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Kolumne «Tribüne»Schlimmer geht immer

Michael Wiederstein, Publizist und Executive Editor bei getAbstract, hat einen verspäteten Neujahrsvorsatz gefasst.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Weihnachten war fast wie immer: Das Festessen und der Wein knapp unter den Erwartungen, die Kleinen unzufrieden mit den Geschenken, «Frohes Fest» und die obligaten Diskussionen mit entfernten Familienmitgliedern halt am Telefon. Reizthemen diesmal: Corona. Impfen. Und Donald Trump. Oft alle zusammen, im Family-Pack.

Ich weiss nicht genau, wie viele «investigative» Youtube-Videos ich auf Geheiss dieser Leute 2020 angeschaut und dabei um des lieben Friedens willen nur den Kopf geschüttelt habe. Aber: Es waren zu viele. Von greisen «Landschaftsökologen», die «Waldbaden» gegen Corona-Depression empfehlen, über minderjährige «Medien» aus der Ostschweiz, die die Pandemie für eine ausgeleerte Schale des Zorns der biblischen Offenbarung halten, bis zu Freaks im besten Alter, nur in Kriegsbemalung, verkleidet als Rindvieh bei einer Trump-Rallye, die behaupten, Hillary Clinton trinke das Blut von Kindern und Nancy Pelosi sei der «Satan» – ich hab sie alle gesehen. Und immer nur halbherzig Kontra gegeben. Neujahr dachte ich: Schlimmer wirds nicht.

Und dann, am sechsten Tag des neuen Jahres, stürmt das Rindvieh in Washington das Capitol. Wow. Da war ich sprachlos. Schon wieder. Noch in derselben Nacht beschloss ich, den Leuten künftig zu sagen, was ich immer nur dachte, als ich auf ihre «Die Wahrheit über…» und «ERSCHRECKEND!11»-Videolinks geklickt habe: Nein. Falsch. Ihr spinnt! Impfungen haben nichts mit Auschwitz oder Chips von Bill Gates zu tun, 5G nichts mit Covid, Donald Trump ist höchstwahrscheinlich auch nicht Jesus – und die einzigen Schalen des Zorns, die hier ab jetzt ausgegossen werden, sind meine!

Denn: Das ist alles weder «umstritten» noch schwer herauszufinden – ihr habt nur kein Interesse daran. Schluss also mit Diskussionen um offensichtlichen Nonsens, Schluss mit der dauergeballten «Faust im Sack». Beides führt am Ende zum ungehinderten Einmarsch brüllender, fahnenschwenkender Rindviecher im Capitol, Oberkörper frei fürs Selfie. Ab jetzt heisst es: Tut mir leid, ist nicht böse gemeint, ich habe euch ja lieb, Familie, Freunde und so. Aber: Ihr spinnt! Und zwar nicht zu knapp.

Michael Wiederstein, Publizist und Executive Editor bei getAbstract.
Michael Wiederstein, Publizist und Executive Editor bei getAbstract.
Foto: PD