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Umweltkatastrophe in SibirienPutin-Vertrauter und Umweltsünder

Seit Jahrzehnten gehört Wladimir Potanin zum russischen Oligarchen-Establishment; das schafft nur, wer robust und geschickt ist. Doch nun bringt eine von seiner Firma verursachte Umweltkatastrophe seinen Status ins Wanken.

Er ist in Putins Augen dafür verantwortlich, dass im Norden Sibiriens etwa 20'000 Tonnen Dieselöl aus dem geborstenen Tank eines Kraftwerks in die Umwelt flossen: Wladimir Potanin.
Er ist in Putins Augen dafür verantwortlich, dass im Norden Sibiriens etwa 20'000 Tonnen Dieselöl aus dem geborstenen Tank eines Kraftwerks in die Umwelt flossen: Wladimir Potanin.
Getty Images

Der reichste Mann Russlands ist vermutlich selten so ausgequetscht worden. Es war der Präsident persönlich, der Wladimir Potanin dieser Tage mit Fragen löcherte. Wladimir Putin sass in der Videokonferenz aufreizend lässig am Schreibtisch und spielte mit einem Kuli, Potanin stand in dicker Winterjacke im fernen, kalten Norilsk und suchte nach Antworten. Putin fragte, wie viel denn die Beseitigung des Umweltschadens kosten werde, den dessen Firma verursacht habe, was Potanin natürlich auch nicht so genau wusste: «Ich denke, einige Milliarden Rubel, es kostet, so viel es eben kostet.» Putin liess nicht locker, «wie viel denn ungefähr?» So ging das ein paar Minuten, eine Machtdemonstration.

Potanin ist in Putins Augen dafür verantwortlich, dass
Ende Mai im Norden Sibiriens etwa 20'000 Tonnen Dieselöl aus dem geborstenen Tank eines Kraftwerks in die Umwelt flossen und Putin wegen der Ölkatastrophe den Notstand ausrufen musste. «Es hätte keinen Schaden gegeben, wenn Sie den Tank rechtzeitig ausgetauscht hätten», rügte der Kremlchef. Potanin blieb nichts anderes übrig als zu versichern, dass für sämtliche Kosten selbstverständlich sein Unternehmen aufkomme. Bittere Tage für den Milliardär.

Wladimir Potanin, 59, ist Chef von Nornickel, einem der grössten Nickelproduzenten der Welt und einem der wichtigsten Unternehmen Russlands. Der Flurschaden, den er zu verantworten und bereinigen hat, ist immens. Aber Putin hat auch gesagt: «Wladimir, wir kennen uns schon so lange.» Seit drei Jahrzehnten gehört Potanin fest zum russischen Oligarchen-Establishment; das schafft nur, wer robust und geschickt zugleich ist.

Erst im April hat Potanin es auf Platz eins der russischen Reichen-Charts geschafft, mitten in der Corona-Krise. Nach Angaben des Magazins Forbes hat er sein Vermögen sogar vergrössert, weil er auf den nachgefragten Rohstoff Palladium setzt, während die Ölmilliardäre um ihn herum Verluste machten. Potanin war schon zuvor zweimal Russlands reichster Mensch gewesen, das erste Mal in den wilden Neunzigerjahren. Eine derartige Einkommenstabilität gelingt nur dem, der die Regeln kennt und die Balance wahrt aus Nähe und Distanz zur Macht. Ende Dezember spielte Potanin mit Putin auf dem Roten Platz in einem Eishockeyteam, von der Politik aber hält er sich zurzeit fern.

Der Moskauer Unternehmer hatte schon zur Sowjetzeit beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere, denn sein Vater arbeitete im Aussenhandelsministerium, seine Eltern nahmen ihn mit auf Reisen in den Westen – ein sehr geschätztes Privileg zu jener Zeit. Er lernte Englisch, Französisch, studierte an der elitären Diplomaten-Uni in Moskau und war derart zielstrebig, dass er sich privat selber Schach beibrachte, nur um seinem Schwiegervater in spe zu schmeicheln. So erzählte es seine Ex-Frau. Bestens vernetzt, machte Potanin in den Wirren der Wendezeit schnell ein Vermögen. Er half wie andere Neureiche dem klammen Staat mit Geld aus und sicherte sich dafür Anteile an aussichtsreichen Staatsbetrieben. Für wenig Rubel die Filetstücke der Wirtschaft – so verrückt ging das damals zu bei der Privatisierung. Unter Boris Jelzin war Potanin sogar für eine kurze Zeit Erster Vizepremier Russlands.

In der Putin-Ära konzentrierte er sich auf seine Geschäfte, liess zur Zerstreuung aber auch schon mal George Michael zur Silvesterparty anreisen. In den vergangenen Jahren machte er mit der Trennung von seiner Frau Schlagzeilen, die von ihm vergeblich das halbe Vermögen erstreiten wollte. Und natürlich mit Sotschi, Olympia, Putins liebstem Grossprojekt. Potanin investierte angeblich mehr als zwei Milliarden Dollar in das Skigebiet von Krasnaja Poljana und sagte, er hole ein Stück Alpen in den Kaukasus. Umweltschützer kritisierten das Projekt damals. Jetzt schauen sie wieder voller Sorge, was der Milliardär so anstellt. Tausende Kilometer weiter nördlich.