Mal wieder die rosa Brille aufsetzen

Zwischen Kindern, Beruf und Haushalt stellen sich gute Gespräche nicht mehr einfach so ein. Es lohnt sich, sich als Paar gemeinsam an die ersten Momente der Beziehung zu erinnern.

Am Anfang einer Beziehung idealisiert man den Partner. Diesen Blick der Anfangszeit kann man selbst nach Jahrzehnten wieder hervorholen.

Am Anfang einer Beziehung idealisiert man den Partner. Diesen Blick der Anfangszeit kann man selbst nach Jahrzehnten wieder hervorholen. Bild: Shotshop

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Wie war das, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind? Was hat mich an dir fasziniert? Wie habe ich mich gegeben? Ab wann waren Gefühle im Spiel? Und wie fühlte sich unsere erste Berührung an? Der Beginn einer Liebesbeziehung hat etwas Magisches. Sich daran zu erinnern, tut gut. Frisch verliebt, betrachte man den Partner neugierig und offen, sagt Inma Vidal von der Winterthurer Paarberatungs- und Mediationsstelle. Man sehe das Positive und bewerte noch weniger stark als später. Man sei beispielsweise beeindruckt, wie eloquent jemand sei, während man sich nach einigen Jahren beklage, dass man selbst nie zu Wort komme. Zur Verliebtheit gehöre, dass man das Gegenüber bis zu einem gewissen Grad idealisiere – wie man dies auch bei eigenen Kindern tue. Diesen Blick der Anfangszeit könne man selbst nach Jahrzehnten wieder hervorholen. «Er führt mir vor Augen, was ich gesucht und gefunden habe», erklärt Vidal.

An Verliebtheit anknüpfen

Es gebe gute Gründe, weshalb sich zwei Menschen füreinander entschieden hätten, sagt ihr Kollege Paul Vogel. Es lohne sich, sich das Verbindende in Erinnerung zu rufen. Die Frage «Weisst du noch?» komme in guten Beziehungen immer mal wieder von selbst auf. Eine ritualisierte Form der Rückschau könne aber ebenso wertvoll sein. Achte man dabei auf Details, könne man mit allen Sinnen in das gemeinsam Erlebte eintauchen. «Während des Erzählens kommen die positiven Gefühle wieder hoch.»

Am Paarimpuls-Tag vom 18. März führen die beiden Berater einen Workshop zum Thema «Lovestories – die Liebesgeschichte als Ressource für die Beziehung» durch (siehe Kasten). Die Paare werden darin in erster Linie zu zweit arbeiten.

Der Blick auf das Schöne

Im Alltag bleibt für einen solchen Austausch oft kaum Zeit und Raum. Gerade wenn Kinder da sind, rücken Beziehung und Liebesleben in den Hintergrund. Fragen der Kinderbetreuung und Erziehung lösen neue Konflikte aus; die Aufmerksamkeit liegt häufig darauf, was nervt. Die Schuhe, die seit Tagen verstreut im Gang liegen, oder der Abfall, der im Keller vor sich hin gammelt, statt auf der Strasse zu stehen, erhalten plötzlich eine enorme Bedeutung. «Dabei ist der Partner immer mehr als das», sagt Inma Vidal. Man müsse bereit sein, das Schöne im anderen zu sehen. Sich wieder einmal die Brille der ersten Tage aufzusetzen, könne dabei helfen. «Man kann die Verliebtheit auch in langjährigen Beziehungen immer wieder finden», sagt Vogel.

Ein Date mit dem Partner

Doch damit das gelingt, müssen sich die Partner begegnen. Ein Weg ist es, sich neben Kindern, Beruf und Haushalt bewusst Zeitfenster für Gespräche und gemeinsame Aktivitäten zu schaffen. Nur weil diese künstlich erzeugt werden, heisst dies nicht, dass sie keine guten Erlebnisse ermöglichen. Diese Erkenntnis wollen die Workshopleiter am Weiterbildungstag vermitteln. «Es geht darum, den Teilnehmenden ein Instrument mitzugeben, das sie jederzeit wieder hervorholen können», sagen sie.

Dass sich Paare heute zunehmend über Facebook, Tinder und Parship kennen lernen, hat gemäss den beiden Paartherapeuten nicht die Liebesgeschichten an sich, aber die Selektion verändert. Indem Singles auf den Onlineportalen klare Kriterien festlegen, schliessen sie Menschen aus, die ihnen bei einer persönlichen Begegnung gefallen würden. Die Auswahl wird dadurch kleiner. Der magische Moment, in dem eine Beziehung beginnt, hat sich jedoch nicht gewandelt.

Die Frage nach der Anfangszeit stellt Inma Vidal auch jenen Menschen früher oder später, die sie an der Fachstelle berät. «Häufig ändert sich dann die Qualität des Erzählens.» Allerdings müsse das Paar bereit sein, sich darauf einzulassen. «Wie es das tut, verrät, welche Gefühle gerade im Spiel sind», ergänzt Vogel. In einer Krisensituation könnten Wut oder Zynismus die positiven Erinnerungen überlagern.

Paare zögern lange

Bis sich ein Paar an eine Beratungsstelle wendet, vergeht oft viel Zeit. Die Hemmschwelle ist gross. Auslöser, sich zu melden, sind häufig Übergänge. Dazu zählt etwa, dass ein Paar Nachwuchs bekommt, dass sich Kinder ablösen oder eine neue Arbeitsstelle Veränderungen in die Familie bringt. Aussenbeziehungen oder das Gefühl, für einander nichts mehr zu empfinden, können ebenfalls Gründe sein, sich fachlichen Rat zu holen. «Oft suchen die Paare selbst Lösungen, setzen diese aber zu wenig lang durch», sagt Inma Vidal. Eine Beratung schafft da eine gewisse Verbindlichkeit. Sie ermöglicht zudem eine Aussensicht und liefert neue Ideen, an der Beziehung zu arbeiten. Eine Therapie könne durchaus Spass machen, betonen die beiden Fachleute.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 03.03.2017, 15:24 Uhr

Paarimpuls-Tag

«... den gönnen wir uns!» Mit diesem Slogan werben die öffentlichen Paarberatungs- und Mediationsstellen des Kantons Zürich für den nächsten Paarimpuls-Tag, der am 18. März stattfindet.

Als Auftakt steht ein Referat der Philosophin Eva Schiffer auf dem Programm. Sie wird sich dem Thema «Über Liebe und Freundschaft – und warum die beiden ohne einander nicht lebensfähig sind» widmen. Danach können sich die Besucherinnen und Besucher einem von acht Workshops anschliessen. Zur Wahl stehen neben dem oben aufgeführten Thema beispielsweise «Beziehungsfreundliche Kommunikation – die Sprache des Herzens», «Partnerschaft und Achtsamkeit» oder «Liebesbeziehung in Patchworkfamilien». Für 2- bis 7-jährige Kinder wird eine Betreuung angeboten.
Paarimpuls-Tag am Samstag, 18. März, 9.30 bis 14.15 Uhr, Hirschengraben 50, Zürich. Teilnahmegebühr: 50 Franken pro Person. Anmeldeschluss: 11. März. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Anmeldung und Informationen:
www.paarimpuls.ch

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