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Steuerumgehung wird erschwertPierin Vincenz’ misslungener Steuertrick

Der frühere Raiffeisen-Chef und sein Berater Beat Stocker wollten Steuern mit der Kreditkartenfirma Aduno sparen, doch der Plan misslang. Der Kanton Zürich kann sich auf 100 Millionen Franken freuen.

Strafuntersuchung soll vor den Sommerferien beendet werden: Pierin Vincenz, früherer Chef der Raiffeisen Schweiz.
Strafuntersuchung soll vor den Sommerferien beendet werden: Pierin Vincenz, früherer Chef der Raiffeisen Schweiz.
Foto: Paolo Dutto (13 Photo)
Steueroptimierung bei Aduno hat teure Folgen: Beat Stocker, früherer Chef des Schweizer Finanzdienstleistungsunternehmens.
Steueroptimierung bei Aduno hat teure Folgen: Beat Stocker, früherer Chef des Schweizer Finanzdienstleistungsunternehmens.
Foto: PD
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Die Meldung hätte kaum trockener sein können: «Basierend auf der Entwicklung des Steuerrekurses, welcher von der Aduno eingereicht wurde, wurde in 2019 eine Schätzungsanpassung von 53,3 Millionen Franken vorgenommen und als zusätzliche Steuerrückstellung gebucht.» Aduno ist der gemeinsame Zahlungsabwickler für das Kreditkartengeschäft der Raiffeisen-Banken, der Zürcher und der Waadtländer Kantonalbank und einigen kleineren Partnern.

Eine gewisse Berühmtheit hat Aduno erreicht, weil sie mit ihrer Strafanzeige gegen Pierin Vincenz und seinen Weggefährten Beat Stocker kurz vor Weihnachten 2017 das Strafverfahren gegen den Ex-Raiffeisen-Chef ins Rollen brachte. Dabei geht es um ein paar Millionen, die die beiden bei Firmenkäufen angeblich für sich selber abgezweigt haben. Nun stellt sich heraus: Sie haben wegen einer misslungenen Steueroptimierung bei Aduno ein Loch von 132 Millionen Franken hinterlassen. Allein der Kanton Zürich darf sich auf rund 100 Millionen Franken freuen, wie ein Aduno-Sprecher bestätigt.

Mit einer Firmenhülle in Nidwalden Steuern sparen

Die Geschichte reicht zurück ins Jahr 2010. Damals war Beat Stocker CEO und Delegierter des Verwaltungsrats (VR) von Aduno, sein Freund Pierin Vincenz präsidierte als Vertreter des grössten Aktionärs (Raiffeisen hält einen Anteil von 25,5 Prozent der Aktien) den Verwaltungsrat. Conrad Auerbach, genannt Coni, war damals schon Finanzchef. Es war die Zeit nach der Finanzkrise, das Schweizer Bankgeheimnis wankte, und überall waren die steuersparenden Finanzkonstrukte mit fiktiven Firmensitzen auf Offshore-Plätzen in Verruf geraten. In diesem Umfeld hatte Auerbach die Idee, es mit einem Schweizer Konstrukt zu versuchen.

Stocker stimmte zu, und der Verwaltungsrat segnete das Projekt ab. Dann kaufte Aduno von Zuger Anwälten eine Firma namens Attempo 32. Die war bis dahin eine reine Hülle ohne Geschäftstätigkeit, gegründet von Zuger Anwälten. Dann wurde sie in Aduno Finance umgetauft und der Firmensitz nach Stans im Kanton Nidwalden verlegt und in Freienbach SZ eine Betriebsstätte gegründet. Gestartet wurde gerade mal mit drei Mitarbeitern, heute sind es vier, einer davon in Stans. Trotzdem wurden für einen Grossteil des Gewinns der Aduno Finance die Steuern nicht mehr in Zürich, sondern in Nidwalden und Schwyz bezahlt, wo man den Gewinn anfallen liess.

Kein Wunder, dass dies der Kanton Zürich nicht akzeptieren wollte. Bereits im Rahmen der ordentlichen Steuerprüfung der Jahre 2011 und 2012 stellte die Steuerverwaltung des Kantons Zürich die angewandten Verrechnungspreise – also der Preise für die intern verrechneten Dienstleistungen – infrage. Seither zieht sich Adunos Steuerstreit in die Länge. Die Zürcher Steuerbehörden schickten Aduno eine gesalzene Rechnung, Aduno rekurrierte. Bald war man sich bei Aduno der Sache nicht mehr so sicher. 2016 stellte Aduno 30 Millionen zurück, und seither stiegen die Rückstellungen für Steuern auf 132 Millionen Franken. Dies, obwohl das Unternehmen jedes Jahr Steuern zahlte.

Im Februar dieses Jahres entschied das Steuerrekursgericht gegen Aduno. Gemäss einem Firmensprecher ist zwar noch offen, ob die Firma gegen den Entscheid Berufung einlegt. Intern glaubt allerdings kaum mehr jemand daran. Im Moment finden denn auch Verhandlungen mit Schwyz und Nidwalden statt, damit man wenigstens die 32 Millionen, die man diesen Kantonen und dem Bund schuldet, nicht voll bezahlen muss.

Die Schlaumeierei wird zum Schildbürgerstreich

Wird alles fällig, dann zahlt Aduno statt weniger Steuern schlussendlich teilweise doppelt. Aus der Schlaumeierei der Herren Stocker, Vincenz und Auerbach wurde ein Schildbürgerstreich. Für die Beteiligten könnte das ein unangenehmes Nachspiel haben. «Die Aduno-Gruppe behält sich rechtliche Schritte gegen frühere Verantwortliche vor», sagt ihr Sprecher. Dies für den Fall, dass die doppelt bezahlten Steuern nicht zurückverlangt werden können.

Die Herren Stocker und Vincenz sind seit 2017 weg von Aduno. Auerbach hingegen war noch bis Februar 2019 Finanzchef und wurde 2018 sogar CEO ad interim. In seine Zeit fallen all die umstrittenen Firmenkäufe, mit denen sich Stocker und Vincenz bereichert haben sollen und die sich im Nachhinein als praktisch wertlos erwiesen.

Er verantwortet auch eine teure Acquisition aus dem Jahr 2018. Aduno kaufte am 1. Oktober 70 Prozent von Accarda, der ehemaligen Kreditkartenfirma von Manor. Kaufpreis für die 70 Prozent: 195,5 Millionen Franken. 30 Prozent besass man bereits. Laut Geschäftsbericht 2018 verbuchte Aduno auf diesen 30 Prozent einen Aufwertungsgewinn von 27,4 Millionen Franken. Erstaunlich, wusste man doch seit langem, dass Manor sein grösstes Warenhaus an der Zürcher Bahnhofstrasse schliessen muss, weil Swiss Life als Hausbesitzer höhere Mieten verlangt. Auch dass die Manor-Tochter Athleticum verschwindet und an den französischen Konzern Decathlon verkauft wird, war zu diesem Zeitpunkt bekannt.

Die ZKB hatte nichts gegen die Steueroptimierung

Nun, anderthalb Jahre später, wurde jedenfalls eine «einmalige Einzelwertberichtigung in der Höhe von 91,7 Millionen Franken» nötig. Ob sie einmalig bleibt, gilt es abzuwarten. «Die Aduno-Gruppe hat in verschiedenen Bereichen in den Wochen vor der Veröffentlichung des Berichts einen deutlichen Rückgang beim Transaktionsvolumen verzeichnet», heisst es im Geschäftsbericht. Gemeint sind die Auswirkungen der Corona-Krise, während der Manor seine Geschäfte teilweise schliessen musste. Ob daraus nicht ein zweiter Abschreiber für Accarda wird, bleibt abzuwarten. Max Schönholzer, der im September 2018 CEO wurde und den Accarda-Deal im ersten Monat seiner Amtszeit durchwinkte, hat seit dem Abgang von Auerbach jedenfalls bereits den zweiten Finanzchef ad interim.

Die Zürcher Kantonalbank ist zweitgrösster Aktionär von Aduno, mit einem Anteil von 14,7 Prozent der Aktien, und hat Einsitz im Verwaltungsrat. Die Frage, warum die ZKB, die gemäss ihrem Leistungsauftrag der Zürcher Wirtschaft und der Zürcher Bevölkerung dienen soll, eine Steueroptimierung über ein Finanzvehikel in Nidwalden unterstützte, wurde wie folgt beantwortet: «Die ZKB äussert sich als Aktionärin generell nicht zu Entscheiden des Aduno-Verwaltungsrats.»