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Ein Kind erzählt vom LockdownSara, neun Jahre alt, eingesperrt

Während der ersten Corona-Welle durften in Spanien Millionen von Minderjährigen wochenlang nicht aus ihrer Wohnung raus. Wie hält man das aus?

Saras Kanarienvogel konnte wenigstens ab und an den Käfig verlassen.
Saras Kanarienvogel konnte wenigstens ab und an den Käfig verlassen.
Illustration: Jindrich Novotny

Das Fenster, unter dem Saras Schreibtisch steht, zeigt in den Innenhof, als gäbe es dort was zu sehen. Vom Licht, das weit oben aus dem blauen Himmel fällt, kommt nur wenig hier im zweiten Stock an. Aber was bleibt einem, wenn die paar Meter bis zur Hausmauer gegenüber das einzige Draussen sind, das man hat? Sara Gil schaute hinaus, morgens, mittags, abends, immer, wenn es ihr zu eng wurde. Ihr Zimmer aber blieb eng.

Wie alle spanischen Kinder war Sara im Frühling wochenlang in der Wohnung eingesperrt. Die Primarschülerin sass an ihrem kleinen Schreibtisch aus weissem Spanholz mit der grünen Schreibtischlampe, die immer ein bisschen wackelt, wenn sie sich bewegt, und suchte Buchstaben auf dem Laptop ihrer Mutter. Im Lockdown hat sie begonnen, Geschichten zu schreiben. Die meisten spielen in der Schule, an dem Ort, an den sich Sara in diesem Frühling am sehnlichsten zurückwünschte.

Ihre Mutter sagt, die Geschichten waren Saras Strategie zur Traumabewältigung. Die Mädchen, über die Sara während des ersten Lockdowns schrieb, taten das, was sie selbst nicht tun konnte: sich mit Freundinnen streiten und wieder vertragen. Von der Lehrerin gelobt werden. Die Jungs auf dem Pausenhof beobachten.

Sara ist neun, aber sie versteht, warum sie eingesperrt war: «Damit ich mich nicht anstecke.» Sara lebt mit ihrer Mutter Marta Gil, Ihrem Vater Javier Gil und ihrem drei Jahre älteren Bruder Mario in Pinto, einer kleinen Stadt an einer Autobahn, 30 Minuten von Madrid entfernt. Der Grossraum um die spanische Hauptstadt war schon in der ersten Welle der Pandemie stark betroffen. Er ist es auch jetzt wieder. Mehr als 1,3 Millionen Menschen haben sich in Spanien angesteckt mit dem Virus, das Sara nicht sehen, riechen oder schmecken kann. Und von dem trotzdem alle ständig reden (so gelang es Madrid, die Corona-Fallzahlen zu senken).

Kinder leiden leiser

Spaniens Premier Pedro Sánchez hat erneut den Alarmzustand ausgerufen. Das war auch im Frühjahr der erste Schritt, dann kam der Lockdown. Noch gibt es keine strikte Ausgangssperre, aber sie kann jederzeit kommen, der Alarmzustand gibt der Regierung volle Durchgriffsrechte. Und Sánchez hat durchgesetzt, dass der Alarmzustand diesmal bis zum 9. Mai gilt.

Wenn in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland von einem «zweiten Lockdown» die Rede ist, muss das für Spanier wie Hohn klingen. Hier gab es im Frühjahr tatsächlich ein confinamiento, und das bedeutete sehr viel mehr als geschlossene Schulen, Bars und Geschäfte. Es bedeutete: eingesperrt sein. Kein Spaziergang, keine Laufrunde im Park.

In ganz Europa hatte Spanien die schärfsten Bestimmungen. Das Militär überwachte die Einhaltung, Hubschrauber kreisten über Wohngebieten. Wer einkaufen ging, dem konnte es passieren, dass die Polizei seine Tasche kontrollierte und den Inhalt mit dem Kassenbon verglich. Nur wer wichtige Besorgungen zu erledigen hatte, durfte die Wohnung verlassen.

In diesem Land findet das Leben normalerweise draussen statt.

Kinder haben keine wichtigen Besorgungen zu machen. Viele lebten wochenlang in dunklen Wohnungen, vor den Fenstern schmale Lichtschächte. «Interior» heissen solche Wohnungen in Spanien, auf dem Wohnungsmarkt findet man oft nichts anderes. In diesem Land findet das Leben normalerweise draussen statt.

«Madrid ist auf den Strassen», sagt der Schriftsteller Javier Marías. In Spanien schrumpft der Freundeskreis nicht, wenn man Kinder bekommt, die Kinder nimmt man einfach mit ins Restaurant oder in die Bar.

Doch an seine Familien dachte das Land zuletzt. Eigentlich erst, als der Lockdown wieder vorbei war. Ende April entschuldigte sich der stellvertretende Premier Pablo Iglesias bei Spaniens Kindern: «Wir bitten euch um Verzeihung.»

Am Ende des Lockdowns waren die Pinnwände in Saras Zimmer, der Kühlschrank und das Wohnzimmerfenster voller Regenbogen. Sie waren das geheime Zeichen, dass alles gut werden würde. Sara und Mario malten Dutzende. Ein paar hängten sie auf, andere gaben sie ihrer Mutter mit, wenn sie einkaufen ging, damit die sie in den Briefkasten der Oma warf. Sara hielt Regenbogen für ihren Onkel und für ihre Freundinnen vor die Kamera, wenn sie miteinander sprachen.

Ein Regenbogen von damals hängt noch immer an Saras Pinnwand. «Covid-19 – Wir schaffen es! Alles wird gut», steht da. Aber wer glaubt jetzt, wo die zweite Welle da ist und der Winter kommt, dass alles gut wird?

«Sara wirkt älter, als sie eigentlich ist», sagt die Mutter, «sie war schon immer ein ernstes Kind.» Ihre kräftigen Augenbrauen sitzen in einem rundlichen Gesicht, das Sara gerne hinter ihren langen Haaren versteckt. Kinder leiden leiser.

Hunde durften raus, Kinder nicht

Im Frühjahr starben in Spanien in Alten- und Pflegeheimen über 20’000 Menschen ohne ihre Angehörigen und ohne einen Arzt. Sie konnten nicht mehr verlegt werden, die Krankenhäuser waren voll. Dort mussten Ärzte entscheiden, wen sie an das letzte freie Beatmungsgerät anschlossen und wen sie sterben liessen. Die Politik versucht gerade zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Und gleichzeitig versucht sie, eine Wirtschaftskrise abzuwenden. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass Spaniens Wirtschaftsleistung dieses Jahr um 12,8 Prozent einbrechen wird.

Die Familien erleben in diesen Monaten einen Staat, dessen Strenge für viele erschreckend und für manche traumatisch ist. Vom 11. März an, als es in ganz Spanien offiziell gerade mal 2128 Corona-Infizierte und 47 Tote gab, schlossen nach und nach die Schulen. Am 14. März verhängte Pedro Sánchez den Alarmzustand. Bis da waren 151 Menschen gestorben. Jetzt zählt Spanien ungefähr 40’000 Covid-19-Tote.

Wie viele Menschen unter den Folgen der Virusbekämpfung leiden, dafür gibt es keine Statistiken. Doch es gibt acht Millionen Schülerinnen und Schüler in Spanien, die sechs Wochen lang nicht ins Freie durften.

Hunde durften raus, Kinder nicht. Und jetzt könnte bald alles wieder von vorne losgehen. «Die Ungewissheit macht uns am meisten zu schaffen», sagt Marta Gil heute.

Die Mutter hat jetzt mehr Angst vor einer neuen Ausgangssperre als vor dem Virus selbst.

Am ersten Schultag nach dem Lockdown Mitte September war Sara so aufgeregt, dass sie ihre Wasserflasche vergass. Dabei hatte sie schon Tage vorher alles vorbereitet. Es war der Moment, auf den sie sich so lange gefreut hatte. Ein halbes Jahr waren die Schulen geschlossen. Eine unbegreiflich lange Zeit für eine Neunjährige. Der Krankenschwester, die am Schuleingang Fieber mass, streckte Sara ihre Stirn so trotzig entgegen, als ginge es darum, die Tür mit dem Kopf aufzudrücken.

In der Schule gelten jetzt neue Regeln. Sara leiert sie herunter: «Immer die Maske tragen, auch wenn es darunter oft echt heiss wird. Nicht schreien auf dem Pausenhof. Im Speisesaal immer auf dem gleichen Platz sitzen. Schnell mittagessen, dann dürfen die Nächsten in den Speisesaal. Wir müssen uns immer die Hände waschen, davon werden sie ganz trocken.»

Ihre Mutter hat jetzt mehr Angst vor einer neuen Ausgangssperre als vor dem Virus selbst. Bei diesem Gedanken sagt sie: «Uff» – und dann lange nichts. «Ich habe keine Ahnung, wie wir das schaffen sollen.» Sie meint damit das Land, nicht nur ihre Familie.

4500 Klassen in Quarantäne

Madrids Regionalpräsidentin sagt, so oder so werde sich im Lauf des Schuljahres vermutlich jedes Kind infizieren. Das würde heissen, dass das Virus irgendwann auch zu ihnen nach Hause kommt. Sara und Mario würden dann ihre Eltern anstecken. Und vielleicht auch ihre Grossmütter, von denen eine ein krankes Herz hat. Sara hofft, dass die Politiker in den Fernsehnachrichten recht haben: dass diese Opfer jetzt nötig seien, damit alles wieder normal wird. Normal. Was für ein Versprechen.

Ende Juni verkündete Premier Sánchez den Beginn einer «neuen Normalität». Aber für Sara wurde nichts normal. Normal wäre es gewesen, jeden Tag zur Schule zu gehen, ihre Freundinnen Sofía und Inma zu treffen und nach dem Mittagessen in der Schulkantine mit ihrer Mutter zu Fuss nach Hause zu gehen.

Sara hätte ihren türkis-pinken Rucksack auf seinen Rollen hinter sich hergezogen und ihrer Mutter, die an derselben Schule Lehrerin ist, von ihrem Tag erzählt, vor allem davon, was die Jungs wieder angestellt haben. Dann hätten sie gelacht und wären wohl noch zur Oma gegangen, die nur ein paar Häuser weiter wohnt. Aber ihre Oma hat Sara in diesem Frühjahr nicht gesehen. «Nicht in echt, nur über Video», sagt sie. Jeden Abend um sieben Uhr las sie ihr die Geschichten vor, die sie geschrieben hatte.

Für die Grossmutter ist die Einsamkeit grausamer als der Tod.

Martas Mutter ist 68. Sie ist Witwe und lebt allein. Normalerweise lädt sie jeden Samstag die Familie zum Essen ein. Als im Sommer die Corona-Zahlen sanken, durfte Sara ihre Grossmutter wieder besuchen. Die Essen fanden draussen statt, mit Abstand. «Wobei, die eine oder andere Umarmung ist ihr schon entwischt», sagt Marta Gil. Sara strahlt. «Ich mag Umarmungen.» Aber jetzt kommt der Winter. «Ich bin keine von denen, die niemanden mehr in ihr Haus lassen», sagt die Grossmutter. Für sie sei die Einsamkeit grausamer als der Tod.

Jeden Tag sterben etwa 220 Menschen an den Folgen des Virus, die Intensivstationen füllen sich wieder. An Saras Schule gab es in mehreren Klassen Corona-Fälle. In ganz Spanien seien derzeit 4500 Klassen in Quarantäne, sagte der Gesundheitsminister vor kurzem, das sind 90’000 Schüler und Schülerinnen. Sara und Mario hatten bisher Glück. Aber wie lange noch?

Sara hat im Frühjahr gelernt, mit Word zu schreiben. Sie kann jetzt Gross- und Kleinbuchstaben und Absätze. Nur die Gänsefüsschen findet sie nie. Jede ihrer Geschichten endet mit «Fin», Ende. In Schriftgrösse 72 steht es unter ihren Texten. Sie wollte, dass ihre Geschichten ein Ende haben, wenn sich schon der Lockdown wie eine Endlosschleife anfühlte.

Morgens schlug sie die Augen auf, über ihrem Kopf das weisse Regalbrett mit den Teddybären und Puppen. Neben ihr das Nachtkästchen. Saras Zimmer ist eng, die ganze Wohnung ist eng. Ihre Mutter hat die Wände rosa und lila gestrichen.

Anfang April wollte Sara nicht mehr aufstehen. Frühstück, Hausaufgaben, Mittagessen, dann die langen Nachmittage, bis es Abend wurde. Oft ging sie in ihr Zimmer und setzte sich vors Fenster. Manchmal telefonierte sie mit Freundinnen, aber die hatten auch nichts zu erzählen. Abends weinte sie. «Es war nicht Angst, es war Trauer», sagt die Mutter.

Depression und Trägheit

Viele Kinder leiden noch immer unter den Folgen der ersten Ausgangssperre. 36 Prozent der unter Zehnjährigen waren besorgt, als sie im September in die Klassenzimmer zurückkehrten, zeigt eine Umfrage der Complutense-Universität in Madrid. Ein weiteres Drittel der Kinder sagte, sie seien traurig. Und 16 Prozent hatten Angst.

«Ich mache mir grosse Sorgen um meine Kinder, um Sara noch mehr als um Mario, der oft stundenlang vor seiner Playstation versunken ist», sagt Marta Gil. «Aber Sara war so niedergeschlagen.» Im April begann die Mutter, Sportprogramme für die Kinder auf Youtube zu suchen, aber aufheitern konnte sie das nicht. «Sie haben 43 Tage lang die Wohnung nicht verlassen, nicht einmal bis zur Haustür.»

Die Wohnung hat 70 Quadratmeter, mit Balkon. Das Wohnzimmer ist gerade so gross, dass man einen Staubsauger zwischen Fernseher und Couch durchschieben kann. «Immerhin haben wir eine Terrasse», sagt Marta. Terrasse? Der Balkon ist zwei Quadratmeter gross. Neben den Tisch und die vier Klappstühle passt nicht mehr viel.

Einfach wegfliegen können, das blieb leider eine Fantasie.
Einfach wegfliegen können, das blieb leider eine Fantasie.
Illustration: Jindrich Novotny

Saras Mutter sagt immer wieder, wie gut sie es haben. «Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer.» Aber Marios Zimmer ist seit dem Frühjahr auch das Büro des Vaters, weil nur dort ein Computer Platz hat. Mario macht jetzt im Wohnzimmer seine Hausaufgaben. «Und wir haben Luna», sagt Sara. Der schimmelgrüne Kanarienvogel sitzt in seinem Käfig auf dem Balkon.

«Luna ist genauso eingesperrt, wie wir es waren, wir sollten sie vielleicht freilassen», sagt Marta Gil. Sara protestiert und schüttelt den Kopf. Sollte wieder ein Lockdown kommen, soll Luna bei ihr sein. Ihre Mutter sagt: «Der Vogel hat mich verrückt gemacht.» Jeden Morgen um sieben weckte er die ganze Familie mit seinem Gezwitscher. Marta Gil wollte alle länger schlafen lassen, damit die Tage etwas kürzer werden. Schliesslich deckte sie den Vogel abends mit einem Tuch ab. Da hörte er auf zu zwitschern.

Neue Rituale geben ein wenig Stabilität

Depression und Trägheit sind die häufigsten Symptome, von denen Kinderärzte während der ersten Corona-Welle berichteten. Erhebungen zeigen ausserdem, dass es zu mehr Fällen häuslicher Gewalt gekommen ist. Die psychische Last tragen in den meisten Familien die Mütter. Einmal bekam Marta Gil von einer Freundin ein Video geschickt. «Schau, das ist doch deine Strasse.» Man sah, wie ein grauer Sack auf einer Bahre aus einem Hauseingang geschoben wurde. Marta weiss nicht, wer der oder die Tote war. Aber sie erkannte eines der Häuser von gegenüber. Sie hat das Video gelöscht, bevor die Kinder es sahen.

«Wir waren am Limit», sagt sie. «Sara, die sich in den Schlaf weinte, Mario, der vom Bildschirm nicht wegzukriegen war. Mein Mann und ich haben uns fast gar nicht mehr gesehen, obwohl wir daheim eingesperrt waren.» Ihr Mann schloss sich in Marios Zimmer ein. Er ist bei einer Beratungsfirma angestellt. Marta Gil war als Lehrerin von der Arbeit freigestellt und mit der Traurigkeit und Langeweile ihrer Kinder mehr oder weniger allein.

In den ersten Tagen des Lockdowns, sie sassen gerade beim Abendessen, hörten sie von draussen ein Klatschen und Stampfen. Sara war als Erste auf dem Balkon und von da an jeden Abend. «Sie hat jeden Tag für die Ärzte und Krankenschwestern geklatscht, dafür hat sie auch ihr Essen stehen lassen», sagt die Mutter und klingt dabei fast ein wenig stolz. Es waren diese neuen Rituale, die nicht nur ihrer Familie, sondern dem ganzen Land ein wenig Stabilität gaben.

Zwischendurch flatterten wieder Absperrbänder an den Spielplätzen, die Geschäfte und Restaurants aber sind bis in die Nacht hinein geöffnet. Man dürfe die Wirtschaft nicht leiden lassen, sagt Madrids Regionalpräsidentin. Und die Kinder? «Die Politik vergisst die Kinder», sagt Marta Gil.

Kinder dürfen eine Stunde am Tag raus

Als der Lockdown am 26. April nach sechs Wochen endete, sollten für Minderjährige dieselben Regeln gelten wie für Erwachsene. Sie dürften ihre Eltern zum Einkaufen oder zum Arzt begleiten. «Ich sollte meine Kinder in den Supermarkt mitnehmen, aber in den Park dürfen sie nicht?» Marta Gil war wütend. Am Ende durften Kinder unter vierzehn doch spazieren gehen, eine Stunde am Tag, mit einer Begleitperson und maximal einen Kilometer von der Wohnung entfernt.

Wieder kontrollierte die Polizei, liess sich Ausweise mit der Wohnadresse zeigen und verteilte Strafzettel an diejenigen, die sich zu viele Freiheiten nahmen. «Sara und Mario haben den Kilometer bis zum letzten Zentimeter und die Stunde bis zur letzten Sekunde ausgereizt», sagt der Vater.

Und dann kam der Tag, als Sara ihren Schulrucksack wieder anziehen durfte.
Und dann kam der Tag, als Sara ihren Schulrucksack wieder anziehen durfte.
Illustration: Jindrich Novotny

Mit ihm sind sie zum ersten Mal raus. Gleich am Morgen, das Wetter war herrlich, blauer Himmel, Sonnenschein. «Das war komisch», sagt Sara. Ihr Trottinett haben sie nicht mitgenommen, aus Angst, etwas Verbotenes zu tun. «Es war ja nur Spazierengehen erlaubt», sagt sie. Noch lieber wäre sie mit den Freundinnen draussen gewesen. Aber das durfte sie nicht. Inma, ihre allerbeste Freundin, sah sie erst wieder, als im September nach sechs Monaten die Schule wieder begann.

Am Nachmittag des ersten Schultags zog Sara ihren Rucksack hinter sich nach Hause. Die Jacke ihrer Schuluniform baumelte über der Schulter, das Haar klebte ihr in der Stirn. «Wir haben schon Hausaufgaben auf», schimpfte sie. Das Wichtigste aber war: Inma wiederzusehen. Umarmen durften sie sich jedoch nicht. «Haben wir auch nicht», sagt Sara.

2013 betrug die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien 55,5 Prozent. Nun werde alles noch schlimmer, heisst es.

Zu Hause warteten Vater und Bruder. «Wir haben Glück, dass sich bisher niemand von uns angesteckt hat», sagte der Vater. «Andere haben es viel schwerer», sagte die Mutter und erzählte von ihrem Tag mit autistischen Kindern: «Die Kleinen haben heute so viel geweint, sie sind wieder auf dem Stand von vor einem Jahr, manche erkennen mich nicht wieder.» Es falle diesen Kindern ohnehin schwer, Gesichter zu interpretieren – jetzt mit der Maske erst recht. Marta Gil sucht nach einer Maske aus transparentem Stoff, hat aber noch keine gefunden, mit der sie sich sicher fühlt.

Auch jetzt in der zweiten Welle sagen Marta und Javier Gil immer noch, wie viel Glück sie haben. Die eigene Wohnung, die Terrasse, der Vogel, und alle gesund. Aber die Sorgen bleiben. Mario hat nur noch vier Schuljahre, dann muss er sich für einen Beruf entscheiden. Wird es überhaupt Jobs geben? 2013 betrug die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien 55,5 Prozent. Nun werde alles noch schlimmer, heisst es.

Werden ihre Kinder noch unter den Folgen dieser Pandemie leiden, wenn längst ein Impfstoff gefunden ist? Marta Gil schaut zur Wand im Wohnzimmer. Sie versucht, nicht so weit in die Zukunft zu denken. «Oh Gott, diese Tapete!», sagt sie plötzlich. Es brauche unbedingt eine andere, noch vor dem Winter. Diese hat sie lang genug gesehen. 

Karin Janker ist Korrespondentin für Spanien der «Süddeutschen Zeitung» und von Tamedia. redaktion@dasmagazin.ch

16 Kommentare
    Eric Zürcher

    Ich lebe auf den Philippinen. Hier spielt sich das Leben gewöhnlich auf der Strasse ab, diese ersetzt das fehlende Wohnzimmer. Wir sind seit Mitte März in ändernden Status von Quarantäne. Eine Konstante gibt es dabei: Kinder und ältere Menschen dürfen seit Beginn an das Haus nicht verlassen. Jetzt wurde immerhin das Alter angepasst: statt Kinder und Jugendliche bis zum 20 Altersjahr und ältere Menschen ab 60 Jahren gilt die Ausgangssperre „nur” noch bis 15 und ab 65 Jahren. Seit Mitte März!!! Die Kinder und Alten wurden einfach vergessen...