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ÜberlebenskampfSchafft Aston Martin die Kurve?

Die englische Sportwagen-Traditionsmarke rast einmal mehr auf den Abgrund zu. Der Sport-SUV DBX und der kanadische Milliardär Lawrence Stroll sollen das Steuer herumreissen

Hoffnungsträger: Der grosse Sport-SUV DBX soll Aston Martin so rasch als möglich wieder auf Kurs bringen.
Hoffnungsträger: Der grosse Sport-SUV DBX soll Aston Martin so rasch als möglich wieder auf Kurs bringen.
Aston Martin
Das Heck des DBX polarisiert, angetrieben wird der Luxus-SUV von einem AMG-Aggregat mit 550 PS.
Das Heck des DBX polarisiert, angetrieben wird der Luxus-SUV von einem AMG-Aggregat mit 550 PS.
Aston Martin
Geschmacksache: Das opulente Cockpit des DBX wirkt bereits angestaubt.
Geschmacksache: Das opulente Cockpit des DBX wirkt bereits angestaubt.
Aston Martin
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Dem 61-jährigen Kanadier im schlecht sitzenden grauen Nadelstreifenanzug sieht man es nicht an, dass er mit Modemarken wie Tommy Hilfiger jene halbe Milliarde Pfund verdient hat, die er als 20-Prozent-Beteiligung in die englische Sportwagenmarke Aston Martin und ab 2021 in seinen eigenen Formel 1-Rennstall investieren will. Das erklärte Ziel von Lawrence Stroll ist es, Ferrari auf der Piste und auf dem Boulevard mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. «Ich werde Aston zur weltweit führenden Luxusmarke machen», versprach der neue Vorstandschef bei seiner Antrittsrede, doch dieser Plan steht bislang unter keinem guten Stern. So ist der Aktienkurs binnen Jahresfrist um 80 Prozent eingebrochen, die Kapitaldecke wird fast täglich dünner, Covid-19 lähmt die Nachfrage, und die Auslieferung des eminent wichtigen neuen DBX – eines grossen SUV im Stil von Lamborghini Urus und Bentley Bentayga – verzögert sich weiter. Der für das operative Geschäft zuständige Andy Palmer klingt wie ein Virologe, wenn er sagt: «Wir müssen Zeit gewinnen und die Ressourcen strecken. Nach dem DBX haben die neuen Mittelmotorsportwagen erste Priorität.»

Wie kann es sein, dass diese Marke trotz emotionaler Produkte, Top-Design, beeindruckender Handwerklichkeit und Top-Image von einer Krise in die nächste schlittert? «Nach unseren Recherchen ist jeder Aston unter dem Strich signifikant teurer als das Gegenstück von Ferrari», weiss ein Analyst. «Das Geld, das die Firma in der Entwicklung, der Beschaffung und der Fertigung verpulvert, hätte sie besser in neue Technologien und effizientere Abläufe investiert.» Denn obwohl DB11 und Vantage dieselbe Plattform nutzen, liegt der Gleichteileanteil bei nur 30 Prozent. Noch geringer sind die Synergieffekte bei den neuen Mittelmotorsportwagen Vanquish (V6-Volumenmodell, 2022), Valhalla (1000 PS starkes Hybrid-Supercar, 500 Stück, eine Million Pfund, 2021) und Valkyrie (Hybrid-Hypercar mit 1176 PS starkem V12-Saugmotor, 150 Einheiten, zwei bis drei Millionen Pfund, 2020).

Palmer, Reichmann und Stroll

2019 wurden 5809 Sportwagen made in Gaydon neu zugelassen, 180 davon in der Schweiz. Doch während jeder Ferrari nach Kunden- oder Händlerspezifikation gebaut wird, produziert Aston auch Lagerwagen ohne feste Abnehmer. Das mag in Boomzeiten Sinn machen, führt in der Krise jedoch zu Lagerbeständen, die spätestens zum Modelljahreswechsel verramscht werden. Kein Wunder, dass man auch in der Schweiz DB11 mit ein paar Kilometern um bis zu 70’000 Franken unter Neupreis anbietet. Jetzt rächt es sich, dass Aston Martin zu lange allein auf die Sportwagenkarte gesetzt hat. Mit drei Modellen (Vantage, DB 11 und DBS) und zwei Karosserieformen (Coupé, Roadster), aber ohne kostensenkendes Gleichteilekonzept kommt das Unternehmen nicht auf rentable Stückzahlen.

Die bisherigen Hauptaktionäre – Investindustrial aus Italien und Dar aus Kuwait – hatten anfangs Kasse gemacht, dann aber den von Ford auf Vordermann gebrachten Laden weitgehend sich selbst überlassen. Die starken Männer in der architektonisch beeindruckenden Zentrale heissen Andy Palmer, Marek Reichmann und ab sofort Lawrence Stroll. Reichmann ist Chefdesigner und kreativer Kopf der Marke. Was er zu Papier bringt, wird auch realisiert. «Unsere Showcars werden zu 90 Prozent in die Serie umgesetzt», freut er sich. Doch das ist in gewisser Weise fatal, denn der Gestalter der wunderbaren Formen nimmt kaum Rücksicht auf das vorhandene technische Rüstzeug. Deshalb müssen für jedes neue Modell viele Teile von Zulieferern mit hohem Aufwand speziell angefertigt werden, was die ohnehin geringe Fertigungstiefe weiter reduziert.

Starkes Duo: CEO Andy Palmer und Designchef Marek Reichmann.
Starkes Duo: CEO Andy Palmer und Designchef Marek Reichmann.
Aston Martin

Eine Rechnung, die selbst bei den megateuren Kleinserienmodellen nur bedingt aufgeht. Denn für die Rendite ist primär das Volumengeschäft zuständig, das künftig entscheidend vom Erfolg des DBX abhängt. Für den über 200’000 Franken teuren SUV, der zeitnah auch als Coupé und Siebensitzer auf den Markt kommen dürfte, wurde im fernen Wales eine eigene Fertigungsstätte errichtet. Neues Modell, neues Werk, neue Belegschaft – ist das nicht zu viel Risiko auf einmal? Andy Palmer schüttelt den Kopf. «Das ist die 21. Fabrik in meiner langen Karriere als Automanager. Was soll da schiefgehen?» Keine Frage – auch der DBX ist formal gelungen, kann es von der Papierform mit der Konkurrenz aufnehmen. Doch das betagte Mercedes-Infotainment nimmt dem ohnehin freudlosen Cockpit den letzten Glanz, Innovations-Impulse sind Mangelware, von Hybridantrieb keine Spur. Ob es dem neuen Technikvorstand gelingt, hier nachzubessern und sich gegen Palmer und Reichmann durchzusetzen? Zweifel scheinen angebracht, denn Nick Lyons war in früheren Funktionen als Produktplaner, Werkleiter und Vertriebschef unterwegs.

Doch im Augenblick herrscht von Staats wegen Stillstand an der Banbury Road. Das schmerzt nur bedingt, denn Aston fehlt das Geld, um die Entwicklung des Mittelmotor-Vanquish voranzutreiben. Ausserdem fehlt die Erkenntnis, dass die Attacke gegen Ferrari nur mit einer voll variablen Matrix zu stemmen ist, die konstruktiv für alle denkbaren Applikationen vorbereitet sein muss – vom Verbrenner bis zum E-Fahrzeug. Schliesslich geht es um die Zukunft der Marke: neue Motor-Einbaulage, neuer 3-Liter-V6, neues Getriebe mit elektrifiziertem Rückwärtsgang, neues Allradsystem mit elektrisch angetriebenen Vorderrädern, neu gestaltete Leichtbaukarosserie, neues digitales Bedienkonzept. Wenn dieses Modell nicht fliegt, stürzt Aston Martin ab.

Jetzt liegt es an Lawrence Stroll, das Steuer herumzureissen. Mit oder ohne Andy Palmer? «Wenn ich freiwillig hätte gehen wollen, wäre das längst passiert», antwortet Palmer. «Ich glaube fest an den Schulterschluss mit Stroll. Der Mann kennt sich aus mit Luxus, er will eine aktive Rolle übernehmen, er ist gut für Aston.» Das hoffen die Fans der Marke weltweit. Einmal mehr. Damit die 107-jährige Geschichte nicht jäh zu Ende geht.