Sexueller Missbrauch

Jürg Jegge muss nicht vor Gericht

Die sexuellen Übergriffe auf Kinder dürften für den bekannten Pädagogen Jürg Jegge keine strafrecht­lichen Folgen haben. Die Zürcher Staatsanwaltschaft wird das Verfahren voraussichtlich einstellen.

Die früheren Missbräuche werden für den ehemaligen Sonderschullehrer Jürg Jegge voraussichtlich keine strafrechtlichen Konsequenzen haben.

Die früheren Missbräuche werden für den ehemaligen Sonderschullehrer Jürg Jegge voraussichtlich keine strafrechtlichen Konsequenzen haben. Bild: Enzo Lopardo

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Er wurde berühmt mit seinem schulkritischen Buch «Dummheit ist lernbar» – und galt über eine lange Zeit als Musterpädagoge: Doch im April dieses Jahres geriet Jürg Jegge plötzlich ins Zwielicht. Denn er soll jahrzehntelang Kinder sexuell missbraucht haben. Ins Rollen brachte den Fall Jegge der ehemalige Schüler Markus Zangger. In einem Buch erhob der heute 59-Jährige schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Lehrer. Jegge (74) soll seinen Schützling als Zwölfjährigen zum ersten Mal missbraucht haben. Gegen die sexuellen Handlungen habe er sich erst Jahre später wehren können, schreibt Zangger in seinem Buch mit dem Titel «Jürg Jegges dunkle Seite». Kurz nach dessen Veröffentlichung gibt Jegge gegenüber dieser Zeitung zu: «Es stimmt, dass es sexuelle Kontakte zwischen uns gab.» Und: «Es war mir klar, dass das strafbar ist.»

Justiz schaltete sich ein

Noch im gleichen Monat leitete die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen Jegge ein Vorabklärungsverfahren wegen Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Kindern und Abhängigen ein. Dabei wurden zahlreiche Personen kontaktiert, die von einem Missbrauch betroffen gewesen sein könnten. Wie die Staatsanwaltschaft gestern bekannt gab, hätten die befragten Personen «grösstenteils» angegeben, dass keine sexuellen Handlungen stattgefunden hätten. Zudem seien die «in einigen Fällen» geschilderten sexuellen Handlungen mit Kindern bereits verjährt. «Falls deshalb keine neuen Beweisanträge gestellt werden, stellt die Staatsanwaltschaft die Untersuchung in den nächsten Tagen ein», sagte gestern Corinne Bouvard, Sprecherin der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft. Dass die Justizbehörden bereits jetzt mit dieser Mitteilung an die Öffentlichkeit gingen, hat mit dem gestern Abend auf SRF 1 ausgestrahlten Dokumentarfilm über den Fall Jegge zu tun. Man habe im Vorfeld der Ausstrahlung derart viele Medienanfragen gehabt, dass man es als richtig erachtet habe, vorzeitig über den Stand des Verfahrens zu informieren, sagte Bouvard.

«DOK»-Film über Jegge

Im «DOK»-Film «Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik» stehen vor allem die Erlebnisse der Missbrauchsopfer im Zentrum. Ein männliches Opfer erzählt, wie Jegge ihm in den 1970er-Jahren in Embrach und andernorts die Zuwendung gab, «die ich sonst nicht bekam». Weiter schildern andere Opfer im Film, wie Jegge den sexuellen Missbrauch als Therapie ausgab, «um einen besseren Menschen aus mir zu machen». Und wie er Abtrünnigen drohte, dass sie ohne seine Hilfe abstürzen würden.

Doch schon früh rankten sich Gerüchte um den sonderbaren Lehrer, der Schüler auf Reisen nach Wien und mit zu sich nach Hause nahm. Aber niemand sagte etwas. Alle, Primarlehrer, Schulpfleger und Eltern, schienen froh, dass sich jemand der schwierigen Kinder und Jugendlichen annahm. Einzelne Exponenten der Schulen und Ausbildungsstätten bereuen im Film denn auch, nicht genauer hingeschaut zu haben – und bezeichneten sich selber als «Feigling».

Wie geht es weiter?

Und jetzt – wie geht es weiter? Welche Konsequenzen zieht man beispielsweise beim Volksschulamt aus dem Fall? Bereits im Mai hatte Bildungsdirektorin Silvia Steiner den Zürcher Rechtsanwalt Michael Budliger mit Abklärungen im Fall Jegge beauftragt. Er soll insbesondere abklären, ob damals die rechtlichen Vorgaben von den Schulbehörden eingehalten wurden. Der Auftrag umfasst auch eine Aufarbeitung aller relevanten Akten. Wann es erste Ergebnisse geben wird, ist derzeit noch offen. (zsz.ch)

Erstellt: 06.10.2017, 11:08 Uhr

Nachgefragt

«Ich hatte nicht die Idee, Jegge ins Gefängnis zu bringen»

Inwieweit können Sie damit ­leben, dass das Verfahren gegen Ihren früheren Peiniger Jürg Jegge demnächst eingestellt wird?
Markus Zangger: Damit kann ich sehr gut leben. Denn ich hatte mit der Veröffentlichung meiner Lebensgeschichte nicht die Idee, Jürg Jegge ins Gefängnis zu bringen. Ich wollte lediglich, dass meine Erlebnisse mit der Reformpädagogik auf den Tisch kommen.

Hatten Sie nicht dennoch den Wunsch, dass Ihr früherer Lehrer die sexuellen Übergriffe vor ­Gericht verantworten muss?
Natürlich wäre es nicht schlecht gewesen, wenn ein Gericht seine Taten hätte beurteilen können. Doch uns Opfern war natürlich schon bewusst, dass wahrscheinlich alle Geschehnisse von damals verjährt sind.

Damit bleiben aber die Taten ungesühnt.
Das mag sein. Was mich aber wirklich erschüttert, ist die Tatsache, dass Jürg Jegge seine Taten noch immer irgendwie zu verklären versucht. Ich hatte ja Einblick in seine Aussagen bei der Staatsanwaltschaft und dort gewann ich den Eindruck, dass er die ganze Sache nicht wirklich ernst nimmt.

Er hat sich also nie bei Ihnen persönlich entschuldigt?
Ja, er hat sich nicht entschuldigt. Wobei es bei einer solchen Sache ohnehin nicht mit einer Entschuldigung getan ist.

Was erwarten Sie von ihm heute?
Ich erwarte, dass er wirklich auspackt und erzählt, wie es war. Und dass er der Staatsanwaltschaft die Namen der Opfer sagt und sich nicht hinter der Behauptung versteckt, dass er die Namen nicht mehr wisse.

Sehen Sie auch eine Mitschuld der Schulbehörden?
Ja, ich denke schon, dass diese Leute eine Mitverantwortung tragen. Es wundert mich wirklich, dass da niemand genauer hingeschaut hat.

Welche Lehren sollte man Ihrer Meinung nach aus dem Fall ­Jegge ziehen?
Das ist schwierig zu sagen. Ich bin einfach froh, dass ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen konnte. Wenn es dadurch gelingen sollte, dass die Gesellschaft gegenüber solchen Themen ihr Schamgefühl verliert, dann könnte das sicher mithelfen, dass auch andere Opfer es wagen, über ihr Leid zu reden. Das ist mir ein grosses Herzensanliegen.

Interview: Thomas Münzel

Missbrauchsopfer und Autor Markus Zangger.

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