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Trägt man das so? Psychologie des Männerkettchens

Sie waren erst gebieterisch, dann vulgär, jetzt sind sie wieder in Mode. Natürlich hat das eine Menge mit einer Serie zu tun, die unter Jugendlichen gerade immens populär ist

Der Schauspieler Paul Mescal in seiner Rolle als Connell in der Serie «Normal People» – natürlich trägt er sein Kettchen.
Der Schauspieler Paul Mescal in seiner Rolle als Connell in der Serie «Normal People» – natürlich trägt er sein Kettchen.
Foto: Enda Bowe (Element Pictures)


Die irische Dramaserie «
Normal People» ist der Streaming-Hit des Sommers. Die Verfilmung des Romans von Sally Rooney bescherte der BBC Rekordquoten und ist nun auf der Streamingplattform Starzplay zu sehen. Die beiden jungen Hauptdarsteller sind als On-Off-Liebespaar ziemlich grossartig. Obwohl, das ist nicht ganz korrekt: Eigentlich sind es drei Hauptdarsteller, die von den Fans gefeiert werden.

Daisy Edgar-Jones alias Marianne, Paul Mescal alias Connell und – «Connellschain». Die silberne Halskette, die er in jeder der zwölf Folgen trägt, hat mittlerweile ihren eigenen Instagram-Account mit rund 188’000 hingerissenen Followern.

Denn der Proleten-Orden von einst ist so etwas wie das Accessoire der Stunde. Schauspieler Timothée Chalamet, Sänger Harry Styles, Tennisspieler Alexander Zverev – bei ihnen allen blitzen regelmässig mehr oder weniger schmale Ketten am Hals auf. Auf dem Laufsteg bei Bottega Veneta oder Dior Men sind allmählich mehr männliche Models mit als ohne zu sehen. Wer aktuell die Webseite der erfolgreichen deutschen Schmuckdesignerin Saskia Diez besucht, begegnet dort sofort der nackten Brust eines jungen Typen mit Kettchen darauf. Seine Brustbehaarung ist allerdings höchst überschaubar, was schon mal einen interessanten Unterschied zum Klischee-Träger von früher ausmacht.

Der Zusammenhang von Brustpelz und Edelmetall ist nicht ganz geklärt. Ob die Ketten darauf weicher liegen, sie wie Schlangen ein bisschen Tarnung im Unterholz suchen, oder sich früher einfach ausschliesslich südlichere Typen so ein Ding umhängten? In den stets abfälligen Berichten über dieses Schmuckstück war oft von Gold im maskulinen «Gestrüpp» die Rede, und meistens gehörte das Gestrüpp zu einem italienischen Pizzabäcker, der das Hemd zu weit aufgeknöpft hatte.

Je mehr es am Körper blinkt, desto weniger funkt es im Kopf, so ungefähr lautet die Faustregel.

Spontan erinnert man sich zwar nur an den mittelbehaarten Jean-Paul Belmondo in «Atemlos» oder an Oben-ohne-Bademeister, aber die Pizzabäcker-Legende gibt zumindest ein bisschen Aufschluss über die Herkunft dieser Mode: Einerseits trugen eben früher viele katholische Männer als Ausdruck ihres Glaubens ein (Kreuz-)Kettchen, siehe Ray Liotta im Mafia-Epos «Goodfellas», andererseits wurde Schmuck bei Männern traditionell dem nichtakademischen Milieu zugeschrieben. Je mehr es am Körper blinkt, desto weniger funkt es im Kopf, so ungefähr lautet die Faustregel.

Wladimir Putin trägt auch Kette zu Oben-ohne

Warum sich angeblich gerade Männer aus dem Arbeitermilieu so gern behängten? Simple Status-Kompensation vermutlich. Schon Pharaonen trugen im alten Ägypten Ketten, im Mittelalter waren es die Könige, auf alten Gemälden sind die Herren mit Amtsketten oder Medaillons geschmückt, so wie auch tapfere Krieger, etwa Atréyu in «Die unendliche Geschichte».

Von hier ist es dann auch nicht mehr weit bis zur umgehängten Erkennungsmarke von Soldaten. Könige, Adelige, Kämpfer – mit ein bisschen kostbarem Schmuck darauf schwillt die Männerbrust offensichtlich noch einmal besser. Natürlich trägt auch Wladimir Putin in einer seiner legendären Oben-ohne-Fotostrecken eine Kette.

Macho bis zur Kette: Der Schmuck gehörte auch bei Rapper Sean «P. Diddy» Combs zur Garderobe.
Macho bis zur Kette: Der Schmuck gehörte auch bei Rapper Sean «P. Diddy» Combs zur Garderobe.
Foto: VQH

Mit dem Hip-Hop bekamen ihre Glieder in den Neunziger- und Nullerjahren schliesslich daumendicke Ausmasse und wurden nicht mehr unter, sondern bewusst auf dem T-Shirt, sogar über dem Rollkragenpullover getragen. Viel Bling machte eben viel her. Auch deshalb war die Männerkette bis vor ein paar Jahren so verpönt: Weil sie Ausdruck machohafter, hoffnungslos überholter Männlichkeit zu sein schien.

Brückenschlag zwischen alter und neuer Männlichkeit

Wie kann es da sein, dass sie auf viele plötzlich so anziehend wirkt? Connellschain aus der Serie «Normal Peopl beispielsweise ist silbern, eher fein und kurz, ohne Anhänger daran. Ihr Träger Connell hat es nicht so mit der Kommunikation, ist ansonsten aber ein Spitzentyp, ausserdem sehr intelligent, an Dublins Trinity College bekommt er ein Literatur-Stipendium.

Allerdings stammt er aus einfachen Verhältnissen, seine Mutter geht bei Mariannes Familie putzen. Die Kette ist laut der Kostümbildnerin der Serie also ein Verweis auf Connells «Working Class»-Herkunft. So wie übrigens auch Matt Damon in «Good Will Hunting» als Überschüler aus der Unterschicht eine Kette verpasst bekam.

Die realen Träger sind jedoch weder proletenhaft noch besonders machohaft. Es sind vielmehr Jungs, die mit einer gewissen Androgynität spielen und sich um alte Konventionen generell nicht mehr allzu viel scheren. Sie ziehen ja auch Badeschlappen und Basketballshorts im Alltag an, hipsterisieren den Schnurrbart und die Vokuhila der Neunzigerjahre. Vielleicht ist die Männerkette jetzt der perfekte Brückenschlag zwischen alter und neuer Männlichkeit.

Die Träger sind Jungs, die sich um alte Konventionen generell nicht mehr allzu viel scheren.

Dass gerade jetzt so viele Leute von diesem Accessoire angefixt sind, hat natürlich auch mit dem Sommer zu tun. Wenn beim Baden der Oberkörper nackt ist, wird der in der Sonne glänzende Schmuck zum Blickfang. In «Normal People» sind die Schauspieler recht häufig unbekleidet zu sehen, die Kamera fängt beim Sex Mariannes Ohrringe und Connells Kette am Hals als einziges aktives «Kostümdesign» ein.

Auf Tiktok sind Jungs mit nach vorn gebeugtem Kopf und wippenden Ketten bereits Trend: Ein User namens Mattia schreibt dort etwa, «er habe gehört, Jungs mit baumelnden Ketten seien sexy», bevor er sich selbst das Hemd auszieht und sein Schmuckstück am Hals mit einem Augenzwinkern vor und zurück schaukeln lässt. Womöglich ist das mit der neuen Männlichkeit auch erst mal nur ein Silberstreifen am Horizont.

7 Kommentare
    Nicki

    Ich finde es einfach mädechenhaft, unreif.