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Corona reisst Loch in die KasseSBB machen halbe Milliarde Verlust – Bund eilt zu Hilfe

Der grösste Bahnbetreiber wird hart von der Corona-Krise getroffen. Nun wollen die SBB sparen – die wichtigste Hilfe kommt jedoch vom Bund.

SBB-Chef Vincent Ducrot hat harte erste Monate hinter sich. Seine Amtszeit als Chef bei den SBB begann – ausgelöst durch Corona – mit einer noch nie da gewesenen Krise im öffentlichen Verkehr.
SBB-Chef Vincent Ducrot hat harte erste Monate hinter sich. Seine Amtszeit als Chef bei den SBB begann – ausgelöst durch Corona – mit einer noch nie da gewesenen Krise im öffentlichen Verkehr.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Firmen haben normalerweise ein starkes Interesse daran, möglichst gute Zahlen zu präsentieren. Doch die heutige Situation ist nicht normal. Schon gar nicht für die SBB. Diese machten im ersten Halbjahr einen Verlust von 479 Millionen Franken. Doch deswegen werden die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen. Denn der Grund für den Verlust ist schnell gefunden: Corona. Während also SBB-Chef Vincent Ducrot rote Zahlen zeigte, befasste sich der Nationalrat mit Unterstützungsmassnahmen für den öffentlichen Verkehr. Und zeigte sich grosszügig.

National- und Ständerat haben in dieser Woche einem Massnahmenpaket zur Unterstützung des gesamten öffentlichen Verkehrs zugestimmt. Das Parlament sieht somit Beiträge für die verschiedenen ÖV-Betreiber in der Höhe von geschätzt rund 900 Millionen vor. Damit sollen die Einnahmeausfälle abgefedert werden.

Die SBB sind mit den coronabedingten Ausfällen nicht alleine. Aufgrund der Krise ist die Nachfrage im öffentlichen Verkehr in diesem Jahr um bis zu 80 Prozent gesunken. Auch der Güterverkehr verzeichnete Rückgänge. Gleichzeitig mussten die Verkehrsbetriebe das Angebot weitgehend aufrechterhalten.

Der Ständerat hatte am Montag die Vorschläge des Bundesrats erweitert, mit denen die Branche gestützt werden sollte. Der Nationalrat folgte ihm nun. Vorgesehen waren vom Bundesrat Massnahmen zugunsten des regionalen Personenverkehrs sowie für die Bahninfrastruktur und den Schienen-Güterverkehr. Neu soll nun auch dem Orts- und Tourismusverkehr geholfen werden. Dieser wird im Normalfall nicht vom Bund über Abgeltungen bezahlt. Sie sind eigentlich die Sache von Gemeinden und Kantonen.

Wie viel von den 900 Millionen Franken Hilfsgelder am Ende bei den SBB landen werden, ist noch offen. Beobachter schätzen, dass es mehrere Hundert Millionen sein werden.

Eine Zustimmung im Nationalrat zu den Hilfen zeichnete sich bereits vor der Debatte ab. Sämtliche Einwände von links und rechts aus der zuständigen Kommission wurden abgelehnt. Es herrschte Einigkeit über die Notwendigkeit der Hilfe.

Dennoch versuchte Benjamin Giezendanner (SVP, AG) die Ratsmitglieder von einer ganzen Reihe von Anpassungen zu überzeugen. Zusammen mit der SVP sprach er sich gegen die Unterstützung von einzelnen Bereichen aus. «Gewinne werden privatisiert und Verluste sozialisiert», kritisierte er. Auch der Vorschlag von Edith Graf-Litscher (SP, TG) wurde abgelehnt. Sie forderte eine Ausweitung der Vorlage auf den Fernverkehr. Damit bleiben die SBB auf den Verlusten aus dem Fernverkehr sitzen. Diese betragen im ersten Halbjahr 261 Millionen Franken.

Sparen ist angesagt

Trotz der Unterstützung müssen die SBB sparen. Denn die Verschuldung der SBB ist im ersten Halbjahr deutlich angestiegen. Der Schuldendeckungsgrad liegt derzeit bei etwas über 13. Sprich, die SBB brauchen 13 Jahresüberschüsse, um den Schuldenberg abzutragen. Im vergangenen Jahr lag diese Kennzahl noch bei 5,8. Bis 2025 soll sie wieder auf 6,5 schrumpfen, so Christoph Hammer, Finanzchef der SBB. Der Bund gibt einen Schuldendeckungsgrad von 6,5 als Obergrenze vor.

Bis Ende Jahr wollen die SBB darum 250 Millionen Franken sparen. Vor allem für IT, Innovation und Werbung will das Staatsunternehmen weniger Geld ausgegeben. Ein gross angelegtes Sparprogramm hingegen sei nicht vorgesehen, verspricht Hammer. Das letzte namens Railfit gab immer wieder Anlass zu heftiger Kritik. Kein Wunder, kündigten die SBB 2016 an, rund 1400 Stellen bis 2020 zu streichen. Auch wenn das neue Sparziel ohne Personalabbau erreicht werden soll: Alle Divisionen müssten nun ganz genau hinschauen bei ihren Ausgaben. «Wir drehen jeden Franken um», sagte SBB-Chef Vincent Ducrot.

Es soll besser werden

Was die Sparbemühungen für die Mitarbeitenden bedeuten können, zeigt sich bei SBB Cargo. Beim Güterverkehrsunternehmen resultierte im ersten Halbjahr ein Verlust von 27,7 Millionen Franken. Die Unternehmensleitung will nun mit Sparmassnahmen darauf reagieren, wie diese Zeitung publik machte. So sollen etwa zwei Tage weniger Ferien gewährt werden. Wie viel die Chefetage von SBB Cargo an Sparmassnahmen tatsächlich durchbringt, ist offen – diese müssen noch durch die Arbeitnehmervertreter abgesegnet werden.

Die SBB gehen davon aus, dass sie im zweiten Halbjahr deutlich weniger Verlust machen werden als noch im ersten Semester. Genauere Prognosen wagten die Verantwortlichen aber nicht. Fest steht: Die Passagiere kommen langsam wieder zurück, und damit steigen die Erträge. Doch die SBB werden Jahre brauchen, um den während Corona eingefahrenen Verlust wieder wettzumachen.

22 Kommentare
    Christian Frei

    Die SBB ist administrativ zu "Fett". Dieses Problem macht den Laden noch träger.

    Eine richtige Privatisierung ist aber ebenfalls kein Lösung, da "Servie Public".

    Die Politik müsste da besser hinschauen, richtige Ziele setzen, variable Lohnanteile "tough" nach Zielerreichung ausschütten etc.

    Aber dann müsste sich zu erst die Politik an der Nase nehmen effizienter werden etc.

    Diese oben genannten Probleme werden auch nach Corona vorhanden sein, nur die "Ausreden" werden dann kreativer werden...