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Miniatur des AlltagsRiechen und meiden

Eine Kolumne über das Erinnern.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Illustration: Olivier Samter

Es gibt Menschen, die keinen frischen Koriander essen können. Schmeckt mir nicht, sagen sie, schmeckt nach Seife. Zitronengras? Gleiche Antwort und auch beim Ingwer klingt dieselbe Leier. Koche ich für jemanden ein asiatisches Gericht und erhalte diese Antwort, nehme ich es persönlich.

Wäre ich ein Wissenschaftler, könnte ich das mit einem Schulterzucken abtun, denn: Es gibt Nervenpfade, die direkt von der Nase zum Hippocampus führen, der Gedächtnisschaltzentrale des Gehirns. So verbindet sich ein Geruch mit einer Erinnerung. Ingwer, Koriander, Zitronengras aromatisierten schon Putzmittel, bevor in der Schweiz jemand damit kochte. Riecht mein Gast am Curry, denkt er an ein frischgeputztes Badezimmer.

Doch gerade jetzt in Zeiten des Coronavirus wird eine ganze Generation neu geprägt. Über den Geruchssinn wird in den Gehirnen von Kindern und Jugendlichen eine Verbindung im Hippocampus abgespeichert.

Beim Einkaufen, in der Bibliothek, in der Badi: Überall stehen Flaschen mit Desinfektionsmitteln parat. Sie sind immer noch mit den abenteuerlichen Destillaten gefüllt, die während des Lockdown entstanden, als man kein Ethanol mehr hatte in der Schweiz. Winzer liessen ihren Wein brennen, Brauer ihr Bier. Und Schnapsbrenner brannten Liköre und Schnäpse ein weiteres Mal, um den Alkoholgehalt zu erhöhen.

Bin ich mit meiner Familie unterwegs, riechen wir nach dem Desinfizieren jeweils an den Händen und raten, wonach die Flüssigkeit riecht: Bier, Kirsch, Grappa – ein lustiger Zeitvertreib, aber nicht ohne Hintergedanken. Wenn die Kinder gross sind, denken sie bei Koriander und Zitronengras an ein Essen am Familientisch. Bei Bier, Kirsch, Grappa meldet der Hippocampus aber (hoffentlich): schmeckt nicht, schmeckt nach Desinfektionsmittel.