solchen Befragungen, wie sie Amnesty International nun durchgeführt hat, erhofft sie sich eine aufklärende Wirkung. Die Schweiz sei in dieser Hinsicht nicht besser als andere Länder – eine EU-weite Erhebung aus dem Jahr 2014 zeigt vergleichbare Ergebnisse.

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Lavoyer sagt: «Je mehr Daten verfügbar sind, desto klarer ist, wovon man eigentlich redet, wenn man über sexuelle Gewalt spricht.» Desto klarer zeigt sich, wie gross das Feld ist, das bislang im Dunkeln blieb.

Erstellt: 21.05.2019, 18:47 Uhr

Die Istanbuler Konvention

Die Istanbuler Konvention ist ein ­Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. 2011 wurde es in Istanbul abgeschlossen und bis September 2018 von 46 Staaten unterzeichnet und von 33 ratifiziert. ­In der Schweiz trat es im April 2018 in Kraft. Der völkerrechtliche Vertrag definiert geschlechtsspezifische Gewalt als Menschenrechtsverletzung und eine Form von Diskriminierung gegenüber Frauen. Die Vertragsparteien verpflichten sich, finanzielle und personelle Mittel für die geeignete Umsetzung des Übereinkommens bereitzustellen. Dies beinhaltet auch spezifische Forderungen wie etwa ein Angebot an geeigneten Aus- und Fortbildungsmassnahmen für Berufs­gruppen, die mit Opfern oder Tätern zu tun haben, vorbeugende Interventions­programme oder eine kostenlose landes­weite und rund um die Uhr erreichbare Telefonberatung. (slm)

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