88-Jährige aus dem Kanton Zürich klaute eine Handtasche

Eine Rentnerin will eine fremde Handtasche an sich genommen haben, damit sie nicht gestohlen wird, sagt sie. Das Gericht sah es anders.

Auf dem WC die Tasche umgeräumt: Eine 88-Jährige wurde vom Bezirksgericht Bülach zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Auf dem WC die Tasche umgeräumt: Eine 88-Jährige wurde vom Bezirksgericht Bülach zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Bild: Keystone

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Die Anklageschrift ist kurz und schnörkellos: «Die Beschuldigte entwendete eine von der Geschädigten neben der Kasse abgestellte Handtasche samt Inhalt und verliess damit das Verkaufsgeschäft, um die Tasche beziehungsweise deren Inhalt für sich zu verwenden, wozu sie nicht berechtigt war, was sie wusste und auch wollte.»

Keine Diebstahlsabsicht

Wer etwas mit Wissen und Wollen tut, tut dies vorsätzlich, und nicht etwa aus Versehen. Natürlich wusste die 88-Jährige, dass sie nicht berechtigt ist, eine Handtasche zu entwenden. Aber wollte sie das? Nein, natürlich nicht. Sie hat zwar die Tasche genommen, aber nicht, um sie zu stehlen, sondern um sie sicherzustellen.

Um die Handtasche war es – rein finanziell betrachtet – nicht schade. Die 30 Franken wären zu verschmerzen gewesen. Aber dass mit der Tasche auch ein iPhone wegkam, eine Brille verschwand, der Auto- und der Hausschlüssel verloren gingen, war schwerer zu ertragen. Ganz zu schweigen davon, dass auch das aus Sicherheitsgründen notwendige Auswechseln der Schlösser nicht gratis war.

Sie habe es nur gut gemeint

Doch zurück zur 88-jährigen Frau, die mit ihrem Ex-Mann vor Gericht erschien. Sie habe die Handtasche verlassen in der Ecke stehen sehen und sie, bevor sie von irgendjemandem allenfalls gestohlen würde, bei der Information des Geschäfts abgeben wollen. Doch zunächst habe sie dringend die Toilette aufsuchen müssen. All das lässt sich per Video belegen.

Auf der Toilette muss es zum Sinneswandel gekommen sein. Sie habe die Tasche bei der Polizei abgeben wollen. Gesagt und fast getan. Sie stieg ins Auto und fuhr los. Auch das ist auf Video festgehalten. Doch noch ehe ein Polizeiposten auch nur entfernt am Horizont auftauchte, entschied sie sich wieder anders. Sie sei zurückgekehrt und habe die Tasche bei der Information des Geschäfts abgegeben.

Dummerweise habe sie vergessen, dafür eine Quittung zu verlangen. Und dummerweise ist das Wiederauftauchen der Tasche im Geschäft nirgends vermerkt. Und dass die Frau, welche ihre Tasche vermisste, nach dem Verlust gemäss eigenen Angaben drei Stunden beim Informationsschalter in der Hoffnung wartete, die Tasche werde vielleicht abgegeben, warf natürlich auch Fragen auf.

«Mein Gewissen ist sauber»

Die Verteidigerin der 88-Jährigen räumte unumwunden ein, dass der von ihrer Mandantin geschilderte Ablauf «nicht ganz logisch und nachvollziehbar» erscheine. Aber sei man nicht immer wieder mit unverständlichen Handlungen älterer Menschen konfrontiert? Und dann wundere man sich, warum sich diese Menschen nicht Hilfe geholt oder es einfach gar nicht gemacht hätten.

«Mein Gewissen ist sauber», sagte die 88-Jährige zum Schluss. Es half nichts. Der Einzelrichter am Bezirksgericht Bülach verurteilte sie wegen Diebstahls zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 10 Franken. Dass sie die Tasche mitgenommen hat, war zweifelsfrei bewiesen. Dass die Tasche nicht wieder auftauchte, sprach dafür, dass sie nicht zurückgebracht wurde – wenigstens nicht in jener Zeit, in welcher im Geschäft aktiv nach der Tasche gesucht worden war.

Ein kleiner Ausrutscher

Und dann war da noch die eine Szene. Die Videoaufzeichnung belegt, dass die Frau die Tasche während ihres Toilettenaufenthalts in eine andere Tasche umgepackt hatte. Die Rentnerin, so der Richter, habe «wohl kaum aus krimineller Energie» heraus gehandelt, sondern aus Leichtfertigkeit und Versuchung. Er habe keine Zweifel, dass es sich um einen «einmaligen, kleinen Ausrutscher» gehandelt habe und kein Rückfallrisiko bestehe.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es würde aber nicht überraschen, wenn die 88-Jährige die Angelegenheit auf sich beruhen liesse.

Erstellt: 29.10.2018, 15:53 Uhr

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