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Time-out«Playoff im Sommer – das wäre komisch»

Der Zuger Eishockeyaner Calvin Thürkauf (22) fuhr fast 4000 Kilometer, um wegen des Coronavirus nicht fliegen zu müssen.

«Als die Saison wegen des Coronavirus unterbrochen wurde, spielte ich noch für die Cleveland Monsters. Ich war nicht ganz unvorbereitet, denn ich hatte durch meine Eltern, die in der Schweiz wohnen, alles mitbekommen. Und auch unsere Ärzte nahmen die Sache von Anfang an ernst. Plötzlich ging es schnell. Der Club erlaubte uns, dorthin zu gehen, wo wir normalerweise den Sommer verbringen. Ich entschied mich zusammen mit meiner Freundin, in ihre Heimat nach Kelowna in Kanada zu reisen, wo ich sie während meiner Juniorenzeit kennen gelernt hatte.

Trotz der grossen Distanz wollten wir nicht fliegen, um uns nicht der Gefahr auszusetzen, uns anzustecken. Gerade auf Flughäfen ist diese ziemlich gross. So fuhren wir die 3800 Kilometer mit dem Auto. Meine Freundin und ich, wir wechselten uns mit dem Fahren ab, in Spokane überquerten wir die Grenze und dann gings durch British Columbia. Es war eine angenehme Reise, und wir versuchten, so wenig Kontakt mit anderen Menschen zu haben wie nur möglich.

Wie hier an der U-20-WM 2016 möchte Calvin Thürkauf bald auch regelmässig nach Toren in der NHL jubeln.
Wie hier an der U-20-WM 2016 möchte Calvin Thürkauf bald auch regelmässig nach Toren in der NHL jubeln.
Foto: Keystone

«Es war definitiv ein Monat, den ich nie mehr vergessen werde.»

Hier in Kelowna gehe ich jeweils am Morgen mit meinem Hund 30 bis 60 Minuten joggen und mache später in der Wohnung noch Vollkörper-Workouts, aber ohne Gewichte. Es ist nicht allzu viel, aber ich versuche, meine Form zu bewahren, für den Fall, dass irgendwann der Anruf käme, es gehe jetzt weiter. Mit dem Club stehen wir in ständigem Austausch, und bekommen jeden Tag eine E-Mail mit den neusten Entwicklungen.

Es ist schon verrückt. Erst etwas mehr als ein Monat ist vergangen, seit ich meine ersten Spiele in der NHL für die Columbus Blue Jackets machen durfte. Bei meinem Debüt hätte ich gar nicht spielen sollen, doch dann kam der Coach nach dem Aufwärmen zu mir, und sagte mir, es sei so weit. Das war gut, so hatte ich nicht noch den ganzen Tag Zeit, mir Gedanken zu machen und nervös zu werden. Es folgten zwei weitere Einsätze, dann wurde ich wieder in die AHL geschickt, und wenige Tage danach folgte der Unterbruch. Es war definitiv ein Monat, den ich nie mehr vergessen werde.

«Als Spieler kommt man sich manchmal vor wie ein Stück Fleisch»

Rein sportlich kam der Unterbruch für mich wohl zu einem schlechten Zeitpunkt. Ich hätte gerne weitergespielt, denn ich fühlte mich gut. Aber daran denke ich nicht oft, es sind wahrlich aussergewöhnliche Umstände. Jetzt geht es um das grosse Bild, und es ist wichtig, dass alle Leute die Situation ernst nehmen. Nur so kommen wir da gemeinsam bald wieder raus.

Meine Priorität für die Zukunft liegt ganz klar in Nordamerika. Wie es weitergeht, liegt an Columbus, ich bin aktuell im letzten Vertragsjahr und habe keine Informationen über ihre Pläne mit mir. Ja, als Spieler kommt man sich manchmal schon vor wie ein Stück Fleisch, aber das ist Teil des Geschäfts. Jedenfalls möchte ich mich hier bald dauerhaft etablieren. Dazu muss ich vor allem auf den ersten paar Schritten noch explosiver werden und mit mehr Selbstvertrauen spielen. Es gibt keinen Grund, an mir zu zweifeln, das beweist die Berufung in das NHL-Kader. Eine Rückkehr in die Schweiz wäre im Moment nur eine Notlösung.

Zuletzt hiess es immer öfter, dass die NHL die Meisterschaft notfalls auch im Juli und August zu Ende spielen wolle. Playoff im Sommer – das wäre schon etwas komisch, aber ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit recht gross ist. Die Liga möchte unbedingt einen Stanley-Cup-Champion krönen, es ist ja auch ziemlich viel Geld im Spiel.»

Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier: