Er fragte den SP-Präsidenten, ob er Bundesrat werden dürfe

Walter Buser, einziger SP-Bundeskanzler der Schweizer Geschichte, ist im Alter von 93 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Der eine sagte unter dem Druck seiner Partei ab, der andere wurde Bundesrat: Finanzminister Otto Stich (links) und Bundeskanzler Walter Buser, beide SP, während der Sommersession 1988.

Der eine sagte unter dem Druck seiner Partei ab, der andere wurde Bundesrat: Finanzminister Otto Stich (links) und Bundeskanzler Walter Buser, beide SP, während der Sommersession 1988. Bild: Keystone

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Die Anekdote mag charakteristisch sein für den früheren Bundeskanzler Walter Buser, der vor wenigen Tagen gestorben ist. Es war im Winter 1983. Die SP wollte Lilian Uchtenhagen als Nachfolgerin des populären Willi Ritschard in den Bundesrat wählen lassen, die Bürgerlichen suchten verzweifelt nach einem Sprengkandidaten. Uchtenhagen war ihnen zu selbstbewusst und pointiert.

Da rief SP-Bundeskanzler Walter Buser, damals 57, seinen Parteipräsidenten Helmut Hubacher an und sagte, er müsse dringend mit ihm reden. «Er kam dann zu mir in die Parteizentrale nach Basel», erinnert sich Hubacher. Dort sagte Buser, er habe ein Problem. Die Bürgerlichen wollten ihn als Sprengkandidaten für den frei gewordenen SP-Bundesratssitz portieren. «Was sagst du dazu?»

Walter Buser war kein Parteibüffel. Kein zackiger Befehlsgeber, sondern ein umgänglicher, jovialer Moderator.

Die Antwort sei kurz ausgefallen, sagt Hubacher. «Natürlich lehnst du ab», habe er geantwortet. «Du bist unser Bundeskanzler. Bundesrätin wird Lilian Uchtenhagen.» Das habe auch der verstorbene Alt-Bundesrat Willi Ritschard so gewünscht. Buser sagte den Freisinnigen, welche die Fühler nach ihm ausgestreckt hatten, ab. Und begrub seine kühnsten Träume.

Es kam die Stunde von SP-Nationalrat Otto Stich, der ebenfalls von den Bürgerlichen angegangen wurde. Er sagte Ja. Den Parteipräsidenten fragte er nicht.

Kein politisches Alphatier

Buser hätte die Dissonanzen vielleicht schlecht ertragen. Die Nicht-Wahl von Lilian Uchtenhagen stürzte die SP vorübergehend in eine Sinnkrise, ein Rückzug aus dem Bundesrat wurde erwogen. Walter Buser galt als vorsichtig und besonnen, kein politisches Alphatier, sondern Hintergrund-Schaffer, ehrgeizig und zuverlässig. In seinen 23 Jahren als Kanzler und Vizekanzler habe er nur eine einzige Bundesratssitzung verpasst, berichtet die Agentur Keystone-SDA anlässlich seines Todes. Buser verstarb am Samstag, 17. August, im Alter von 93 Jahren. Das teilte seine Familie am Mittwoch in einer Todesanzeige mit.

Der Sohn eines Kleinbauern im Baselbiet studierte Recht in Basel und Bern, doktorierte und wurde zum ausserordentlichen Professor für öffentliches Recht nach Basel berufen, eine verheissungsvolle akademische Karriere hätte ihm bevorgestanden. Im Bundesbetrieb lief es nicht ganz so reibungslos. Als der einflussreiche Schatten-Bundesrat Karl Huber (CVP) 1981 den Kanzlersitz freimachte, kam es zur Kampfwahl zwischen SP, SVP und CVP. Die Sozialdemokraten forderten endlich und ultimativ einen Kanzler, ihr Kandidat schaffte es schliesslich im vierten Wahlgang.

Er hätte wohl gern kandidiert

Walter Buser sei eben kein Parteibüffel gewesen, erinnert sich Franz Steinegger (FDP), damals ein amtsjunger Beobachter im Nationalrat. Kein zackiger Befehlsgeber, sondern ein umgänglicher, jovialer Moderator. «Aber durchaus mit einem Zielbewusstsein.» Steinegger erinnert sich an die Affäre Kopp, die mitten in Busers Amtszeit fiel, welche der Kanzler umsichtig begleitet habe.

Kein Parteibüffel ist je nach Standpunkt ein Kompliment oder nicht. Aus Sicht des Parteipräsidenten Hubacher war es kein Kompliment. Buser sei ein «Vernünftiger» gewesen, sagt er, immer gut vorbereitet. Doch sie beide hätten ein eher distanziertes Verhältnis gehabt. Und der Besuch in der Basler Parteizentrale hat dieses Verhältnis nicht aufgebessert. Beinahe notfallmässig sei Buser gekommen, erzählt Hubacher. Natürlich hätte er gern kandidiert, glaubt er. «Wer fühlt sich nicht gebauchpinselt, wenn sie einen für das höchste Amt anfragen?»

Ehemaliger Journalist

Gern gesehen war Buser bei den Medienschaffenden. Während des Studiums hat er als Redaktor bei sozialdemokratischen Zeitungen gearbeitet, vier Jahre lang war er Chefredaktor der «Sozialdemokratischen Bundeshauskorrespondenz», bevor er Mitte der Sechzigerjahre seine Stelle in der Bundesverwaltung antrat. Innenminister Hans-Peter Tschudi engagierte seinen Parteikollegen als Leiter des Rechts- und Informationsdienstes.

Später als Vizekanzler und Kanzler war Buser an mehreren Reorganisationsvorhaben beteiligt: Aufbau einer Führungsstruktur für Krisensituationen, Rationalisierungsprogramme in der Verwaltung, Einführung des doppelten Ja bei Volksinitiativen mit Gegenvorschlag. Ausserdem führte erst Walter Buser regelmässige Pressekonferenzen des Bundesrats ein. Die SP hatte mit ihm keinen Parteiliebling. Aber einen Bundeskanzler in 170 Jahren Eidgenossenschaft.

Erstellt: 21.08.2019, 15:06 Uhr

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