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Miniaturen des AlltagsSchämen für die Gaffer

ZSZ-Reporter Christian Dietz-Saluz ist nicht immer sensationsgierig.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Illustration: Olivier Samter

Über manche Ereignisse berichtet die «Zürichsee-Zeitung» aus Prinzip nicht. Nämlich, wenn der Schutz der Privatsphäre eingehalten wird. Dann geht es die Öffentlichkeit nichts an. Das war vor einem Monat in Stäfa der Fall. Ein Rettungshelikopter landete auf einem Schulplatz. Als Reporter eilte ich sofort hin.
Der wahre Einsatzort lag aber 250 Meter entfernt in einem Wohnquartier, wo eine Ambulanz stand. Der Helikopter benötigte nur eine grosse freie Fläche, der Einsatz hatte also nichts mit der Schule zu tun. Meine Vermutung, wonach es sich um einen sogenannten medizinischen Vorfall im privaten Umfeld handelt, wurde von der Medienstelle der Kantonspolizei sogleich bestätigt. Also kein Bericht, ich klappte den Notizblock zu.

Da fielen mir die vielen Kinder am Rande des Pausenplatzes auf. Sie plauderten laut und johlten, die älteren zückten ihre Handys. Erwachsene taten es ihnen gleich. Eine Mutter mit Kleinkind am Arm hielt mit dem anderen ihr Handy hoch über den Zaun – ein grotesker Akrobatikakt.

Die Ambulanz fuhr vor, die ältere Patientin wurde auf der Bahre zum Heli getragen. Jetzt kam fast Volksfeststimmung auf. Für die Frau auf der Bahre muss es die Hölle gewesen sein. Nicht nur erlebte sie gerade einen Moment der körperlichen Schwäche, des Schmerzes und der Angst, sondern jetzt riss man ihr auch noch die Intimität vom Leib. Sie muss sich entsetzlich entblösst gefühlt haben und tat mir schrecklich leid.

Selbst der Polizist scheiterte, der die Meute sich zu besinnen versuchte und laut rief: «Wenn das Ihre Mutter wäre, würden Sie das fotografieren?» Ich schämte mich für die Sensationsgier– und war stolz, dass meine Zeitung solche nicht bedienen will. Wer das als damaliger Schaulustiger von der ZSZ erwartete, soll sich bei mir melden.