«Golden Boy» von der Goldküste vor Gericht

Die Bundesanwaltschaft klagt einen Zürcher Banker wegen schwerer Geldwäscherei an. Dieser sieht sich als Opfer.

War der Zürcher Banker einer seiner Verbündeten? Der ehemalige griechische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulus (rechts) bei seiner Verhaftung 2012. Foto: Simela Pantzartzi (Keystone)

War der Zürcher Banker einer seiner Verbündeten? Der ehemalige griechische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulus (rechts) bei seiner Verhaftung 2012. Foto: Simela Pantzartzi (Keystone)

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Wie ein gar einfach gestrickter Plot mutet das Ganze an: Zwei russische Rüstungsbeamte schmieren den griechischen Verteidigungsminister. Sie zählen auf die eigennützige Unterstützung eines syrischen Waffenhändlers. Vereint können die Bestecher ihr ungeeignetes Flugabwehrsystem überteuert nach Griechenland verkaufen.

Der schmutzige Deal beschert dem Minister in Athen ein Luxusproblem. Er, ein Sozialdemokrat namens Akis Tsochatzopoulos, verfügt privat plötzlich über ein Grossvermögen, über das er nicht verfügen dürfte. Es findet sich eine Lösung: Tsochatzopoulos wäscht die Millionen über Tarnkonstrukte. Er tut dies mithilfe eines wenig vermögenden Cousins, der vor allem in der Schweiz als Strohmann dient.

Der Mehrfach-Minister kann sich bald schon ein Anwesen am Fuss der Akropolis leisten, andere Immobilien in der Hauptstadt und er steigt in den Buchhandel ein. Doch dann fliegt alles auf. Der Cousin wird zum Kronzeugen der griechischen Korruptionsermittler, die Russen müssen in ihrer Heimat ins Gefängnis, der syrischstämmige Waffenhändler stirbt später im Exil.

Der Angeklagte bestreitet, die Herkunft des Geldes zu kennen

Und es passiert noch etwas Ungeahntes: In Griechenland wandern korrupte Politiker hinter Gitter, und zwar für länger. Tsochatzopoulos bekommt 20 Jahre. Der Wind hat mit der Eurokrise gedreht. Der letzte Akt in diesem – auch für griechische Verhältnisse – grossen Bestechungsdrama spielt nun in der Schweiz.

Übernächste Woche muss sich jener Privatbanker von der Zürcher Goldküste vor dem Bundesstrafgericht verantworten, der das Geheimkonto des Ministers bei Morgan Stanley in Zürich betreute. Eine grosse Frage im mehrtägigen Prozess wird sein: Hat der Angeklagte gewusst, wem die deponierten Millionen gehörten? Hat er dies vor den bankinternen Kontrollen und der Strafverfolgung zu vertuschen versucht?

Die Bundesanwaltschaft ist nicht nur davon überzeugt. Sondern von mehr: Sie beschreibt den Banker in ihrer 68-seitigen Anklageschrift als zentralen Teil einer Geldwäscherbande. Der Kopf: Tsochatzopoulos. Der Mittelsmann: dessen Cousin, der Nikos Zigras heisst. Der Beschuldigte hat die Vorwürfe stets bestritten. Vor dem Prozess will er sich öffentlich nicht äussern. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ist der Privatbanker ein grosser Geldwäscher? Oder ist er das Opfer von Falschbeschuldigungen und Übertreibungen?

Fest steht bislang nur eines: Der Fall hat dem Privatbanker die Karriere gekostet, die steil verlaufen war. Am Europasitz von Morgan Stanley in Zürich, mittlerweile geschlossen, schaltete und waltete der rund 50-Jährige als Managing Director, ehe er bankintern in London eine noch wichtigere Position annahm.

Später kam er bei der UBS unter. Doch nur für kurze Zeit. Denn seine Vergangenheit holt ihn ein. Sein Name taucht im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal in der griechischen Presse auf. Er wird der Aufsteigergruppe der «Golden Boys» zugerechnet, die nun frei fällt – auch in der Schweiz.

Am 16. Dezember 2014 fahren in aller Früh Polizisten vor der Villa des Privatbankers der Goldküste vor. Es beginnt die zweite von drei Durchsuchungen dort. Der Hausherr kommt fast ein Jahr lang in Untersuchungshaft, eine ungewohnt lange Zeit für einen Topbanker hierzulande.

Doch ist der Privatbanker ein grosser Geldwäscher? Oder ist er – wie er selber in der Strafuntersuchung klarzumachen versuchte – das Opfer von Falschbeschuldigungen und Übertreibungen durch Tsochatzopoulus’ Cousin Zigras? Der Kronzeuge aus Athen hat in seinen Aussagen nachweislich in einzelnen Punkten gelogen, aber gemäss der griechischen Justiz mehrheitlich die Wahrheit gesagt.

Plötzlich fliesst das Geld nach London ab

Die Bundesanwaltschaft hat Zigras selber befragt. Doch allein auf den Politiker-Cousin kann sie sich nicht stützen, wenn sie dem Ex-Morgan-Stanley-Mann «nahezu 100 Geldwäscherei-Operationen» zwischen 2003 und 2012 nachweisen will. Gesamte mutmassliche Deliktsumme: 21,7 Millionen Euro.

Die Wirtschaftsermittler des Bundes haben zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt, welche Aufschluss geben über hektische Vorgänge am Schluss der Periode. Mitte 2010 haben griechische Medien den Kauf verschiedener «Filet-Immobilien» durch den früheren Verteidigungsminister enthüllt. In den Artikeln steht auch, was bislang nicht öffentlich bekannt war: dass Tsochatzopoulos und Zigras Cousins sind. Das ist brisant.

Der Privatbanker in Zürich beginnt kurz danach, Geld vom Geheimkonto des Ex-Ministers zu einem Freund nach London zu verschieben. Von dort fliesst fast eine Million Franken an die Rotorflug Anstalt, eine Briefkastenfirma in Liechtenstein. Sie gehört dem Morgan-Stanley-Banker, der sich als Hobby einen Helikopter hält.

Gemäss der Bundesanwaltschaft hat sich der Freizeitpilot mit diesen Transaktionen unrechtmässig bereichern wollen. Der Beschuldigte bestreitet auch diesen Vorwurf vehement. Er sagte aus, die komplizierten Trans­aktionen über seine Rotorflug Anstalt seien «aus steuerlichen Gründen» ­gemacht worden. Er habe sich das Geld verdient, weil er mit einem Partner Werke des verstorbenen griechisch-amerikanischen Künstlers Theodoros Stamos verkauft habe – und zwar an den Minister-Strohmann Zigras. Der Kronzeuge wusste nichts davon. Ein Teil der angeblich verkauften Bilder befindet sich gemäss der Bundesanwaltschaft weiter im Besitz des Privatbankers an der Goldküste.

Erstellt: 07.08.2019, 18:16 Uhr

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