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Tausende harrten nach Erdbeben in Türkei bei Eiseskälte im Freien aus

Die Zahl der Todesopfer stieg nach offiziellen Angaben auf 38. Retter baten um Stille, um Signale aus dem Schutt zu hören. Präsident Erdogan verbittet sich Kritik.

Sie baten um Stille, um Signale aus den Trümmern zu hören: Rettungskräfte gestern in Elazig im Osten der Türkei. Foto: Burak Kara (Getty Images)
Sie baten um Stille, um Signale aus den Trümmern zu hören: Rettungskräfte gestern in Elazig im Osten der Türkei. Foto: Burak Kara (Getty Images)

Gestern Nachmittag warten sie noch auf das, was man gewöhnlich «Wunder» nennt: dass noch jemand lebend aus dem Schutt gezogen wird, aus einem riesigen Steinhaufen im Viertel Sürsürü in der osttürkischen Stadt Elazig. Drei Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet. Innenminister Süleyman Soylu versicherte, die Suche werde weitergehen.

Am Freitag gegen 21 Uhr hatte ein schwereres Beben der Stärke 6,8 die Provinz Elazig erschüttert, auch in der Nachbarprovinz Malatya starben Menschen. Die Bilanz gestern: 38 Tote, mehr als 1600 Verletzte. 45 Menschen wurden nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde lebend aus eingestürzten Gebäuden geborgen, darunter eine Schwangere und mehrere Kinder. In der Nacht auf gestern haben sie noch eine 35-Jährige und ihre zweijährige Tochter lebend geborgen, 28 Stunden nach dem Beben und den 700 Nachbeben.

Debatte über Baumängel

Tausende harrten aus Angst vor weiteren Erschütterungen die Nächte bei Minustemperaturen im Freien oder in Turnhallen und Moscheen aus. Gestern baten die Retter um Stille, um mögliche Signale aus dem Schutt nicht zu überhören. Sie setzten Sensoren, Drohnen und Suchhunde ein. Am Samstag hatten sie per Handy Kontakt zu einer Frau unter den Trümmern aufnehmen können. Als die 45-Jährige geborgen wurde, applaudierten die Zuschauer.

Fernsehbilder aus Elazig, einer Stadt mit 600'000 Einwohnern, zeigen in sich zusammengesackte mehrstöckige Gebäude, direkt neben unbeschädigt wirkenden Häusern. Insgesamt wurden 76 zerstörte und 645 schwer beschädigte Gebäude gezählt.

Das Beben löste in den sozialen Medien sofort wieder Debatten über Baumängel aus und darüber, wie gut oder schlecht besonders Istanbul auf ein grosses Beben vorbereitet ist, das Experten seit langem voraussagen. Twitterer fragten, wofür die seit 1999 erhobene Erdbebensteuer verwendet worden sei, nachdem der Rote Halbmond gestern alle Türken per SMS zu einer Spende von wenigstens zehn Lira (etwa 1.60 Franken) aufgerufen hatte. Die Steuer war nach dem schweren Beben im August 1999 in der Region Gölcük eingeführt worden. 18'000 Tote gab es damals. Zum 20. Jahrestag des Bebens hatte die Bauingenieurskammer von Istanbul gewarnt, geschätzt eine Million Gebäude in der Stadt seien nicht sicher.

Präsident Erdogan warnte vor «Provokationen» in den sozialen Medien.

Präsident Recep Tayyip Erdogan, der am Samstag nach Elazig geflogen war, sagte: «Haben wir die Chance, ein Erdbeben zu stoppen? Nirgendwo auf der Welt gibt es das.» Er warnte vor «Provokationen» in den sozialen Medien. Innenminister Soylu twitterte, es sei «unmenschlich», in dieser schweren Stunde über die «Erdbebentauglichkeit der Türkei zu diskutieren».

Feuerwehren aus vielen Städten der Türkei schickten Unterstützung ins Katastrophengebiet. Mehrere Tausend Helfer bauten fast 10'000 Zelte auf. Auch Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis bot Rettungsteams an. Die Beziehungen der Nachbarländer stehen wegen des Streits um Gasbohrungen in der Ägäis eigentlich unter Dauerspannung.

Fussballfans des Istanbuler Clubs Fenerbahce warfen während des Spiels gegen den Lokalrivalen Basaksehir am Samstag in Istanbul ihre Schals und Mützen auf den Platz und skandierten: «Elazig friere nicht, Fenerbahce ist mit dir!» Die Kleidungsstücke sollen nach Angaben des Senders NTV an die Erdbebenopfer geschickt werden. Fans des Erstligisten Besiktas schickten mehr als 3800 Decken.

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