Linkes Urgestein plant Comeback – aber nicht für die SP

Der 77-jährige Tessiner Arzt und Alt-Nationalrat Franco Cavalli kandidiert nach einer Pause wieder für das Bundesparlament – unter neuer Flagge.

Franco Cavalli arbeitet mit 77 Jahren noch immer als Arzt und will jetzt zurück in den Nationalrat. Foto: Keystone

Franco Cavalli arbeitet mit 77 Jahren noch immer als Arzt und will jetzt zurück in den Nationalrat. Foto: Keystone

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Sein erstes Polit-Comeback endete bitter. 2011 bewarb sich der Tessiner Alt-Nationalrat, renommierte Arzt und überzeugte Marxist Franco Cavalli für einen Sitz im Ständerat. Im zweiten Wahlgang bekam er 35’499 Stimmen. Auf seinen FDP-Kontrahenten Fabio Abate entfielen 36’262 Stimmen. Dauerständerat Filippo Lombardi (CVP) schwebte mit 48’618 Stimmen wie gewohnt in anderen Sphären.

Zwischen Cavalli und der Tessiner SP gab es danach Knatsch. Die SP-Parteileitung schien gleich mehrere Fehler begangen zu haben. Sie hatte Cavalli einen Platz auf der Nationalratsliste verwehrt und dafür gesorgt, dass er erst wenige Wochen vor den Wahlen als Ständeratskandidat nominiert wurde. Dann rief SP-Regierungsrat Manuele Bertoli dazu auf, nebst Cavalli auch den FDP-Kandidaten zu wählen, um die Wahl des SVP-Kandidaten zu verhindern.

Der SVP-Kandidat blieb bei den Ständeratswahlen schliesslich über 6000 Stimmen hinter Cavalli zurück. Damit war klar, dass die SVP nie eine Gefahr war, dass aber die SP der FDP half, deren Ständeratssitz zu verteidigen. Cavalli ist sich heute noch immer sicher: «Ohne diese Irrtümer hätte ich die Wahl in den Ständerat geschafft.»

«Unsere Wahlchancen sind intakt»

In den Ständerat will er nun nicht mehr, aber im kommenden Herbst in den Nationalrat, wo er bereits von 1995 bis 2007 politisierte, von 1999 bis 2002 als SP-Fraktionspräsident. Doch nun tritt er nicht mehr für die SP an, sondern für das «Forum Alternativo», eine Bewegung der alternativen Linken, die er vor rund vier Jahren mit abtrünnigen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern gegründet hat. Cavalli sagt: «Wir sind eine moderne Bewegung, die sich nicht an Parteiinteressen klammert und insbesondere grüne Anliegen forciert.»

Von 1995 bis 2007 politisierte Franco Cavalli bereits in Bern, auch als SP-Fraktionspräsident. Foto: Beatrice Devenes

Und er ist sich sicher: «Für die Bewegung sind die nationalen Wahlen ein ideales Feld. Unsere Wahlchancen sind intakt. Wir rechnen damit, dass die Allianz aus SVP und Lega einen, vielleicht sogar zwei Nationalratssitze verlieren könnte.» Das Forum hat eine gemeinsame Liste mit den Grünen. Diese hat wiederum eine Listenverbindung mit der SP, um das linke Lager maximal zu stärken.

Im Gespräch klingt Cavalli frisch und kämpferisch wie in seinen besten Berner Tagen. 77 Jahre alt ist der siebenfache Vater inzwischen. Er arbeitet immer noch als Onkologe im Spital in Bellinzona, sagt aber, Ende Juni höre er auf, Patienten zu sehen, die klinische Krebsforschung leite er derweil weiter. Und weil er Ende Juni keine Patienten mehr empfange, habe er wieder Zeit für die Politik.

Ignazio Cassis entgegenwirken

Für seine Arbeit in Bern hat Cavalli klare Vorstellungen. Er habe in den letzten Jahren beobachtet, wie sich die Situation gerade bei den Krankenkassen immer weiter zuspitzte und sich gerade wegen der teuren Medikamente bei den Krebsbehandlungen eine Zweiklassenmedizin bildete, «obwohl es in der Schweiz stets einen Konsens gab, dass es keine Zweiklassenmedizin geben darf», sagt Cavalli. Auch beobachtet er anhand von Statistiken, dass die Lebenserwartung in Europa stagniert, «wegen Umweltproblemen und prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen». Auch da bestehe Handlungsbedarf.

Ignazio Cassis stellt die Entwicklungszusammenarbeit komplett in den Schatten der Wirtschaftsinteressen.Franco Cavalli

Und dann will er auch dem Tessiner Bundesrat Ignazio Cassis (FDP) entgegenwirken. «Cassis stellt die Entwicklungszusammenarbeit komplett in den Schatten der Schweizer Wirtschaftsinteressen und wendet sich völlig von Lateinamerika ab. Das ist ein Fehler», so Cavalli.

In die SP-Fraktion würde der 77-Jährige bei einer Rückkehr in den Nationalrat nicht zurückkehren. Vorgesehen ist, dass er nach einer Wahl in der Fraktion der Grünen politisiert. Doch auch dies könnte ändern, wenn insgesamt fünf Politikerinnen oder Politiker gewählt würden, die links der SP politisieren. Dann würde Franco Cavalli versuchen, eine eigene Fraktion zu gründen.

Erstellt: 05.06.2019, 16:22 Uhr

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