Springer

Seine Dienste sind gefragter denn je

Fällt ein Schreiber in einer Gemeinde aus, springt ein Stellvertreter ein. Seine Hilfe ist gefragt, denn zu Wechseln kommt es immer häufiger. Weil für junge Leute der Beruf immer weniger das oberste Karriereziel ist.

Hansruedi Steinmann amtet noch bis Ende Februar als Schreiber der Gemeinde Weisslingen.

Hansruedi Steinmann amtet noch bis Ende Februar als Schreiber der Gemeinde Weisslingen. Bild: Madeleine Schoder

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«Gemeinde sucht Schreiber, Springer überbrückt.» Eine Meldung, die so oder ähnlich immer wieder zu lesen ist. Gerade eben in Humlikon, wo eine ausgebildete Schreiberin einspringt, während die Festangestellte im Mutterschaftsurlaub weilt. Oder in Weisslingen, wo die langjährige Gemeindeschreiberin im vergangenen Oktober frühzeitig in Pension ging. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gab es damals allerdings noch nicht.In die Bresche sprang ein sogenannter Springer. Es ist der 53-jährige Hansruedi Steinmann, Geschäftsleiter der Volketswiler Firma Steinmann & Partner. Das 1998 gegründete Unternehmen vermittelt Fachleute für verschiedene Positionen auf der Verwaltung, die zwischen einigen Wochen und mehreren Monaten im Einsatz stehen. Die Firma vermittelt heute am meisten Springer für Gemeinden im Kanton.

Ausgetrockneter Markt

Die Gründe, weshalb auf den Verwaltungen Vakanzen entstehen, sind unterschiedlich (siehe «Nachgefragt»). Im Fall von Weisslingen zog sich die Suche nach einer geeigneten Person in die Länge. Der Markt sei ausgetrocknet, sind sich Gemeindepräsident Andrea Conzett und Hansruedi Steinmann einig. Gemeindeschreiber seien gefragt, eine Karriere auf der Verwaltung sei aber für die wenigsten der jungen Leute das oberste Ziel. Das ist auch der Grund, weshalb es öfter zu Wechseln kommt.

Die Tätigkeit ist anspruchsvoll: Schreiber sind Fachspezialisten und Generalisten zugleich, sie stecken in einer Sandwichposition zwischen Gemeinderat und Verwaltung und stehen im Rampenlicht. Sie helfen, wenn etwa der Gemeindepräsident an Gemeindeversammlungen nicht mehr weiter weiss. Und sie geben Medienleuten Auskunft. Ihre Arbeitstage sind oft lang, Abendeinsätze eher die Regel als die Ausnahme. So strebten viele nach der Verwaltungslehre oder einer Handelsschule eher eine Abteilungsleiterstelle auf einer grösseren Gemeindeverwaltung an, sagt Hansruedi Steinmann. «Die Sitzungsbelastung am Abend ist viel kleiner. Das ist für junge Familienväter entscheidend.»

Was den Lohn betrifft, so kann ein Abteilungsleiter auf einer Stadtverwaltung durchaus gleich viel oder gar mehr verdienen als ein Schreiber. Laut dem Verein Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute verdienen letztere je nach Grösse von Gemeinde und Verwaltung zwischen 120 000 und 180 000 Franken im Jahr.

Bevor Steinmann seine Firma gründete, arbeitete er fünf Jahre lang als Gemeindeschreiber und davor ebenso lang als Stellvertreter. Er absolvierte die Mittelschule und stieg danach ins Bankenwesen ein. Von dort kam er ins Fürsorgeamt der Stadt Zürich, wo ihn sein Chef für die Ausbildung zum Gemeindeschreiber inspirierte.

Er verhehlt nicht, dass der Beruf des Gemeindeschreibers ein Verschleiss-Job ist. In den Jahren, seit er die Dienstleistungsfirma leitet, hätten vor allem die krankheitsbedingten Ausfälle zugenommen. Jörg Kündig, Präsident des Gemeindepräsidentenverbands des Kantons Zürich, hat das so allerdings nicht beobachten können, wie er im Interview nebenan sagt.

Ein Springer muss sich rasch in ein Team einfügen und einen Überblick verschaffen können. «Eine Einarbeitungszeit gibt es nicht, der Springer muss sofort funktionieren können», sagt Steinmann. Das sei aber gerade auch das Spannende an der Tätigkeit. Als schwierig habe er es erlebt, wenn lange nicht klar ist, wann und ob die Person, für die er einspringt, zurückkommt.

Springer kosten mehr

Müssen Gemeinden einige Zeit lang überbrücken, kommt sie das teu(r)er zu stehen. Das sagen zumindest die Finanzvorstände jeweils an den Rechnungsgemeindeversammlungen, wenn sie Mehrausgaben begründen müssen. Vergleiche man den 100-Prozent-Lohn eines festangestellten Schreibers mit demjenigen eines Springers, dann sei das sicher so, sagt Steinmann. In der Regel übernähmen Springer aber ein kleineres Pensum und kosten die Gemeinden keine Sozialleistungen wie Pensionskasse und AHV. Somit sei der Einsatz für die Gemeinden vielfach kostenneutral.

Für Weisslingen kann das Gemeindepräsident Andrea Conzett bestätigen. Mit der Arbeit von Steinmann ist er «zu 150 Prozent zufrieden», wie er sagt. Der Stellvertreter habe innert kürzester Zeit erkannt, wo Änderungen in den Abläufen oder der Organisation sinnvoll seien und diese auch eingeleitet. Weisslingen tue diese Übergangszeit gut. «Es ist ein Neuanfang.» Mittlerweile ist auch ein Nachfolger gefunden: Am 1. März nimmt der 54-jährige Silvano Castioni aus dem Kanton Thurgau seine Arbeit auf. (Landbote)

Erstellt: 30.01.2017, 15:50 Uhr

Jörg Kündig, Präsident Gemeindepräsidentenverband Kt. Zürich

Nachgefragt

«Diese Lösungen funktionieren gut»

Herr Kündig, Gemeindeschreiber wechseln ihren Posten heute öfter als früher. Beobachten Sie das auch?

Jörg Kündig: Wechsel sind häufiger geworden, das ist richtig. Früher traten Schreiber eine Lebensstelle an. Für sie war klar, dass sie bis ans Ende ihres Berufslebens bei einer Gemeinde bleiben würden. Das ist nicht mehr so.

Was sind die Gründe?

Auf der einen Seite können es Karriereüberlegungen sein. Dazu gehört etwa der Wechsel von einer kleineren Verwaltungseinheit in ein grösseres Gemeinwesen oder eine Stadt. Aber auch der Wunsch nach einer neuen Herausforderung ist zu nennen.

Welche Rolle spielen Zerwürfnisse, mangelnde Leistungen oder Krankheit?

Wie in jedem Unternehmen gibt es verschiedene Gründe für einen Wechsel. Auch solche, die Sie erwähnen. Dass Schreiberinnen und Schreiber heute häufiger krankheitsbedingt ausfallen, ist für mich nicht ersichtlich. Es ist aber unbestritten, dass die Arbeit sehr intensiv ist und einen grossen Einsatz erfordert.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Springern gemacht?

Auf der Position des Gemeindeschreibers keine, jedoch in anderen Bereichen der Verwaltung. In der Regel funktionieren diese Lösungen gut, was das Tagesgeschäft anbelangt. Sie sind allerdings eher teuer. Und den Springern fehlt es an Wissen um gemeindeinterne Zusammenhänge und Entwicklungen aus den Vorjahren, was ein Handicap sein kann. Andererseits kann die Aussensicht eines erfahrenen Springers auch bereichernd sein.

Wie lange kann eine Gemeinde eine ohne Schreiber auskommen?

Gemeindeschreiber sind die wichtigsten Bezugspersonen für einen Präsidenten. Es muss deshalb das Ziel sein, eine interne Stellvertretung zu etablieren, die bei Ausfällen funktioniert. Falls nur die Springer-Lösung bleibt, sollte der Zeitraum möglichst kurz, aber nicht unter zwei Monaten sein.

Interview: Nadja Ehrbar

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