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«Dieser Tunnel genügt unseren Massstäben nicht»

Die Investitionen in das Schweizer Strassennetz werden steigen, warnt der Direktor des Bundesamts für Strassen. Sorgen bereiten ihm vor allem Kantonsstrassen.

Hier fehlt ein Fluchtstollen: Der Vue-des-Alpes-Tunnel im neuenburgischen Jura. Foto: Keystone
Hier fehlt ein Fluchtstollen: Der Vue-des-Alpes-Tunnel im neuenburgischen Jura. Foto: Keystone

Wie geht es den Schweizer Strassen?

Die sind in einem guten Gesamtzustand, was wir mit dem neusten Bericht auch darlegen können. Gegenüber dem Vorjahr hat sich dieser jedoch leicht verschlechtert.

Müssen wir jetzt wie in Genua Angst haben, dass Autobahnbrücken unter uns wegbrechen?

Nein, ein solches Ereignis können wir in der Schweiz mit gutem Gewissen ausschliessen. Im Gegenteil, bei den Brücken konnten wir dank verschiedenen Unterhaltsarbeiten gegenüber dem Vorjahr insgesamt eine leichte Verbesserung erzielen. Zudem sind unsere Brücken so konstruiert, dass nicht einem Dominoeffekt gleich eine ganze Brücke zusammenbricht.

Gibt es denn schon Erkenntnisse der italienischen Kollegen zur Ursache des tragischen Ereignisses?

Nein, dafür ist es zu früh. Für uns spricht, dass sich Vertreter der italienischen Nationalstrassenbehörden in den kommenden Tagen von uns erklären lassen, wie wir in der Schweiz den Unterhalt von Brücken organisieren und finanzieren.

Wie viel investiert die Schweiz in den Unterhalt der Infrastruktur?

Für die rund 17’000 Inventarobjekte, also von Tunneln über Brücken bis zu Viadukten werden jährlich rund 780 Millionen Franken aufgewendet, im Jahr 2030 dürften es bis zu 1550 Millionen Franken sein.

«Nicht alle Kantonsstrassen sind in einem Zustand, der unseren Massstäben genügt»: Astra-Direktor Jörg Röthlisberger. Foto: Keystone
«Nicht alle Kantonsstrassen sind in einem Zustand, der unseren Massstäben genügt»: Astra-Direktor Jörg Röthlisberger. Foto: Keystone

Das sind nur 1,2 Prozent vom investierten Wert der Bauten anstatt 1,5 Prozent, wie es die OECD eigentlich verlangt.

Unser Wert hat sich über Jahre bewährt, und wir sehen derzeit keinen Grund, diesen anzupassen. Zumal unsere Strasseninfrastrukturen europaweit zu den sichersten zählen. Dies könnte sich künftig jedoch ändern, wenn immer mehr Technik verbaut wird, insbesondere in den Tunneln mit vielen elektromechanischen Anlagen. Diese ist wartungsintensiver und damit auch teurer, was den heutigen Wert von 1,2 Prozent anheben dürfte.

Und jetzt kommen noch 400 Kilometer Kantonsstrassen dazu, welche in das 1850 Kilometer umfassende Nationalstrassennetz integriert werden. Wie sieht es um deren Zustand aus?

Das bereitet mir tatsächlich ein bisschen Sorgen. Nicht alle dieser Strassen sind in einem Zustand, der unseren Massstäben genügt. Nehmen wir zum Beispiel den Vue-des-Alpes-Tunnel im neuenburgischen Jura: Dort fehlt zum Beispiel ein Fluchtstollen, den wir nun planen, ausschreiben und schliesslich auch noch realisieren müssen. Da kommt viel Arbeit auf uns zu, weshalb wir ja auch den Personalbestand im Astra um 13 Prozent aufstocken möchten.

Bis wann entsprechen die neuen Strecken den geforderten Sicherheitsvorschriften?

So schnell als möglich. Aber wenn man die zeitaufwendigen Schritte bis hin zum effektiven Bau berücksichtigt, ist es wohl realistisch, dass in rund 10 Jahren die 400 Kilometer auch sicherheitstechnisch voll integriert sind. Ab 2020 stehen wir in der vollen Verantwortung und müssen dann vorwärtsmachen. Auch ein wenig im eigenen Interesse, schliesslich würde ein Versäumnis voll uns angelastet. Somit stehen wir immer ein bisschen mit einem Bein im Gefängnis, in den kommenden Jahren wohl noch etwas mehr.

«Bis ins Jahr 2030 soll die Zahl der Toten auf 100 reduziert werden.»

Dann ist das Schweizer Strasseninfrastrukturnetz vollständig sicher.

In falscher Sicherheit darf man sich nie wiegen. Es gibt ja auch Naturereignisse wie etwa Steinschlag oder Erdbeben, deren Auswirkungen man nie genau voraussagen kann.

Bei der Infrastruktur wird die Sicherheit grossgeschrieben, bei der persönlichen Verantwortung des Automobilisten scheint der Trend in die entgegengesetzte Richtung zu gehen: Der Raserartikel wird aufgeweicht, Alkoholwegsperren sind kein Thema mehr. Wie besorgniserregend erachten Sie diese Entwicklung?

Ich beurteile dies nicht als Rückschritt oder gar als unnötige Aufweichung von Via sicura, welche für die Verkehrssicherheit enorm viel gebracht hat. Beim Raserartikel ist man übers Ziel hinausgeschossen, weil man das Strafmass mit einem Automatismus verbunden hat. Alkoholwegsperren oder Blackboxes für besonders schwere Geschwindigkeitsdelikte haben sich in der Praxis oft als zu kompliziert erwiesen. Nicht umsonst haben viele Versicherungen diese Modelle bereits wieder vom Markt genommen.

Dann nimmt man einen Anstieg von Verkehrstoten und Schwerverletzten in Kauf?

Nein, auf keinen Fall. Aber nur auf die repressive Schiene zu setzen, bringt nichts. Es braucht intelligente und umsetzbare Anreize, um ans Ziel zu kommen.

Und wie lautet dieses?

Bis ins Jahr 2030 soll die Zahl der Toten auf 100 und diejenigen der Schwerverletzten auf 2500 reduziert werden. Das wäre eine Halbierung gegenüber dem heutigen Zustand und ein durchaus ehrgeiziges Ziel.

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