Eine Spitzelaktion in Bern, die eskalierte

Ein Kurde arbeitete für den türkischen Geheimdienst. Nach seiner Enttarnung wurde ihm offenbar mit dem Tod gedroht – durch Erfrieren.

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Misstrauisch blickt der Mann vom Balkon irgendwo im Mittelland. Unten vor dem Hauseingang steht ein ungebetener Besucher. Aydin K.* will sich vergewissern, dass von dem Journalisten keine Gefahr ausgeht. Er hat allen Grund, vorsichtig zu sein nach allem, was ihm widerfahren ist. Im Wohnzimmer der Familie erzählt seine Frau kurz danach vom Trauma, das der 37-jährige Kurde erlitten hat. Blutend und mit einer Riesenbeule an der rechten Gesichtshälfte sei er nach Hause gekommen, zehn Tage habe er nach dem «Zwischenfall» nicht mehr gesprochen.

Aydin K. deutet auf seinen Backenknochen: «Der ist gebrochen und muss vielleicht operiert werden.» All dies seien die Folgen der Schläge, die ihm seine Peiniger verpasst hätten. Sonst sagt der kurdische Asylbewerber kaum etwas. Nur für kurze Zeit bricht es aus ihm heraus, als er von den zwanzig Minuten erzählt, die er im begehbaren Tiefkühlraum einer Pizzeria eingesperrt worden sei. Ihm sei mit dem Tod durch Erfrieren gedroht worden, wenn er nicht endlich gestehe, ein Spion des türkischen Geheimdienstes MIT zu sein.

Verdächtige Kurznachrichten

Folter in einer Pizzeria mitten im Kanton Bern? Zum Geschehen am 5.Mai 2019 zwischen ungefähr 17 und 23 Uhr gibt es widersprüchliche Versionen: eine drastische und eine weitaus harmlosere. Die kantonale Staatsanwaltschaft versucht herauszufinden, was genau sich an jenem Sonntagabend abgespielt hat. Sie bestätigt auf Anfrage, dass sie ein Strafverfahren gegen mehrere Personen unter anderem wegen Verdachts auf Freiheitsberaubung, ­Nötigung, Drohung und Körperverletzung führe. Und dass sie vier Verdächtigte sechs Wochen lang in Untersuchungshaft hielt. Inzwischen sind alle wieder auf freiem Fuss. Ein fünfter Mann ist flüchtig. Für die mutmass­lichen Peiniger von Aydin K. gilt die ­Unschuldsvermutung.

In der Variante, die Aydin K. knapp zwei Wochen nach dem Vorfall der Polizei erzählte, ist von Prügeln und Drohungen die Rede, von einer mehr als fünfstündigen Gewaltorgie im Keller der Pizzeria. Er sei gegen seinen Willen zu einem Geständnis gezwungen worden, das nicht der Wahrheit entspreche.

Denunzierungen, auch falsche, 
beim türkischen Staat können fatale ­Konsequenzen ­haben.

Ganz anders klingt es von der Seite der Beschuldigten, ebenfalls Kurden, die grösstenteils zur selben Grossfamilie gehören: Aydin K. habe sein Mobil­telefon freiwillig herausgegeben, und darin habe man dann eine Vielzahl von ­Beweisen für seine Spionage gefunden. Zum Beispiel eine Whatsapp-Nachricht, die Aydin K. einem Unbekannten in der Türkei geschickt habe. Darin habe er um ein dringendes Gespräch gebeten. Aydin K. habe geschrieben, dass ihm jetzt der Name des Sicherheitsverantwortlichen der «Organisation» bekannt sei. Mit «Organisation» habe er die kurdische Arbeiterpartei (PKK) gemeint. Die PKK führt in der Türkei und Teilen Syriens und des Iraks einen Guerillakrieg gegen türkische Sicherheitskräfte und deren Verbündete.

Hilfe bei Mord angeboten

Aydin K. arbeitete als Pizzaiolo im Lokal mit dem unterirdischen Kühlraum. Mehrere in den Fall involvierte Personen sind überzeugt, dass Aydins Arbeit Teil einer nachrichtendienstlichen Operation der Türkei sei. Die Pizzeria, in der der Kurde aktiv war, gehörte Karzan D.* Der kurdische Unternehmer, seit Jahren in der Schweiz, ist nun einer der Hauptverdächtigen im Berner Strafverfahren. Dessen Familie ist im lokalen kurdischen Kulturzentrum aktiv und macht bei Demonstrationen gegen die türkische Regierung mit.

Die Beschuldigten bestreiten soweit bekannt die Vorwürfe. Sie sehen sich und ihr Umfeld – wenn schon – als Opfer einer Maulwurfoperation. Denunzierungen, auch falsche, beim türkischen Staat können fatale Konsequenzen haben. Die Situation in der Türkei ist noch angespannter als sonst, Präsident Erdogan droht den Kurden im Norden Syriens mit Angriffen. Auch in der Schweiz wächst bei einer solchen Militärintervention die Gefahr. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) warnt in seinem aktuellen Lagebericht «vor gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Anhängern der PKK und türkischen Nationalisten beziehungsweise Anhängern des türkischen Staatspräsidenten Erdogan».

Starke Indizien für Spionage

War Aydin K. ein Maulwurf? Dafür gibt es starke Indizien. Der Pizzabäcker stand nachweislich in Kontakt mit dem Polizeihauptquartier in Diyarbakir. Vor dem Vorfall in der Pizzeria rief er zum Teil täglich mehrmals dort an. In der Stadt im Südosten der Türkei leben mehrheitlich Kurden.

In einer Mail, die angeblich auf seinem Mobiltelefon gefunden wurde, soll der Pizzaiolo dem MIT zudem seine Hilfe angeboten haben, um hochrangige kurdische Vertreter umzubringen. Er soll den türkischen Behörden auch gemeldet haben, dass Remzi Kartal, der Co-Vorsitzende des kurdischen Volkskongresses in Europa, bei Besuchen in der Schweiz jeweils bei Verwandten von Karzan D. übernachte. Auch für Aydin K. gilt die Unschuldsvermutung.

Ex-Pizzeria-Besitzer Karzan D. hat Strafanzeige wegen verbotenen Nachrichtendienstes erstattet. Die strafrechtliche Verfolgung von Spionage ist Aufgabe der Bundesanwaltschaft. Dort laufen Vorabklärungen. Ein Strafverfahren hat die Bundesanwaltschaft aber gemäss eigenen Angaben nicht eröffnet. Weshalb dies bei der vorliegenden Verdachts­lage rund drei Monate nach der Anzeige nicht geschehen ist, liess sich nicht in Erfahrung bringen.

In Haft umgedreht?

Der angebliche Spitzel hatte erst im Januar 2019 als Pizzaiolo im Restaurant angefangen, wo er nur fünf Monate später in die Mangel genommen wurde. Schon länger verkehrte Aydin K. im lokalen kurdischen Kulturzentrum, einem Treffpunkt von PKK-Sympathisanten aus der ganzen Region. Auf Facebook teilte der Pizzaiolo zum Beispiel Bilder des in der Türkei inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan und von bewaffneten PKK-Kämpfern.

«Alles Tarnung», meint dazu nun ein Kulturzentrum-Besucher, der den mutmasslichen Maulwurf schon länger kennt. Der 37-Jährige habe ideale Voraussetzungen für einen MIT-Spion mitgebracht, findet er, weil ein Bruder von Aydin K. als Kämpfer für die PKK gefallen sei. Dem Bruder eines Märtyrers habe man nicht misstraut. Zudem sei Aydin K. selber, so sagt der Bekannte weiter, 2009 in der Türkei in landesweiten Polizeirazzien gegen die PKK verhaftet worden. Damals hätten ihm sieben Jahre Gefängnis gedroht, doch er habe ein Amnestieangebot angenommen und vermutlich von dort an für den MIT gearbeitet.

Wurde Aydin K. also im Gefängnis vom Geheimdienst umgedreht? Versprach man ihm die Freiheit für Verrat?

Wurde Aydin K. also im Gefängnis vom Geheimdienst umgedreht? Versprach man ihm die Freiheit für Verrat? Das würde vieles erklären, aber Beweise gibt es bislang keine. 2011 sei Aydin K. dann in die Schweiz gekommen und habe Asyl beantragt, fährt der Bekannte des Kurden fort.

Gemäss mehreren Quellen war es vor allem ein Ereignis, das zum Vorfall an jenem 5. Mai führte: Der ehemalige Pizzeria-Besitzer Karzan D. erhielt eine Kurznachricht von einem Informanten in der Türkei. Darin wurde eine Schweizer Mobilnummer erwähnt mit dem Hinweis, dass die Person hinter dieser Nummer ein Spion sei. Mit den späteren Mitbeschuldigten beriet Karzan D., was nun zu tun sei. Da tippte Karzan D. die Zahlen aus der Türkei in sein Handy und realisierte, dass er die Nummer bereits gespeichert hatte: unter dem Namen seines Pizzaiolos.

Die Gruppe beschloss, den mutmasslichen Verräter in der Pizzeria zur Rede zu stellen. Man fand die erste verräterische Kurznachricht auf seinem Mobiltelefon. Das war der Auslöser für die mutmassliche Gewaltorgie. Nach ungefähr fünf Stunden liess man Aydin K. laufen. Vertreter der PKK in der Schweiz distanzieren sich von solchen inakzeptablen Methoden, falls der Vorfall denn wie beschrieben stattgefunden habe. Die angebliche Gewaltanwendung sei nicht mit der Partei abgesprochen und schon gar nicht von ihr abgesegnet gewesen. Es sei ausschliesslich Aufgabe der Justiz, den Spionagefall zu untersuchen und allenfalls zu ahnden. Elf Tage nach dem Vorfall im Keller desRestaurants ­wurde der ehemalige Pizzabäcker ins Kulturzentrum zitiert, wo er sein «Geständnis» wiederholen musste. Es sei auf Video aufgenommen worden, sagt AydinK. Darauf ging er zur Polizei und erstattete Anzeige.

* Namen geändert

Erstellt: 19.08.2019, 21:32 Uhr

Die PKK, eine Terrororganisation?

Seit 1984 kämpft die kurdische Arbeiterpartei (PKK) gegen den türkischen Staat. In der Türkei, den USA und in der EU gilt die PKK deshalb als Terrororganisation. Es gibt allerdings ein einziges Land mitten in Europa, in dem die Partei legal und ziemlich offen agieren kann: die Schweiz. Die Türkei kritisiert Bundesbern deshalb seit Jahren harsch. Die PKK steht unter Beobachtung des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB).

Der türkische Geheimdienst (MIT) ist hierzulande äusserst aktiv und spioniert Oppositionelle wie PKK-Aktivisten oder Anhänger des exilierten islamistischen Predigers Fethullah Gülen aus. Diese Zeitung hat ausserdem einen Fall publik gemacht, in dem der MIT 2016 einen Gülen-Mann im Kanton Zürich entführen wollte. Die Aktion wurde nicht zuletzt wegen einer erfolgreichen Observation durch den NDB vereitelt. (red)

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