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Corona-Plan für DeutschlandSchulen gestaffelt öffnen, Kitas geschlossen halten

Auf diese Studie hat Angela Merkel gewartet: Die Leopoldina hat einen detaillierten Plan für die schrittweise Aufhebung des Shutdowns entworfen.

Will am Mittwoch zusammen mit den Bundesländern über Wege aus dem Shutdown sprechen: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Will am Mittwoch zusammen mit den Bundesländern über Wege aus dem Shutdown sprechen: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Foto: Getty Images

Fahrpläne für die Lockerung der umfassenden Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus gibt es mittlerweile viele. In Deutschland haben Ökonomen, Soziologen und Virologen bereits welche vorgelegt, meist in enger Zusammenarbeit. Dennoch ist das Gutachten der Nationalen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina im ostdeutschen Halle, nicht eines unter vielen. Sondern jenes, das die an diesem Mittwoch anstehenden Entscheide der deutschen Politik in weiten Teilen vorwegnehmen könnte.

«Sehr wichtig» sei die Studie der Leopoldina, hatte Kanzlerin Angela Merkel bereits vor Ostern angekündigt. Man müsse «auf festem Grund» stehen. 26 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen relevanten Disziplinen haben über Ostern nun ein 19-seitiges Gutachten erarbeitet, das «Kriterien und Strategien zur allmählichen Rückkehr in die Normalität» darlegt. Der Schutz von Menschenleben habe immer noch absoluten Vorrang, schreiben die Forscher in dem Gutachten, über das der «Spiegel» zuerst berichtete. Eine zweite Infektionswelle müsse unbedingt vermieden werden. Es gehe jetzt aber auch darum, den Bürgern eine «optimistische Perspektive» aufzuzeigen.

Die Jüngeren zuerst

Besonders differenziert ist der Fahrplan der Leopoldina für die Schulen, die «sobald wie irgend möglich» wieder geöffnet werden sollen. Das Lernen daheim drohe nämlich die bestehende soziale Ungleichheit in der Bildung weiter zu verschärfen. Besonders ausgeprägt sei das bei den Primarschülern der Fall, wo das gemeinschaftliche Lernen grosse Bedeutung habe. Deswegen sollten sie als Erste wieder zur Schule gehen – allerdings zunächst vor allem die oberen Klassen, die vor dem Wechsel an die weiterführenden Schulen stünden.

Die Kinder müssten dabei alle Mund-Nasen-Schütze tragen und sollten zunächst in den Grundfächern Deutsch und Mathematik in Gruppen von «maximal 15 Schülerinnen und Schülern» unterrichtet werden. Die Gruppen müssten auch in den Pausen unter sich bleiben. In der Sekundarschule und in den Gymnasien sollten zu Deutsch und Mathematik die Fremdsprachen dazukommen. Auch hier sollten zuerst jene Klassen wieder zur Schule gehen, die vor dem Wechsel in Berufslehren oder an Mittelschulen stünden. Die älteren Gymnasiasten hingegen sollten vorwiegend zu Hause lernen. Auch an den Universitäten und Hochschulen solle das Sommersemester «weitgehend online» und im «Homelearning» zu Ende geführt werden.

Grosse Kultur- und Sportveranstaltungen könnten womöglich erst wieder stattfinden, wenn es eine Impfung gebe.

Generell raten die Forscher dazu, auf allen Stufen Prüfungen zu ermöglichen, schriftlich und mündlich, insbesondere wenn es um Abschlüsse gehe. Kitas hingegen sollten bis zu den Sommerferien bloss einen Notbetrieb aufrechterhalten, da die Kleinsten weder mit Schutzmasken noch mit den Abstandsregeln umgehen könnten und die Gefahr zu gross sei, dass sie das Virus auf Eltern oder Grosseltern übertrügen.

Empfehlungen gibt die Leopoldina auch zur Öffnung von Ämtern, Läden und Restaurants. Vorausgesetzt, die Menschen hielten sich weiterhin an die Hygieneregeln und trügen überall dort Masken, wo der Mindestabstand nicht einzuhalten sei, stehe einer Lockerung nichts im Wege. Wer weiter zu Hause arbeiten könne, solle das tun. In den Büros und Fabriken hingegen müsse dort, wo nicht genug Platz sei, im Schichtbetrieb gearbeitet werden – wenn möglich immer in derselben personellen Zusammensetzung.

Masken und Tracing-Apps

Unter denselben Voraussetzungen dürfe auch wieder gereist werden, geschäftlich wie privat. In Bussen, Bahnen und Flugzeugen müssten die Menschen aber grösstmögliche Distanz wahren und in jedem Fall Mund-Nasen-Schutz tragen. Dort, wo es möglich sei, sollten die Bahn- oder Fluggesellschaften ihre Reservierungssysteme so umgestalten, dass bestimmte Sitzreihen zwischen den Passagieren frei blieben. Düstere Aussichten deuten die Forscher hingegen für die grossen Kultur- und Sportveranstalter an: Tausende von Menschen in engem Kontakt könne man womöglich erst wieder tolerieren, wenn es eine Impfung gegen das Coronavirus gebe.

Neben Schutzmasken spielen im Lockerungsdispositiv der Leopoldina sogenannte Tracing-Apps auf Handys eine entscheidende Rolle. Diese Apps, die punktgenau und anonym alarmieren können, dass man in Kontakt mit Infizierten geraten ist, seien nötig, um die Verbreitung möglichst in Echtzeit zu überwachen. Dafür brauche es auch dringend mehr wissenschaftliche Studien.