Kitzbühel in Schockstarre

Ein Mann erschiesst seine Ex-Freundin und ihre Familie – fünf Tote in einem Haus. Über einen Ort, der das Unbegreifliche zu begreifen versucht.

Kitzbühel, 8272 Einwohner, bekannt für Glamour und Leichtigkeit trauert um eine ganze Familie. Foto: Johann Groder, Keystone

Kitzbühel, 8272 Einwohner, bekannt für Glamour und Leichtigkeit trauert um eine ganze Familie. Foto: Johann Groder, Keystone

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Die Maschinen verarzten die aufgerissene Strasse wie eine klaffende Wunde, Bohrer bohren, eine Walze walzt, Arbeiter bellen Kommandos. Kitzbühel in den Tiroler Alpen rüstet sich für die anstehende Wintersportsaison. Vorbei schlendern Touristen, zwischen Lobster-Restaurants und Luxusuhr-Boutiquen. Zumindest hier in der Fussgängerzone wirkt an diesem Montag alles wie immer. Das gleichmässige Rattern der Maschinen hört sich nach Alltag an, nach Alltäglichkeit, nach Normalität.

Wer aber genau hinschaut, sieht die schwarzen Trauerflaggen im Wind wehen, vor dem Rathaus, beim Roten Kreuz, vor der Berufsschule.

Und man kann sie natürlich nicht übersehen, all die Fernsehteams in dem Skiort, die müden Kameramänner und wachen Ansagerinnen, die nicht hier sind, um über Promis zu berichten, wie das sonst so ist, über die internationale Schickeria, die jedes Jahr nach Kitzbühel kommt, zum berühmten Hahnenkammrennen und zum Urlaubmachen. Die Kameras sind auf das Rathaus gerichtet, auf die Berufsschule, auf die Kneipe «The Londoner». Und auf ein Haus am Hang nicht weit vom Stadtzentrum.

Der Tatort: Noch immer sind die Behörden mit den Untersuchungen beschäftigt. Foto: Daniel Liebl, Keystone

Hier, wo nun ein rot-weisses Absperrband flattert und Trauernde Dutzende Kerzen aufgestellt haben, hat am Sonntag ein Mann fünf Menschen getötet. Der Mann, 25 Jahre alt, hat, nach allem, was man weiss, die Trennung von seiner 19-jährigen Freundin nicht verkraftet. Frühmorgens tauchte er beim Haus ihrer Familie auf, wurde vom Vater an der Tür abgewiesen. Er ging, kam wieder, erschoss den Vater, erschoss die Mutter, erschoss den Bruder, erschoss die junge Frau und ihren neuen Freund.

Wie kann eine kleine Gemeinde so etwas verarbeiten? Verändert sich ein Ort durch eine solche Tat? Ein Ort, der nach aussen für Leichtigkeit steht, für Hansi Hinterseer, Geschunkel und Highlife?

Der Chef der Firma, der nun seinen Mitarbeiter verloren hat, der wohnt direkt neben der Familie des Täters.

In der kleinen Hotdog-Bude am Sterzinger Platz schüttelt die Besitzerin einfach nur den Kopf. Steht da, drückt Ketchup über die Currywurst und schüttelt den Kopf. Es gebe ja nichts zu sagen. «So etwas», sagt sie, hält inne. «Hier?» Sie schüttelt wieder den Kopf. Es sind schwere Fragen, weil sie kaum zu beantworten sind.

Im Rathaus ist der Bürgermeister noch beschäftigt, also wartet man mit Felix Obermoser, dem Pressesprecher. «Gerade hat eine Mutter hier angerufen», sagt er. «Die hatte Angst, dass ihr der Sohn wegkippt.» Weil er befreundet war mit einem der Opfer. So ist das in einer kleinen Gemeinde wie Kitzbühel, 8272 Einwohner: Jeder kennt hier jeden. Felix Obermoser sagt: «Die ganze Stadt ist persönlich betroffen.»

Obermoser selbst kennt die Mutter des Täters. Die erschossene Mutter wiederum ist mit seiner Schwester in die Schule gegangen. Und mit der getöteten jungen Frau ist seine Tochter zur Schule gegangen. Andere Geschichte: Der getötete Vater war bei einer Hausbetreuungsfirma angestellt. Der Chef dieser Firma, der nun seinen Mitarbeiter verloren hat, der wohne direkt neben der Familie des Täters.

«So geht's den meisten in der Stadt», sagt Obermoser. «Irgendwann haben sich die Wege mal gekreuzt.»

Er rollt mit seinem Stuhl nach hinten, beugt sich über den Schreibtisch und dreht das kleine Radio lauter, Lokalsender, Life Radio Tirol. «22 Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes waren am Sonntag im Einsatz», sagt die Sprecherin gerade, «heute sind es noch 14.»

Die Stadt muss sich um das Begräbnis kümmern. So ist das, wenn eine ganze Familie mit einem Schlag ausgelöscht ist.

Obermoser zeigt aus dem Fenster, dort drüben, im «Londoner», sagt er, haben sich die 19-Jährige und ihr Freund am Samstagabend noch zum Feiern getroffen. Der Freund war Eishockeyspieler, Adler Kitzbühel, zweite österreichische Liga. Das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes, das auch schon an der Kaufmännischen Berufsschule war, an der die junge Frau lernte, wird sich am Abend um acht mit der gesamten Eishockeymannschaft treffen.

Klaus Winkler kommt ins Zimmer, der Bürgermeister, 55, in Kitzbühel geboren, ein grossgewachsener Mann mit einer grossen Aufgabe. Auch er kennt die Mutter des Täters persönlich, auch er tut sich mit Antworten schwer. Er spricht von einer «höheren Gewalt», so sähen das die Menschen im Ort. «Wie wenn ein Blitz irgendwo einschlägt», sagt er.

Für den Bürgermeister beginnt die Aufarbeitung mit Organisation. Erst mal muss sich die Stadt um das Begräbnis kümmern. So ist das, wenn eine ganze Familie mit einem Schlag ausgelöscht ist. Im Ort selbst gibt es keine Angehörigen mehr.

Einander zuhören, sagt der Pfarrer, füreinander da sein, miteinander reden.

Im Radio läuft jetzt «Shallow» von Lady Gaga, ganz leise, ein herzzerreissendes Lied über die Suche nach Sinn und Tiefgang im Leben, und es ist wahrscheinlich ganz gut, dass es nicht lauter läuft.

Michael Struzynski ist an diesem Montag beruflich unterwegs, er meldet sich am nächsten Tag am Telefon. Er ist der Pfarrer in Kitzbühel, einer also, der etwas vom Trösten versteht, vom Aufarbeiten. Auch er hat die Familie gut gekannt, die junge Frau getauft, zur Firmung geführt. Es werde lange dauern, sagt er, bis Kitzbühel zur Ruhe kommt. Und wie kann man es schaffen, den Blick wieder nach vorne zu richten? Einander zuhören, sagt er, füreinander da sein, miteinander reden.

«Kitzbühel steht zusammen»: Trauernde haben vor dem Tatort Dutzende Kerzen aufgestellt. Foto: Johann Groder, Keystone

Direkt neben dem Rathaus steht Gabi Brandner in ihrem Laden, schaut nach draussen und knetet einen Stift in ihrer Hand. Es kommt ihr ruhiger vor als sonst, gedämpfter. Anders. Immer wieder sind heute Bekannte zu ihr in den Laden gekommen. Sie haben das Bedürfnis, zu reden. Brandner sagt: «Man kann dann vielleicht besser damit umgehen.»

Gabi Brandner lebt seit 22 Jahren in Kitzbühel, hat erst ein kleines Wirtshaus aufgemacht, dann den Laden, Tutto Italia, Lebensmittel aus Italien. Sie lebt vom Tourismus, vom Ruf des schicken Orts, den die Gemeinde geschickt zu pflegen versteht. «Aber es sind unsere kleinen dörflichen Strukturen, die uns jetzt helfen», sagt Brandner. «Gottseidank haben wir die noch.» Trotz Promis, trotz Massentourismus, trotz Hahnenkammrennen, wenn Kitzbühel von Besuchern geflutet wird, 80'000 Menschen an einem Wochenende.

Der Bürgermeister sagt über die Angehörigen des mutmasslichen Täters: «Sie sind unschuldig.»

Draussen vor dem Hotdog-Stand stehen ein Mann im Overall und eine junge Frau mit roter Mütze, im Gespräch vertieft.

«Ich kenn nur den Buam.»

«Mei, ich kenn die Mutter.»

«Furchtbar. Und aus so einem Grund.»

Vielleicht haben sie ja beide recht, die Besitzerin vom Hotdog-Stand und Gabi Brandner: Es gibt nichts zu sagen, aber es gibt viel zu bereden.

Natürlich wabern auch Fragen durch den Ort. Wie kann es sein, dass der Täter so leicht zu einer Waffe kam, der Waffe des Bruders, der im Ausland war? Wie ist eine solche Gewalt möglich, von einem Menschen, dessen Familie in der Mitte der Gesellschaft lebte? Und auch die Kriminalstatistiken, die besagen, dass allein im benachbarten Deutschland jeden Tag ein Mann versucht, seine Partnerin oder Ex zu töten, erklären nichts, sondern werfen neue Fragen auf.

Und dann ist da noch die Sache mit der Familie des Täters. «G'red wird ja immer» in einem kleinen Ort, sagt Gabi Brandner, so wird es auch hier sein. Wie geht es dann weiter für die Familie, wenn Blicke geworfen werden, wenn das Flüstern beginnt?

Bürgermeister Winkler sagt: «Sie sind unschuldig zu diesem Schicksal gekommen.»

Pfarrer Struzynski sagt: «Sie brauchen menschliche Wärme.»

Gabi Brandner sagt: «Kitzbühel steht zusammen.»

Erstellt: 09.10.2019, 20:32 Uhr

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