Blochers Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat

Der SVP-Übervater nimmt nach den Wahlschlappen seiner Partei Stellung – zu fast allem. Der Auftritt irritiert.

«Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu sagen. Aber Sie haben das Bedürfnis, etwas zu fragen»: Mit diesen Worten eröffnete Christoph Blocher die Medienkonferenz. Video: SDA-Keystone

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Christoph Blocher hat die Antworten. Sogar auf Fragen, die niemand gestellt hat. Warum kann man in Zürich in Finken einkaufen gehen? Was sind Angsttriebe bei Tannen? In welchem Jahrhundert wurden die Gebetshäuser beim Aletschgletscher aufgestellt? Wer hat eigentlich die EWR-Abstimmung gewonnen? Und warum glaubten Zürcher Studenten früher, dass man sich in Zukunft nur noch mit Gasmasken durch die Stadt bewegen könne (und vielleicht mit Finken)?

Ein paar Minuten länger und Christoph Blocher hätte wahrscheinlich auch noch erzählt, wer bei den indischen Wahlen in der Provinz Kerala das Rennen macht, wie das Wetter nächste Woche wird, und in welcher Kompanie es Mitte der 1980er-Jahre die beste Suppe mit Spatz gab. Plauderlaune.

Über Wochen hat Blocher nicht mehr direkt mit den Medien geredet, und doch ist er präsent wie selten. 

«Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu sagen. Aber Sie haben das Bedürfnis, etwas zu fragen.» Das sagte Christoph Blocher ganz am Anfang seiner Medienorientierung vom Dienstag im Zürcher Hauptbahnhof. In den letzten Tagen und Wochen habe er zahlreiche Anfragen für Interviews erhalten, schrieb Blocher in seiner Einladung. «Da es mir unmöglich ist, auf all diese Anfragen einzeln einzugehen, habe ich mich entschlossen, dies im Rahmen einer allgemeinen Medienkonferenz zu tun.»

Über Wochen hat Blocher nicht mehr direkt mit den Medien geredet, und doch ist er präsent wie selten. Wie er sich von einem Traktor über ein Feld ziehen lässt (und dabei fotografiert wird). Wie er bei der entscheidenden Delegiertenversammlung seiner Kantonalpartei notfallmässig aufgeboten wird, um einen möglichen Aufstand im Keim zu ersticken. Wie er auf Teleblocher («Das grösste Fernsehen der Welt in Mundart») die Lage beurteilt.

Ein grosser Schatten

Es ist Wahljahr, die SVP ist nicht gut in Form, gar nicht, und plötzlich taucht Christoph Blocher wieder überall auf. Ein grosser dunkler Schatten.

Entsprechend aufgeregt ist das Medienaufgebot im Zürcher Hauptbahnhof. An die 30 Journalistinnen und Journalisten, viele Kameras, Liveticker, Liveübertragung durch die Nachrichtenagentur Keystone-SDA, das ganze Programm. In ziemlich genau einem halben Jahr sind die eidgenössischen Wahlen, Blocher will sprechen, jetzt, und die Medienschweiz denkt, da kommt etwas Wichtiges. Muss. Der Chef will den Tarif durchgeben, ein Machtwort sprechen, die Leute aufwecken.

Stattdessen steht Christoph Blocher um 11 Uhr hinter ein Pult voller Mikrofone und sagt: «Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu sagen. Aber Sie haben das Bedürfnis, etwas zu fragen.»

«Nach dem Tod geht es weiter. Siehe, die Erde ist nicht verdammt.»Christoph Blocher

Das ist der Auftakt einer Stunde, in der Blocher völlig unstrukturiert Fragen der Journalistinnen und Journalisten beantwortet. Zu allem. Was diese Stunde nicht ist: der grosse Weckruf für seine Partei. Oder die grosse Erklärung. Stattdessen «Blocher pur», wie es die NZZ nennt, ein Auftritt, der viele Fragen streift und keine wirklich beantwortet.

Der Zustand seiner Partei sei gut, sagt Blocher, der Wahlslogan sogar sehr gut, und die Verluste bei den Zürcher Wahlen erklärbar. Der Wirtschaft laufe es nicht schlecht, das helfe den Linken, man sei von der «Klimakatastrophenwalze» überrollt worden, eine Religion sei das, die SVP habe keine Antwort darauf gehabt, und ausserdem habe die Führung der Kantonalpartei (den Namen des ehemaligen Präsidenten nimmt er nicht in den Mund) zu wenig gearbeitet.

In der Folge redet Blocher länger übers Klima (obwohl er dazu eigentlich nichts sagen wollte) und die «pseudowissenschaftliche» Diskussion über das Phänomen. «Das geht wieder vorüber», sagt Blocher, so wie die Diskussion über das Ozonloch wieder vorübergegangen sei. Er redet über die Gebetshäuser vor dem Aletschgletscher, in denen im 19. Jahrhundert die Menschen beteten, der Gletscher möge nicht mehr weiter wachsen. «Heute gibt es sie nicht mehr. Es gibt Zeiten, in denen wachsen Gletscher, und es gibt Zeiten, da gehen sie wieder zurück.»

Er redet von den Vorstössen der Grünen, total autofeindlich, praktikabel höchstens in Zürich, wo das Tram vor jeder Haustür halte und man in Hausschuhen zum Einkaufen gehe könne. Er redet vom Waldsterben, von einem Schmähpreis, den er an einem Sonntag in den 80er-Jahren erhalten hat (der Preis hatte die Form eines Skeletts), er redet vom Besuch eines Försters am gleichen Sonntag, der die Äste seiner Tanne im Garten als «Angsttriebe» bezeichnete. «Die Tanne steht heute noch!»

Allein gegen den Rest

Er redet über seine Rolle in der Partei (Elder Statesman), über die Kultur der alten Führungskräfte in Asien. Er redet natürlich über den EWR, wo er allein gegen den Rest gestanden sei, über die unverständliche Politikersprache, und die Studenten-Demonstration gegen den dreckigen Zürichsee. Die jungen Leute glaubten, die Stadt bald nur noch mit der Gasmaske betreten zu können («und ich war leider auch dabei!»).

Blocher redet über das Filzlaus-Plakat, das die Partei während des Waldsterbens druckte und das mindestens zweitbeste Plakat in der Geschichte der Partei gewesen sei – nach dem Messerstecher-Motiv. Blocher redet über Albert Rösti («Macht er gute Arbeit?» – «Ja») und über linken Filz. Er redet über das Kloster Rheinau, das fast gleich alt wie Notre-Dame sei, er redet über die AfD, zu der die SVP keine Verbindung wolle, er redet über Roger Köppel, und er redet über den Tod.

«Nach dem Tod geht es weiter. Es kommen neue Menschen. Siehe, die Erde ist nicht verdammt», sagt Blocher. Der letzte Satz ist ein Zitat seines Malers Albert Anker. Dann redet Blocher über einen Brief, in dem er als Eiche bezeichnet und gefragt wurde, was denn sei, wenn die Eiche gefällt werde. «Ich habe geantwortet, da würden ganz viele neue Eichen kommen. Und dass es vielleicht hilfreich sei, wenn die grösste Eiche verschwindet – weil sie zu viel Schatten gab.»

Erstellt: 16.04.2019, 21:20 Uhr

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