Auf zum Rekordflug – 19 Stunden in der Luft mit 52 Probanden

Im Projekt «Sunrise» testet Qantas heute die längste Flugstrecke der Welt. Wie das den Passagieren gefällt, zeigt sich auf einer ähnlichen Strecke.

Über 19 Stunden dauert der Flug von London nach Sydney. Dafür stehen vier Piloten im Einsatz, die zudem von Wissenschaftlern überwacht werden. Bild: Qantas

Über 19 Stunden dauert der Flug von London nach Sydney. Dafür stehen vier Piloten im Einsatz, die zudem von Wissenschaftlern überwacht werden. Bild: Qantas

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Um 5.53 Uhr ist eine Boeing 787-900 der australischen Airline in London gestartet und soll morgen Mittag Lokalzeit in Sydney landen. Über 19 Stunden wird die Maschine dann in der Luft gewesen sein. Mit an Bord sind 4 Piloten und 52 Passagiere, darunter einige Journalisten und Wissenschaftler.

Ab 2022 will Qantas den Ultralangstreckenflug ins Programm aufnehmen. Es ist ein alter Traum der Branche, die letzte Grenze der Luftfahrt, wie Qantas-CEO Alan Joyce vor dem Abflug sagte. Doch wollen Passagiere wirklich 19 Stunden auf einem Economy-Sitz ausharren, ist die Nachfrage nach einer derart langen Reise wirklich vorhanden? Oder steckt hinter dem Testflug einfach eine grosse PR-Maschinerie, weil Qantas heute auch den 99. Geburtstag feiert und somit ins 100. Jahr des Bestehens übergeht?

Eine Pilotin mustert die Boeing 787 mit der Jubiläumsbemalung vor dem Abflug in London. Bild: Getty Images

Qantas-CEO Joyce bekräftigte in London den seriösen Hintergrund des Experiments. Die Airline glaubt daran, für den ultralangen Flug genug Kunden zu finden. Das zeige die 2018 eingeführte Strecke von Perth nach London, sagte Joyce. Perth liegt im Westen Australiens, der Flug nach Grossbritannien dauert knapp 18 Stunden. Und die Strecke ist ein Erfolg, wie Joyce sagt. Die Auslastung liege im Schnitt bei 95 Prozent, und man verzeichne die höchsten Zufriedenheitswerte aller Strecken. «Es ist sehr ungewöhnlich, dass der längste Flug eine so hohe Bewertung erhält.»

Qantas ist von dieser erfolgreichen Einführung beflügelt – die Passagiere würden sicher auch ein bis zwei Stunden länger im Flugzeug ausharren, sagt Joyce. Rund 19,5 Stunden würde auch der zweite geplante ultralange Flug von New York nach Sydney dauern – dieser wurde im Oktober erstmals geflogen, im Dezember folgt zum Abschluss des Projekts auf derselben Strecke nochmals ein Test. Mit 16'200 Kilometern ist diese Verbindung zwar etwas kürzer, auf dem Flug von London nach Australien profitieren die Maschinen aber von Rückenwind, weshalb der 17'800 Kilometer lange Flug etwa gleich lange dauert.

Noch nicht ganz dafür bereit ist allerdings die Technik. Die Boeing 787-900 ist beim heutigen Testflug nicht voll beladen. Um die Strecke wirklich mit ganzer Last zu schaffen, hat Qantas die Flugzeugbauer schon vor Jahren aufgefordert, dafür eine Extravariante zu bauen. Airbus und Boeing haben dafür spezielle Versionen von bestehenden Flugzeugen im Rennen – bei den Franzosen ist es ein Airbus A350-1000ULR (Ultra Long Range), die Amerikaner wollen den Flug mit einer speziellen Boeing 777 ermöglichen.

Auch für die Passagiere soll das Flugzeug umgebaut werden. Es soll Zonen geben, wo sich die Reisenden etwas bewegen und stretchen können. Damit habe Qantas bisher gute Erfahrungen gemacht, sagt CEO Joyce. Auch Griffe an der Decke sollen zu leichten Übungen animieren. Zudem wird das Essen angepasst, es soll leichtere Kost geben.

Wissenschaftler überwachen Crew

Die längste Flugstrecke wird erst zum zweiten Mal überhaupt getestet. 1989 wurde das Experiment mit einem 747 Jumbo durchgeführt, dafür musste dieser aber komplett umgebaut werden, um Platz für Zusatztanks zu schaffen. Platz für Passagiere hatte es keinen mehr. Das Flugzeug steht heute in einem Museum in Australien.

Dieses Mal fliegen 52 Probanden mit. Dazu gehören Wissenschaftler, die Piloten und Passagiere während des Flugs überwachen. Die Piloten tragen EEG-Geräte zur Messung der neuralgischen Aktivität im Gehirn, zudem wird das Cockpit mit drei Kameras gefilmt. Untersucht wird auch, wie sich die Crew und die Passagiere während der 19 Stunden an Bord verhalten, wie sie schlafen, essen und wie sich verschiedene Lichteinflüsse auswirken.

Die Piloten, hier bei der Hauptprobe im Simulator, werden während des Flugs überwacht. Bild: Qantas

Damit ein solcher Flug überhaupt angeboten werden dürfte, brauchte die Airline eine spezielle Bewilligung, da die Crews länger im Einsatz stehen würden als erlaubt. Auch mit den Piloten müssten die Bedingungen für solche extreme Strecken ausgehandelt werden. Das alles unter der Voraussetzung, dass der 20-Stunden-Einsatz für die Crew mit Schichtwechseln und Ruhepausen überhaupt möglich ist.

CO2-Ausstoss kompensieren

Es bleibt die Frage nach der Auswirkung aufs Klima. Für den Testflug wurden Maschinen verwendet, die frisch vom Werk in Seattle stammen, das Langstreckenexperiment ist damit Teil des Auslieferungsflugs. Qantas will zudem den CO2-Ausstoss der Tests kompensieren.

Für einen einzelnen Passagier können Kompensationsportale derzeit nur den Flug mit einem Zwischenstopp berechnen. Derzeit fliegt Qantas die Strecke von London via Singapur nach Sydney. Dabei werden pro Passagier 2,8 Tonnen CO2 ausgestossen, berechnet beispielsweise der Schweizer Dienst Myclimate. Kostenpunkt 81 Franken.

Qantas testet die Strecke mit einer Boeing 787. Bislang kommt dafür ein Airbus A380 (im Hintergrund) zum Einsatz, mit Zwischenstopp in Singapur. Foto: Jason Reed (Reuters)

Mit dem Nonstopflug sollten es weniger sein, da die direkte Strecke kürzer ist und ein Start und eine Landung wegfällt. Um nachhaltiger zu fliegen, wird daher allgemein empfohlen, nach Möglichkeit Direktflüge zu wählen. (anf/dmj)

Erstellt: 14.11.2019, 13:31 Uhr

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