Putzfrauen

«Wir sind Menschen, keine Roboter»

Sie kennen unser Zuhause und unseren Dreck. Doch wie gut kennen sie uns? Drei Putzfrauen sprechen über Lohndumping, schwierige Kunden und verraten, wie sauber die Schweizer tatsächlich sind.

Tag für Tag mit dem Schwamm drüber: Eine Putzfrau reinigt ein Dachfenster in einem Einfamilienhaus.

Tag für Tag mit dem Schwamm drüber: Eine Putzfrau reinigt ein Dachfenster in einem Einfamilienhaus. Bild: Keystone

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Schweizer sind sehr stolz auf ihre Ordnung und Sauberkeit. Zurecht?
Eliane Amaral: Es gibt hier beide Extreme. Die sehr ordentlichen Haushalte und die sehr schlampig geführten.
Trinidad Arca: Ich habe Glück gehabt mit meinen Kunden. Aber in Spanien wo ich herkomme, sind die Leute vielleicht noch einen Tick ordentlicher. Dort lernt man von klein auf wie man ein Bett zu machen hat. In der Schweiz lernen das viele Kinder nicht.
Eliane Amaral: Auch in portugiesischen Haushalten ist Sauberkeit eher noch wichtiger. Ich habe Mitarbeiterinnen, bei denen sieht man im Badezimmer kein einziges Haar – und das ist nicht bloss so, weil sie Putzfrauen sind.
Silvia Nydegger: Ich putze bei Schweizern und Ausländern und stelle keinen Unterschied fest punkto Sauberkeit. Wir alle legen Wert auf eine gepflegte Umgebung. Gut, die Jungen sind manchmal etwas chaotischer – aber das ist normal.

Sie haben sicher auch schwierige Kunden, die sehr pingelig sind. Wer ist anstrengender, Leute mit oder Leute ohne viel Geld?
Silvia Nydegger: Das lässt sich nicht sagen.
Trinidad Arca: Genau, es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Beispiele.
Eliane Amaral: Leute mit viel Geld sind anstrengender. Es gibt Reiche, die immer versuchen den Preis zu drücken. Sie feilschen um jeden Rappen und fragen: Können sie beim Stundenlohn nicht einen Franken runter. Ich habe einer sehr reichen Frau gekündet, weil sie bei jeder einzelnen Rechnung nach Rabatt verlangt hat. Das war mir zu anstrengend. Hingegen habe ich es in den 15 Jahren, in denen ich meine Firma habe, nie erlebt, dass eine Mittelklasse-Familie gesagt hat: Das ist uns zu teuer.

«Ich bin nicht da um andere Leute zu erziehen wie eine Mutter.»Trinidad Arca

Wie ist der Umgangston? Werden sie oft herumkommandiert?
Trinidad Arca: Ich nicht, aber ich kenne Leute, denen das passiert.
Eliane Amaral: Auf hundert Kunden kommt einer, der im Befehlston spricht. Im allgemeinen begegnen die Kunden meinen Mitarbeiterinnen und mir mit Respekt.
Silvia Nydegger: Mir auch. Die Kunden sind froh, wenn sie mich sehen. Viele lassen mich frei arbeiten und kontrollieren mich auch nicht im Nachhinein. Sie sagen: Frau Nydegger, sie wissen ja Bescheid. Ich bekomme auch oft Komplimente dafür, wie gut und sauber ich arbeite. Es gibt Kunden, die mir sagen, sie sind meine Putzperle.

Worauf achten sie, wenn Sie erstmals die Wohnung eines Kunden betreten?
Trinidad Arca: Darauf, ob es ordentlich ist. Der Schmutz ist mir egal, aber wenn Unordnung herrscht, verliere ich bei der Arbeit viel Zeit. Wenn ich bloss für zwei drei Stunden gebucht werde, ist das ein Problem. Das teile ich den Kunden mit.
Eliane Amaral: Für viele Kunden ist die Quantität wichtiger als die Qualität. Eine grosse Wohnung soll in möglichst kurzer Zeit geputzt werden. Will ein Kunde zuviel in kurzer Zeit, lehne ich den Auftrag ab. Für eine 100-Quadrameter-Wohnung brauchen wir rund drei bis dreieinhalb Stunden.
Silvia Nydegger: Ich sehe mir alle Zimmer an, schaue wie verschmutzt sie sind und ob alle Putzmaterialien vorhanden sind. Dann lege ich los. Wenn eine Wohnung zwei Badezimmer hat oder mehr, kann die Zeit tatsächlich zum Problem werden.

Ist das Badezimmer das mühsamste Zimmer zum Putzen?
Trinidad Arca: Ja, wegen den vielen Kalkablagerungen. Viele Leute, die eine Putzfrau haben, machen nichts mehr im Bad.
Eliane Amaral: Das ist so. Es gibt Leute, die ihre Küche sauber halten, das Bad aber nicht.
Silvia Nydegger: Ausserdem stehen im Bad meist noch Kosmetikprodukte rum, die ich wegräumen muss und wieder zurückstellen. Die Küche ist aber auch aufwendig.

«Es gibt Reiche, die immer versuchen den Preis zu drücken.»Eliane Amaral

Sie sehen viele verschiedene Wohnungen und Häuser. Interessieren sie sich für die Einrichtung?
Trinidad Arca: Aber ja, Ich kann da einiges lernen. Wenn mir zum Beispiel ein Sofa gefällt, frage ich den Kunden, wo er es gekauft hat.
Silvia Nydegger: Sagen wir es so: Es freut mich, wenn eine Wohnung schön eingerichtet ist.
Eliane Amaral: Ich schaue mir Räume eher aus arbeitstechnischer Sicht an. Wir putzen oft Häuser, in denen sehr teure Bilder hängen. Da sage ich von Beginn an: Die fassen wir nicht an. Das Risiko ist zu gross, falls etwas kaputt geht.

Inwiefern können sie von der Wohnung auf den Menschen schliessen?
Silvia Nydegger: Die jüngeren Kunden sind eher modern eingerichtet, ältere haben vielfach antike Holzmöbel und Buffets. Aber von der Einrichtung auf den Beruf schliessen, kann ich nicht.
Trinidad Arca: Wenn die Wohnung einfach und zweckmässig eingerichtet ist, sind die Leute im Normalfall unkompliziert. Es gibt auch sehr gut angezogene Leute, deren Wohnung eine Katastrophe ist (lacht).
Eliane Amaral: Die kenne ich. Wir putzen für Businessmänner, die tiptop angezogen sind, Krawatte tragen. Und dann betritt man ihre Wohnung und dort herrscht das Chaos.
Trinidad Arca: Solange ich gut behandelt werde, ist das für mich kein Problem. Ich bin nicht da um andere Leute zu erziehen wie eine Mutter. Ich mache meinen Job – fertig.
Eliane Amaral: Wir haben für diesen Typ Kunden, der nichts macht im Haushalt, spezielle Mitarbeiterinnen, die speditiv putzen und alles in Ordnung bringen. In Villen brauche ich eine andere Art von Mitarbeiterinnen: Perfektionistinnen.

Sind Villen schwieriger zu putzen als kleine Wohnungen ?
Trinidad Arca: Nein, kleine Wohnungen sind schwieriger. Zumindest rein vom Gefühl her. Ich kann aber nicht genau sagen warum.

Weil in kleineren Räumen mehr herumsteht?
Silvia Nydegger: Nein, heutzutage stehen weniger Möbel herum. Eine wirklich vollgestopfte Wohnung hat keiner meiner Kunden. Ich finde es strenger ein Haus zu putzen. Aus einem einfachen Grund: es gibt mehr zu tun. Du beginnst zuoberst und hörst zuunterst auf.

Viele Leute putzen nicht gern. Sie verdienen ihr Geld damit. Was gefällt ihnen an ihrer Arbeit?
Silvia Nydegger: Dass ich frei entscheiden kann und weiss, was ich zu tun habe. Ich putze gern. Sonst ginge es nicht.
Trinidad Arca: Ich putze auch gern und bin froh um diese Arbeit. Wer Privathäuser reinigt, kann auch anständig verdienen. Besonders gerne arbeite ich in Haushalten mit Hunden, Katzen und kleinen Kindern. Dort gibt es zwar mehr zu tun, der Spassfaktor ist aber auch höher.
Eliane Amaral: Ich freue mich immer, wenn ich Mails oder SMS erhalte, in denen eine meiner Mitarbeiterinnen gelobt wird. Als ich selber noch putzte, war ich sehr detailversessen. Ich habe die Kissen so gerichtet, wie sie es in Hotels tun, habe selbst Schuhcréme gekauft um Schuhe zu polieren. Eine gute Putzfrau sollte jedes Haus so putzen als ob es das eigene wäre

Wie sehen das die anderen? Sind sie bei sich zuhause auch pingelig, oder sagen sie sich: Ich bin jetzt ausser Dienst.
Trinidad Arca: Ich putze nicht jeden Tag zuhause, aber ich schaue, dass meine Wohnung sauber ist.
Silvia Nydegger: Ich bin zuhause sicher weniger pingelig als bei meinen Kunden. Ich will ja nicht nur arbeiten, sondern möchte auch noch leben.

«Kunden sagen mir, sie sind meine Putzperle.»Silvia Nydegger

Könnten sie sich vorstellen, für ihren eigenen Haushalt eine Reinigungskraft zu engagieren?
Trinidad Arca: Nein. Nicht weil ich keine fremde Person in meiner Wohnung haben möchte, sondern weil ich meinen Haushalt gerne selbst mache. Silvia Nydegger: Ich auch. Aber wer weiss, vielleicht engagiere ich eine Putzfrau, wenn ich einmal älter bin.
Eliane Amaral: Ich prüfe eine neue Mitarbeiterin zuerst bei mir zuhause – auch wenn sie gute Referenzen hat und langjährige Erfahrung. Vielleicht hat sie für jemanden geputzt, der halbblind ist und die Arbeit gar nicht richtig beurteilen kann. Bevor ich eine Mitarbeiterin einem Kunden vorstelle, arbeite ich sie immer persönlich ein.

Sie sehen jeden Tag viel Dreck. Wann bereitet ihnen ihre Arbeit Mühe?
Eliane Amaral: Ich mag es nicht, wenn uns eine Kundin auf Schritt und Tritt folgt und Anweisungen gibt. Das ist unangenehm.
Trinidad Arca: Ich wische nicht gerne Staub. Das langweilt mich.
Silvia Nydegger: Ich hingegen entstaube gern. Grosse Flächen staubsaugen und Böden aufnehmen gehört dafür nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber gemacht werden muss es natürlich.

Wie möchten sie eigentlich genannt werden? Ist Putzfrau in Ordnung? Oder gibt es einen Begriff, den sie bevorzugen?
Trinidad Arca: Putzfrau ist ok für mich.
Eliane Amaral: Für mich auch.
Silvia Nydegger: Putzfrau ist ja kein abwertender Begriff. Ich finde nicht, dass Raumpflegerin besser klingt.

Zum Schluss die Frage: Was wollten sie ihren Kunden immer mal sagen?
Trinidad Arca: Wer ein sauber geputztes Haus hat, ist im Geist ruhiger.
Eliane Amaral: Ich habe mehrmals Kunden gesagt, sie würden ein zu hohes Arbeitstempo verlangen. Darum: Wir sind Menschen, keine Roboter. Und noch etwas: Den Schweizern ist es sehr wichtig, dass wir bezahlen, wenn wir aus Versehen etwas kaputt machen. Den Satz, «macht nichts, das kann passieren» habe ich in all den Jahren fast nie gehört. Als Putzfrau wird man nicht reich und die 200 Franken Selbstbehalt sind für manche Mitarbeiterinnen viel Geld. Am Schluss zahle ich dann die Rechnung, weil ich meinen Mitarbeiterinnen das Geld nicht vom Lohn abziehen kann. Das wäre herzlos. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.07.2016, 14:17 Uhr

Zu den Personen

Trinidad Arca (43): Die Spanierin arbeitet seit über einem Jahrzehnt als selbstständige Putzfrau, vornehmlich an der Goldküste.
Eliane Amaral (52): Die Portugiesin führt seit 15 Jahren am Zürichsee die Firma Putzfee. Zuvor war sie als Putzfrau tätig.
Silvia Nydegger (44): Die Schweizerin arbeitet seit zweieihnalb Jahren für die PutzZentrale Zürichsee. Zuvor war sie in der Gastronomie tätig.

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