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Pfeilschneller Schiedsrichter«Urs Schnyder gehört in die Verteidigung»

Der 34-jährige Schweizer machte mit seinem Spurt in der Partie Thun-Xamax von sich reden. Er erklärt, wie er seine Schnelligkeit trainiert und wieso aus ihm kein Fussballer geworden ist.

Hier zieht der Entlebucher an der Neuenburger Verteidigung vorbei.
Video: SRF

Urs Schnyder denkt darüber nach, ob es gut ist, den Beruf mit seinem Hobby zu vermischen. «Die Musik raubt viel Zeit», sagt er schmunzelnd. Der 34-Jährige sitzt in einem Café in Bern, sein Blick ruht auf Aare und Altstadt. Wenn Schnyder über Fussball spricht, wählt er jedes Wort mit Bedacht. Vorsichtig tastend. Als wären die Worte Saiten seiner E-Gitarre. Man gibt ihm dann eher den Schiedsrichter als den Musiker, der er auch ist.

Seit zwei Wochen ist es um den Entlebucher ziemlich laut geworden. Er habe viele Whatsapp-Nachrichten erhalten, nachdem er mit seinem legendären Sprint über die Platzhälfte in der Partie zwischen Thun und Xamax einen viralen Hit gelandet hatte. «Das schmeichelt mir. Es war unglaublich, weltweit haben Medien darüber berichtet. Meine Freunde witzelten, ich sollte künftig in der Verteidigung auflaufen.»

Er sagt es mit einer gewissen Portion Selbstironie. Doch ist es so abwegig, sich Schnyder als Profifussballer vorzustellen?

Immerhin misst der Luzerner 1,84 Meter, wiegt 76 Kilogramm. Er wirkt drahtig, und was nun auch bekannt ist: Schnyder kann ein hohes Lauftempo an den Tag legen. Qualitäten, die einen für den Profifussball geradezu prädestinieren. Wie ein Profi trainiert Schnyder schon mal. Bis zu 12 Trainingsstunden sammeln sich in einer Woche an. High-Intensity-Lauftrainings mit 90 Prozent seiner maximalen Herzfrequenz (HRmax) wechseln sich mit Krafteinheiten ab. Hinzu kommen Übungen wie Kniebeugen für die Schnellkraft.

Schnyder hat selbst Fussball gespielt

«Nein, eine Profikarriere habe ich nie angestrebt», räumt Schnyder schliesslich ein. In seiner Kindheit, die er als glücklich und gehegt beschreibt, hatte er zwar im Mittelfeld bei seinem Heimatverein FC Escholzmatt-Marbach gekickt, doch ohne grosse Ambitionen. «Trozdem hilft mir die Erfahrung heute, das Spiel als Schiedsrichter besser zu lesen.» Als dann mit 20 das Kreuzband riss, gab er das Spielen gänzlich auf. «Ich wollte trotzdem beim Fussball bleiben», sagt er. 2002 bewarb sich Schnyder bei seinem Stammverein als Schiedsrichter und absolvierte einen einwöchigen Kurs in der Lenzerheide.

«Eine Partie in der Champions League zu pfeifen, ist ein grosser Traum für mich.»

Urs Schnyder

Mit dem Diplom in der Tasche pfiff sich Schnyder zuerst durch die Amateurligen der Schweiz und schaffte dann den Sprung in die Challenge und die Super League. Seit 2018 gehört er zu den sieben Schweizer Schiedsrichtern, die auch auf internationalem Parkett pfeifen. Schnyder steckt seine Ziele hoch. «Eine Champions-League-Partie zu pfeifen, wäre ein grosser Traum», sagt er.

Aber er ist kein verbissener Mensch. Seine Formel zum Erfolg ist gerade seine gelassene Art und der kollegiale Umgang mit den Spielern. «Ein Schiedsrichter muss einen Menschen mögen», lautet sein Credo. «Natürlich schliesst das nicht eine strenge Linie aus, aber Fussball ist ein von Emotionen durchtriebenes Spiel. Wenn die Stimmung aufgeladen ist, braucht es viel Empathie.»

Pfeifen im Corona-Zeitalter

Empathie. Die ist in Fussballstadien manchmal ein rares Gut. Schnyder spricht seine jüngst geleitete Partie zwischen St. Gallen und Basel in der Super League an. 0:2 stand es kurz vor Ende der ersten Halbzeit, als Schnyder den Espen nach einer umstrittenen Szene im Strafraum den Penalty verwehrte. «Dann wirst du bis aufs Blut beleidigt», so Schnyder. Gerade in Corona-Zeiten vor wenigen Zuschauern «hört man jede einzelne Stimme». Dass er Kritik erntet, sei Teil seines Berufs, «aber es soll doch ein Grundanstand da sein».

Anfeindungen steckt Schnyder mittlerweile gut weg. Wird ihm einmal die Last zu schwer, findet er sein Ventil in der Musik. Als Leadsänger und E-Gitarrist der Band Preamp Disaster komponiert er eigene Songs, die auf Spotify und Youtube gespielt werden. Er mag es groovig, lärmig – ja, ein wenig «fetzig», wie er selber sagt. Geld macht er mit der Musik nicht. Er spielt, «um aus der Ordnung ein wenig auszubrechen». Schnyder brauche den Ausgleich zu den festen Strukturen im Alltag als Gymnasiallehrer und Schiedsrichter.

Die Ordnung, die der Video Assistent Referee (VAR) schafft, möchte Schnyder allerdings nicht missen: «Dafür bin ich dankbar. Natürlich passieren auch mit dem System Fehler, aber der Fussball ist durch den VAR fairer geworden. Und auch für die Unparteiischen ist es eine wichtige Stütze.»

Und was sagt Schnyder zum gedrängten Super-League-Programm?

«Es ist schon eine mentale Herausforderung, aber ich bin froh, endlich wieder pfeifen zu können.» Er habe zudem das Glück, Teilzeit am Gymnasium Sport unterrichten zu können, und sei darum finanziell weitestgehend abgesichert. Schnyder kenne aber durchaus Schiedsrichter, die als Halbprofis in der Challenge League ganz auf die Karte Schiedsrichter setzen.

«Kann ich noch bezahlen?», fragt er die Kellnerin an der Bar und schlägt seine Ledertasche über die Schulter. Am Ende bleibt Urs Schnyder nochmals ganz der Musiker bei der Frage, wohin es ihn an diesem sonnigen Nachmittag verschlage.

«Bei diesen heissen Temperaturen? Ans Open Air, natürlich», entgegnet er mit breitem Grinsen.