Prosecco-Chips ärgern Italiener

Kein anderes EU-Land hat so viele Lebensmittel mit geschützter Herkunftsangabe wie Italien. Besondere Kartoffelchips erhitzen gerade die Gemüter.

Eine Frau nimmt sich ein Kartoffelchip zum Probieren. (Symbolbild) Foto: Frank Augstein/Keystone

Eine Frau nimmt sich ein Kartoffelchip zum Probieren. (Symbolbild) Foto: Frank Augstein/Keystone

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Wer sich in Italien an den Esstisch setzt, kann allerhand falsch machen: Cappuccino nach dem Essen trinken, Parmesan über Nudeln mit Fisch streuen oder Pizza mit Ananas essen. Für Italiener sind das Anlässe, sich stundenlang über Ausländer lustig zu machen – schliesslich sind sie diejenigen, die das gute Essen quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben.

So lässt sich auch erklären, dass vor einiger Zeit gewisse Kartoffelchips in der Region um Venedig für Aufregung sorgten. Das Vergehen: Es waren Chips mit Prosecco-Geschmack – und das stand auch auf der Verpackung.

Prosecco ist jener Schaumwein, dessen Trauben einzig und allein auf den sanft geschwungenen Hügeln in bestimmten Provinzen im Veneto und in Friaul-Julisch-Venetien reifen und in der Gegend verarbeitet werden.

Der geschützte Name Prosecco darf also nur auf den Produkten stehen, in denen auch echter Prosecco drin ist. Und in Italien hatte man grosse Zweifel, dass in Prosecco-Chips der Marke Pringles auch wirklich echter Prosecco enthalten war. In der Tat war es Prosecco-Pulver.

Agrarministerin: Identitätsdiebstahl

«Wir können nicht mehr tolerieren, dass jemand unerlaubt eine geschützte Herkunftsangabe benutzt», beklagte der Präsident der Region Veneto, Luca Zaia. Die italienische Exzellenz in puncto Essen und Trinken dürfte nicht durch Betrug untergraben werden. Agrarministerin Teresa Bellanova sprach gar von «Identitätsdiebstahl».

Für Politiker in Italien gehört es dazu, sich mit dem Schutz des Essens einer bestimmten Region zu profilieren. Ministerpräsident Giuseppe Conte kämpfte unlängst in der Emilia-Romagna gegen die US-Zölle auf Parmesan, der frühere Innenminister Matteo Salvini machte sich mit einem Biss in sizilianische Cannoli bei einem Besuch auf der Insel beliebt, und der Regionalpräsident von Ligurien, Giovanni Toti, zeigt sich gerne mit Pesto Genovese, das er zum Unesco-Kulturerbe ernannt haben will.

Nicht «Bolognese», sondern «al ragù»

Und der Bürgermeister von Bologna, Virginio Merola, startete vor nicht allzu langer Zeit einen Aufruf, den falschen Namen «Spaghetti Bolognese» im Ausland auszurotten. Denn die Pasta mit Fleischsosse heisst in Italien gar nicht nach der Stadt in der Emilia Romagna – sondern «al ragù».

Essen ist einer der wichtigsten Wirtschafts- und Tourismusfaktoren in Italien. «Made in Italy» gilt als Qualitätssiegel für Lebensmittel, wie «Made in Germany» für Autos. Italiener sind besonders stolz auf ihre Essenskultur. In sozialen Medien gibt es Extra-Seiten, auf denen sich Italiener über die «Sünden» von Ausländern lustig machen – zum Beispiel Pasta nicht ins kochende Wasser zu werfen, sondern ins kalte. Oder Obst mit Gemüse in Salaten zu vermischen.

Nirgends so viele geschützte Herkunftsangaben

Kein anderes EU-Land hat so viele Lebensmittel mit geschützter Herkunftsangabe wie Italien. Zu den 823 Produkten gehören Wein aus dem Chianti und Schinken aus Parma genauso wie unbekanntere «Champions», wie Linsen aus Norcia in Umbrien oder Basilikum aus Genua.

«Das verdeutlicht, wie wichtig die Essenskultur ist», erklärt Enrico Bonadio, Experte für Urheberrecht an der City University of London. «Wenn man die geografische Herkunft schützt, schützt man auch ein Erbe, eine Identität. Man kann nicht einfach Wein in Finnland herstellen und ihn Prosecco nennen.» In den letzten zwölf Jahren sei der Export von italienischen Lebensmitteln um 140 Prozent gestiegen. (sda)

Erstellt: 11.11.2019, 15:08 Uhr

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