Es herrschen fröhliche Anarchie und etwas Dilettantismus

Was der Schweiz-Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» während des Wahlkampfs so aufgefallen ist.

Sitz von Regierung und Parlament: Das Bundeshaus in Bern. Foto: Keystone

Sitz von Regierung und Parlament: Das Bundeshaus in Bern. Foto: Keystone

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Wenn man als deutsche Journalistin neu in die Schweiz kommt, muss man Vokabeln pauken. Milizparlament, Ständerat, Zauberformel, Konkordanz, Vernehmlassung – nach ein paar Wochen hat man sie zwar drauf, aber was sie letztlich für ein politisches System bedeuten, begreift man erst viel später. Der vergangene Wahlkampf war so eine Zeit, in der mir, inzwischen ein gutes Dreivierteljahr Schweiz-Berichterstatterin, einige politische Lichter aufgegangen sind.

Da ist zum einen das Gefühl der Diffusität. Unzählige Wahlplakate pflastern die Schweizer Städte und Dörfer seit vielen Wochen, darauf zahllose Gesichter, manche bekannt, manche nicht. Eine einheitliche Linie, was Gestaltung, Botschaft und Menschen angeht, sucht man bei den meisten Parteien vergebens. Dabei ist das kein Wunder: Während sich der Bundestagswahlkampf in Deutschland auf die Spitzenkandidaten und zentral erdachten Kampagnenbotschaften konzentriert, gibt es so etwas wie Kanzlerkandidaten hierzulande eben nicht.

Sicher, die Parteipräsidenten spielen auch in der Schweiz eine herausgehobene Rolle – aber der Personalisierungsgrad im Schweizer Wahlkampf ist so gering, dass es den Kandidierenden nicht im Traum einfallen würde, sich mit ihren Parteioberen auf dem Plakat zu zeigen.

Die grossen Verluste belaufen sich auf ungefähr 2 Prozent

Auf der anderen Seite wirken viele der Kampagnen ziemlich unverbraucht. Statt professioneller Wahlkampf-Routiniers sind hier viele Polit-Laien mit kleinem Budget am Werk, die eigentlich andere Berufe haben, aber gern für ein paar Jahre die Politik mitgestalten wollen. Eine bundesweite Instanz, die noch mal einen letzten Blick auf die Ideen ihrer Kandidaten wirft, um gröbere Schnitzer zu verhindern, gibt es offenbar bei den meisten Parteien nicht, stattdessen herrscht fröhliche Anarchie. Schräge Fotos, Tippfehler, nackte Körper, zweideutige Slogans, halb lustige Gags: habe ich alles gesehen. Manchmal peinlich, oft aber auch erfrischend echt. Und: irgendwie ja auch ziemlich schweizerisch, dieser Mangel an Einheitlichkeit.

Ab und an habe ich mich aber doch gefragt, ob der Spieltrieb einiger Politiker und Parteien nicht etwas stark ausgeprägt sei. Wie sonst soll man sich Slogans wie «Badi statt Bali» oder «Kreta statt Greta» erklären? Oder die klamaukigen Wahlkampffilmchen von SP und SVP? Der wohl wichtigste Politiker der Schweiz in Bademantel und Latschen, gestandene Parlamentarier im Bällebad, ein SP-Abgeordneter nackt im Bett: Man wird beim Zuschauen das Gefühl nicht los, dass dieses Land keine grösseren Probleme haben kann.

Es gibt in der Schweiz übrigens nicht nur ein eigenes politisches Vokabular. Es gibt auch Worte, die deutschen Ohren vertraut erscheinen, bei näherem Hinsehen aber etwas ganz anderes transportieren. «Grüne Welle» ist so eines oder «Wahlverliererin». Für eine grüne Welle müssten die Grünen in Deutschland schon um einiges zulegen. Und von einer Wahlverliererin CDU spricht man dann, wenn sie von 34 auf 27Prozent rutscht, wie 2017.

In der Schweiz mit ihrem stabilen Parteiensystem gelten andere Grössenordnungen. Die viel zitierten Verluste der SVP belaufen sich laut Umfragen auf etwas mehr als 2 Prozent, die möglichen Gewinne der Grünen und Grünliberalen auf je rund drei Prozent – hierzulande gewichtige Verschiebungen, die in allen Details seziert und kommentiert werden. In Deutschland eher ein Zeichen dafür, dass die Dinge bleiben, wie sie sind.

Sie sind doch nicht so sehr gegen den Wandel

Dabei steht die (kleine) grüne Welle der Schweiz ja dafür, dass gerade tatsächlich vieles im Umbruch ist. Die Klimabewegung hat wie überall in Europa die politische Landschaft durcheinandergewirbelt. Und der wahrscheinliche Erfolg der beiden grünen Parteien könnte am Ende ein bisschen so wirken, wie es Wahlen in Deutschland fast immer tun: die Regierung verändern.

Als ich im April, nach den kantonalen Wahlen in Zürich, Luzern und Baselland, in einem Kommentar für die «Süddeutsche Zeitung» die These aufstellte, dass die Grünen nach den Wahlen einen Sitz im Bundesrat beanspruchen könnten, haben mich ein paar Schweizer Kollegen noch ausgelacht für so viel Umsturzdenken. Inzwischen ist sogar von einem Geheimplan für einen grün-grünen Bundesrat die Rede.

Vielleicht sind die Schweizer gar nicht so immun gegen Veränderungen, wie sie selbst glauben.

Erstellt: 18.10.2019, 22:13 Uhr

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