Als die Frauen 1991 nicht mehr wollten ...

Erinnerungen an sich als Frauenförderer brüstende Chefs, Autofahrerinnen in Not und wütende Gäste.

Die Transparente sind gemalt; morgen findet in der ganzen Schweiz der zweite Frauenstreik statt. Foto: Susanne Keller

Die Transparente sind gemalt; morgen findet in der ganzen Schweiz der zweite Frauenstreik statt. Foto: Susanne Keller

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Rita Bertozzi (65), damals Chefsekretärin in einer Zürcher Handelsfirma

«Etwa die Hälfte der Belegschaft waren Frauen. Vor dem Streik unterhielten wir uns darüber, was wir tun sollten. Als der Chef hörte, dass wir über den Frauenstreik redeten, gab er sofort allen Frauen frei. Ob dann auch alle der Arbeit fernblieben, weiss ich nicht mehr – ich aber schon. Wirklich freuen darüber konnte ich mich allerdings nicht. Denn eigentlich war der Chef ein Patriarch. Er wollte dem Ganzen bloss den Wind aus den Segeln nehmen und gut dastehen.»

Sabine Wiedemann (64), damals Wirtin im Restaurant Obergass in Winterthur

«Die Frauen im Team wollten mitmachen, mich aber nicht im Stich lassen. Ihr Plan war, jede Stunde zehn Minuten zu streiken. Die Gäste sollten merken, was es heisst, wenn Frauen nicht arbeiten. Die Beiz war pumpenvoll, im Service waren zwei Männer und drei Frauen. Das Chaos wurde immer grösser, die Gäste riefen ununterbrochen nach Bedienung, auf dem Buffet stauten sich die Gerichte. Schliesslich warf der Küchenchef entnervt die Schürze hin und ging.»

Rita Bachofen (65), damals Liegenschaftenverwalterin bei einem Verband

«Wir Frauen vom KV Zürich marschierten mit unseren Transparenten durch die Stadt. Friedlich, so wie eine Demo sein sollte. Bei der Sihlporte versuchte eine Autofahrerin sich durch die Menge zu drücken. Wir begannen am Auto zu rütteln. Wie konnte eine Frau sich mit dem Auto durch den Demozug zwängen . . . Und ich, ja, ich machte beim Rütteln mit! Es war wie ein Sog. Mein Verhalten fuhr mir später zünftig ein, es erschreckt mich heute noch.»

Thomas Wyss (52), damals Student und Teilzeitmitarbeiter bei Orell Füssli

«Als stipendienloser Studi musste ich mir WG-Miete und Kühlschrankfüllungen selbst verdienen, was ich im Kundendienst von Orell Füssli tat. Das ­Personal? Etwa 90 Prozent Buchhändlerinnen! Und es war eine spezielle Damenwelt: Lesben, Goldküstengattinnen, Landeier, Alice-Schwarzer-Fans, Vamps usw. Doch was die OF-Frauen einte, war ihr Engagement, ihre Haltung. Dass sie am 14. Juni in corpore auf die Strasse gingen, war klar. So erfuhr die Klientel durch eine Tafel am Eingang: ‹Unsere Frauen streiken, wir Männer sind aber gern für Sie da›. Was da nicht zu lesen war: Diese ‹Manpower› bestand aus gerade einmal neun (!) Schnäuzen. Die meisten Kunden reagierten mit Geduld und Respekt, gleichwohl gab es ein paar Dumpfbacken mit sexistischen Sprüchen. Unser ‹Fähnlein der neun Aufrechten› nahm das gelassen, denn wir wussten: Die Typen haben Glück, dass die Frauen nicht da sind – die würden ihnen dafür glatt die Ohren (oder was Schmerzenderes) langziehen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.06.2019, 19:36 Uhr

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