Marthalen, Rheinau

Heftige Kritik am Vorpreschen der Nagra

Die Stellungnahmen zum gestrigen Vorschlag der Nagra waren zahlreich – und die Kritik war durchwegs die gleiche: Die Wahl der zwei Endlager-Regionen sei verfrüht.

Mögliche Standortgebiete für ein Endlager.

Mögliche Standortgebiete für ein Endlager. Bild: Quelle: Nagra/Grafik: da

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Überrascht», «verfrüht», «übereilt» oder «nicht transparent»: Die Kritik am gestrigen Vorschlag der Nagra fiel teilweise heftig aus. Die von den AKW-Betreibern und der Eidgenossenschaft 1972 ­gegründete Genossenschaft will nur noch zwei von sechs möglichen Endlager-Regionen vertieft untersuchen – das Zürcher Weinland und den Bözberg im Kanton Aargau. Beide Gebiete kommen für die Lagerung von schwach-, mittel- und hochradioaktiven Abfällen infrage.

Im Weinland ist die Gemeinde Marthalen am stärksten vom Nagra-Vorschlag betroffen, weil dort das oberirdische «Tor zum Endlager» gebaut würde. Der Gemeinderat ist über die «schnelle Einengung auf nur noch zwei ­Regionen erstaunt», wie er in einer Mitteilung schreibt.

Rheinau will in den kommenden Wochen Stellung nehmen

Dieses Vorgehen lasse den Eindruck aufkommen, dass für die weiteren Schritte der finanziell günstigste Weg gesucht werde. Der Gemeinderat erwartet hingegen, dass die vertieften Untersuchungen im Weinland und im Bözberg «seriös und absolut gleichwertig» durchgeführt werden. Um die bestmögliche Vergleichbarkeit zwischen den beiden Regionen sicherzustellen, prüft der Marthaler Gemeinderat sogar die Einsitznahme in den bestehenden Gremien in der Endlager-Region Bözberg.

Die ebenfalls direkt betroffene Gemeinde Rheinau wird in den kommenden Wochen Stellung beziehen, wie sie in einer Mitteilung schreibt. Das «Tor zum Endlager» würde unmittelbar neben der Hauptstrasse Marthalen–Rhein­au gebaut.

Mitten durch Winterthur

Der Winterthurer Stadtra t verlangt, «endlich in den Entscheidungsprozess miteinbezogen zu werden». Er habe auf Stufe Bund wiederholt gefordert, dass Winterthur in die Standortsuche einbezogen wird. «Diese Forderung blieb leider unerfüllt.» Und auch er erachtet es als zu früh, die Standortwahl bereits einzuschränken. Der Stadtrat könne nicht nachvollziehen, weshalb die nun gestrichenen Standorte eindeutige Nachteile gegenüber den zwei verbliebenen aufweisen sollen. Für die Stadt Winterthur stelle der Standort Weinland ein ­Sicherheitsrisiko dar, «da der Transport der radioaktiven Abfälle voraussichtlich über den Bahnhof Winterthur im Stadtzentrum erfolgen würde». Zudem liege dieser Standort in einem Gebiet mit sehr wichtigen Grundwasserressourcen des Kantons.

Kritik an der Nagra übt auch der Zürcher Regierungsrat. Er hält es ebenfalls «für verfrüht», dass bereits in der jetzigen Phase der Standortsuche nur noch zwei Regionen verbleiben. Laut den Vorgaben des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) dürfe ein Standortgebiet nur dann ausgeschlossen werden, wenn sicher sei, dass es gegenüber den anderen Gebieten eindeutige Nachteile aufweist. Die Analyse der Nagra-Unterlagen vermittle jedoch nicht den Eindruck, dass die sechs Standort­gebiete transparent und nachvollziehbar bewertet worden seien.

Sicherheit Ja, Endlager Nein

Regierungsrat Markus Kägi hat deshalb Fachleute damit beauftragt, die umfangreichen Unterlagen zu studieren. Noch in diesem Jahr soll ein Bericht Auskunft ­geben, «ob die frühe Eingrenzung auf nur noch zwei Standortge­biete gerechtfertigt ist».

In seiner Medienmitteilung hält der Regierungsrat fest, dass das Endlager zwar am sichersten Ort in der Schweiz gebaut werden müsse – er es auf Kantonsgebiet aber «nach wie vor ablehnt».

Hoffen auf Aufsichtsbehörde

Dass die anderen vier Endlager-Regionen zu früh aus dem Rennen genommen wurden, finden auch die Weinländer Grünen. Sie kritisieren die «übereilte Einschränkung» auf zwei Standorte und berufen sich dabei wie der Regierungsrat auf die Vorgaben des Ensi. Der Nagra-Vorschlag sei «weder transparent noch nachvollziehbar». Und es werde der Verdacht gestärkt, «dass die frühe Einschränkung einem festen, vorgefertigten und somit nicht ergebnisoffenen Plan der Nagra folgt». Die Entsorgungspflichtigen schienen heute nicht mehr bereit zu sein, «Geld für ein Theater mit mehreren Standorten aufzuwerfen».

Das Hoffen auf das Ensi ist aber womöglich umsonst. Denn Ende August 2014 bescheinigte die Aufsichtsbehörde, dass der geologische Kenntnisstand ausreichend sei, damit die Nagra ihre Vorschläge einreichen könne.

«Das noch zulässige Mass»

Zum Nagra-Vorschlag geäussert hat sich schliesslich auch Martin Kistler, Landrat des Landkreises Waldshut. Er sei überrascht, dass die Nagra die Endlagersuche «auf das gerade noch zulässige Mass eingeengt» habe. Erleichtert ist er hingegen, dass die grenznahe Endlager-Region Nördlich Lägern (Zürcher Unterland) zurückgestellt worden ist. Klar sei nun aber, dass sämtliche radioaktiven Abfälle grenznah entsorgt werden sollen. Der deutsche Nachbar wird deshalb die Gründe, weshalb die grenzfernen Stand­orte ausgeschieden sind, «sehr ­genau prüfen». (Landbote)

Erstellt: 06.04.2015, 13:46 Uhr

Ergebnisse der nagra – weiteres vorgehen

Die Berichte und Analysen der Nagra für den gestrigen Vorschlag umfassen rund 17 000 Seiten Papier. Darin kommt sie zum Schluss, dass alle sechs Standortgebiete die hohen geologischen und sicherheitstechnischen Anforderungen erfüllen. Ihr zufolge weisen jedoch das Weinland (Zürich-Nordost) und der Bözberg (Jura-Ost) günstigere Bedingungen auf als die vier anderen Gebiete Jura-Südfuss, Nördlich Lägern, Südranden und Wellenberg. Über den Vergleich zwischen den sechs Regionen schreibt die Nagra, dass im detaillierten Vergleich «entscheidende Unterschiede» bestünden und ­Zürich-Nordost sowie Jura-Ost die «günstigsten Bedingungen» hätten. So verfügen sie für den Bau des Tiefenlagers, anders als Nördlich Lägern, über ein «günstiges Platzangebot» im Untergrund. Beide Regionen hätten eine «sehr günstige Barrierenwirkung», das heisst: Sie bestimmt, wie gut die im Tiefenlager eingelagerten radioaktiven Stoffe zurückgehalten werden. Für Nördlich Lägern schreibt die Nagra: «In grösserer Tiefe ist das Platzangebot zwar etwas grösser, aber dort wäre es bautechnisch schwierig, ein Tiefenlager in der erwünschten Qualität zu bauen.» Beim Bau könne dies zu einer «erheblichen Schädigung der geologischen Barrieren führen».

Der Vorschlag der Nagra wird nun von verschiedenen Behörden geprüft, bevor alle Unterlagen 2016 in eine breite öffentliche Anhörung gehen. Voraussichtlich 2017 entscheidet der Bundesrat über den Vorschlag. Parallel dazu beginnt die vertiefte Untersuchung der zwei Endlagerregionen durch 3-D-Seismik und Sondierbohrungen. Etwa 2020 trifft die Nagra die provisorische Standortwahl. Nach erneuter Prüfung und Anhörung entscheidet der Bundesrat etwa 2027. Das Parlament muss den Entscheid genehmigen. Wird das fakultative Referendum ergriffen, befindet das Stimmvolk etwa 2029 über den Bau des Endlagers. Dieses würde zwischen 2050 und 2060 in Betrieb gehen.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!